Life is still a Nuthouse

Dienstag klopfte es an meine Tür. Das war schon mal ungewöhnlich, denn eigentlich klopft niemand an meine Tür, weil die Tür meines Büros an sich nie verschlossen ist. Nun war Dienstag aber meine Tür verschlossen, weil Dienstag einer dieser Tage war. Einer dieser seltenen Tage. Einer dieser zum Glück immer selteneren Tage, an denen ich mich von meiner Störung tatsächlich sehr gestört fühle.

Vielleicht kennt ihr solche Tage. Wenn die Wahrnehmung verzerrt ist. Man nur Negatives sieht, Negatives fühlt und Negatives denken kann. Man zwar weiß, dass es nicht zutrifft. Dieses Wissen nur nichts nützt, weil man es nicht fühlen kann. Und was man nicht fühlt, das existiert nicht. Vielleicht kennt ihr solche Tage. An denen man trotzdem ins Büro fährt, die Tür aber verschlossen bleibt.

Nun klopfte jemand an die Tür. Was nicht wirklich günstig war, denn ich hatte viel zu tun. Mit mir. Weil ich hinter dieser Tür zunehmend apathisch wurde, vielleicht schon dissoziativ. Nun gibt es Dinge, die man tun kann. Wenn Gegenandenken nicht hilft und Arbeiten nicht ablenkt. Menschen anrufen zum Beispiel. Menschen, die man mag und die einen auch mögen. Mit denen man über Dinge spricht. Ganz normal über Normales bis man auch wieder normal ist. Oder weniger gestört. Nur geht nicht immer jemand ran. Was natürlich sehr verständlich, nur im speziellen Einzelfall dann eben auch recht misslich ist.

Doch man kann andere Dinge tun, wenn Telefonjoker nicht rangehen. Man selbst schon dreimal um den Block lief, achtsam dabei Blätter zählte oder grünfarbene Autos, den Wind wahrnahm und natürlich vollkommen wertfrei kurzbehoste Menschen in vermüllten Parkanlagen. Wenn es dann wundersamerweise trotzdem noch nicht besser ist, kann man auch andere Dinge tun. Und für diese ganz besonderen Momente habe ich Ammoniak dabei und auch in der Büroschublade. Zugegeben. Das ist weit weniger charmant als ein freundliches Gespräch und verbale Streicheleien von mir geliebten Menschen. Das ist mehr so der Fausthieb ins Gesicht von hünenhaften Türstehern mit gorillaartiger Präsenz. Aber dafür recht effektiv.

So saß ich also im Büro. Bei zurecht verschlossener Tür und nahm einen tiefen Zug als es an ebendieser klopfte. Und ich hätte gern „Herein.“ gesagt. Oder eher „Draußen bleiben!“, weil ich noch am Schwanken war von dem olfaktorischen Schlag, der mir in der Sekunde fluchend Tränen in die Augen trieb. Doch es wartet niemand auf die Antwort. Der Postmann, der trat einfach ein und überreichte mir, meinen Zustand ignorierend oder schlichtweg übersehend, einfach einen Briefumschlag. Es war das Einschreiben von meiner Universität mit der Promotionsurkunde, auf die ich schon sehr lange wartete und, ohne die dieser Prozess noch immer nicht zu Ende war.

Und so saß ich dort. Hinter erneut verschlossener Tür. Links das Ammoniak. Rechts den Doktortitel. Und wenn eine einzige Szene mein Leben gut beschreibt, dann ist es vermutlich diese.

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Sommerloch

Es ist warm. Ich schwitze.

Es ist warm. Ich schwitze. Und ich möchte gar nichts anderes tun.

Ich möchte gar nichts anderes tun als einfach nur zu schwitzen. Zu zerfließen. Überall. Vor mich hinzutranspirieren. Auf der gesamten Oberfläche. Feuchtigkeit zu diffundieren. Ja, ich möchte gar nichts anderes tun.

Und das musste ich auch nicht die letzten Wochen. Denn diese Wochen hatte ich frei. Freie Zeit. Freiheit. Um zu schwitzen. Wo ich es wollte. Mit wem ich es wollte.

So schwitzte ich in Brandenburg beim Paddeln.
Ich schwitzte am Senftenberger See.
Ich schwitzte sogar kurz in Polen.
Ich schwitzte in Großräschen, Spremberg, Hoyerswerder und in Eisenhüttenstatt. Klar. Man kann auch schöner schwitzen. Aber schön, das können alle. Ich schwitze lieber interessant.

Und natürlich auch in Hamburg. Dort schwitze ich besonders gern. Und natürlich nicht allein. Denn gemeinsam lässt es sich viel netter schwitzen. Zu zweit oder mal im Kollektiv.
So schwitzten wir zusammen an der Elbe in den Sonnenuntergang.
Wir schwitzten auf einem Dach über der Stadt, als der Mond langsam verschwand.
Wir schwitzten im Kettenkarusell, beim Autoscooter und ungezählten Fischbrötchen.
Einmal sogar mit Erdbeertorte und Familie. Denn Geburtstag hatte ich auch.

Und jetzt, ja, jetzt schwitze ich wieder in Berlin. Und muss auch wieder anderes tun. Arbeiten zum Beispiel. Die neue Therapie beginnen. Den geregelten Alltag ertragen. Und zu alledem auch mich. Das ist hart. Manchmal auch anstrengend. Ja, ich würde gerne anderes tun.

Die Penetranz der negativen Reste

Ich mag Wissenschaft. Natürlich. Schließlich bin ich Wissenschaftlerin und würde ich Wissenschaft nicht mögen, wäre es irgendwie auch doof. Aber ganz besonders mag ich Wissenschaft, wenn mir Wissenschaft etwas erklärt, das ich bisher immer nur diffus empfand. Wie die Sache mit meinen Problemen. Beziehungsweise mein Problem der fehlenden Probleme, was daher problematisch ist, weil meine Probleme dadurch oftmals erst entstehen. Wie die aktuelle Studie der Psychologen Gilbert und Levari der Univeristy of Harvard mir nun auch beweist. Denn das Problem mit den Problemen ist, dass wir die Definition von Problemen erweitern, je weniger wir davon haben und uns damit neue schaffen. Das „Gesetz der zunehmenden Penetranz der negativen Reste“, so beschreibt es Odo Marquard. Und damit hat er wohl auch recht.

Denn ich erinnere mich an das Jahr, in dem mein Vater starb. Ich war 25 und noch Studentin zu der Zeit. Ich saß mit einem Bestatter an unserem Küchentisch. Dem gleichen Bestatter an ebendiesem Küchentisch mit dem ich vor sechs Monaten schon mit meinem Vater saß. Und ebendem Bestatter. Um die Beerdigung seiner Mutter zu planen, die meine Großmutter war und einer der wichtigsten Menschen meines Lebens. Und nun saß ich wieder dort. Mit diesem Mann. An diesem Tisch. Und plante die Beerdigung des Vaters und einem anderen wichtigsten Menschen meines Lebens. Doch das war nicht alles, was es für mich zu planen gab. Denn durch seinen Tod hatte ich auch ein Büro mit einer Vielzahl von Projekten sowie Mitarbeitenden geerbt. Und was ich auch noch erbte war ein enormes Maß an Schulden und eine Nachlassinsolvenz. Denn mein Vater war nicht nur ein guter Architekt, sondern ein ebenso miserabler Geschäftsmann. Entschuldigung, Papa. War aber so. Und daher verloren wir vieles. Nicht nur meinen Vater. Wir verloren mein Elternhaus, das zwangsversteigert wurde. Autos. Immobilien. Existenzgrundlage. Freunde. Und als mich zwei Wochen nach seinem Tod die Polizei aus meiner Wohnung anrief, in der sie gerade standen, weil sie ausgebrannt war, wie sie mir sagten – Kurzschluss des Kühlschranks. Spontane Selbstentzündung. Pech – nahm ich das beinahe schon mit Gleichmut hin und kümmerte mich einfach. Ja. Zu der Zeit hatte ich Probleme. Aber ich kam damit zurecht.

Und jetzt. Ja, jetzt. Jetzt habe ich keine Probleme. Und das Problem der fehlenden Probleme ist, dass sich die Wahrnehmung von Problemen auf Problembereiche ausweitet, die zunehmend grundsätzlich sind: Lebenszufriedenheit. Berufliche Erfüllung. Sinn der Existenz. Alterungsprozesse. Und die man wenig ändern kann. Das ist somit die Penetranz. Der negativen Reste. Und die sind wirklich ein Problem.

Die Entdeckung der Langsamkeit (Fortsetzung)

Das Krankenhaus
Nach einer kurzen, schnellen Fahrt kamen wir – welch‘ Überraschung – heil und unbeschadet an. Wobei „unbeschadet“ meinen Zustand wahrlich nicht korrekt beschreibt. Doch fühlte ich mich bereits erleichtert als die Türen des Hospitals sich mir entgegen freundlich öffnen und ich durch ihre ausgestreckten Arme hinein ins Innere geschoben werde. Direkt in ein Behandlungszimmer, in dem ein Arzt schon auf mich wartet, der mir sogleich Fragen stellt. Ja. Ja. Nein. Nina Nuthouse. Ja. Gestern. Nein. Nein. Sehr oft. Ja. Dann drückte er mir auf den Bauch und wollte wissen, wann es wehtut. Aber es tat alles weh. Ob mit Druck oder ohne. Das machte keinen Unterschied, wie ich ihm sagte, was ihn nicht zufrieden stimmte, wie mir seine Mimik zeigte. Und das tat mir wirklich leid. Ich wollte doch behilflich sein beim Finden einer Diagnose, ab der dann, so meine Hoffnung, endlich alles besser wird. Aber diesen Test bestand ich nicht. Auch beim Ultraschall fiel ich dann durch, denn er blieb ergebnislos. Ich Versager. Nicht mal krank sein kann ich wirklich, nicht mal so, dass man was findet. Mein Blut sollte noch Aufschluss geben. Und, dass die zuständige Schwester gerade erst vor einer Woche mit ihrer Ausbildung begann, ließ mich nur kurz zusammenzucken. Schließlich war es auch egal. Jeder muss mal anfangen. Irgendwann bei irgendwem. Und das irgendwann war heute und der irgendwer war ich. So blickte ich stoisch auf das Blut, das herab von meinen Arm lief und Flecken auf dem Laken formte, zu deren Deutung ich doch nicht in der Stimmung war.

Zum Abschluss bekam ich eine Infusion und wurde auf den Gang geschoben. Es war 5:25 Uhr. Die Schmerzmittel wirkten und ich schlief langsam ein, während das Krankenhaus erwachte. Schichtwechsel im Halbschlaf. Ein Kommen und ein Gehen. Alles zieht an mir vorbei. Gruppen von Pflegern und Putzpersonal. Ärzte in den ihnen typischen Schwarmformationen und einem lässig-jovialen Plauderton, der halb dämmernd an mein Ohr dringt. Und ich spüre ihre Blicke. Blicke, die man sonst zusammengekauerten Obdachlosen in Hauseingängen zuwirft, während man selbst frischgeduscht und wohlgekleidet auf dem Weg zur Arbeit ist. Solche Blicke, die mich treffen. Leicht sediert und halb bekleidet im Durchgangszimmer abgestellt. Ja. Für Würde scheint hier keine Zeit. Oder es fehlen die Ressourcen. Mir fehlten eine Decke und ein Kissen. Mir war kalt. Ich schlief nicht gut in diesem Flur.

Und als die Schmerzen wiederkommen, wurde ich wieder richtig wach. Doch das interessierte hier keinen. Keiner spricht mit mir. Keiner kümmert sich um mich. Ich versuche Blickkontakt herzustellen mit Menschen, die vorbeikommen. Aber alle weichen aus und eilen schnell an mir vorbei. Alle sind beschäftigt. Ich traue mich nicht laut zu rufen und dafür fehlt mir auch die Kraft. Es ist 9:00 Uhr. Eine Frau kommt und bringt mir ein Glas Wasser. Dann passiert sehr lange nichts. Ich werde wütend. Ich habe Schmerzen. Ich will nach Hause. Dort lässt es sich viel schöner leiden. Zumindest mit Privatssphäre, Bekleidung oder einem Kräutertee. Es ist 10:30 Uhr. Eine Ärztin kommt. Empathisch wie ein Duschvorhang setzt sie mich davon in Kenntnis, dass auch das Blutbild keine Antwort geben kann. Die Laborwerte sind einwandfrei. Sie schicken mich daher nach Hause, denn wenn sie nichts finden, habe ich nichts. Außer Schmerzen. Aber die bilde ich mir wahrscheinlich ein. Schmerzmittel gibt es trotzdem. Intravenös. Die volle Ladung. Mehr können sie nicht für mich tun. Außer ein Taxi zu rufen. Es ist 11:25 Uhr.

Samstagssprechstunde
Vierundzwanzig Stunden später sitze ich bei meinem Hausarzt im Wartezimmer. Zusammengekrümmt in einer Ecke. Doch um mich herum herrscht gute Stimmung. Es ist Samstag. Menschen kommen mit ihren Partnerinnen und Partnern. Solide Paare um die Vierzig, in Kleidung und Erscheinungsbild so überdurchschnittlich durchschnittlich, dass ich Unbehagen fühle. Alle kennen sich untereinander; niemand ist überrascht sich hier zu sehen. Der Arztbesuch scheint soziales Ereignis, vielleicht auch Happening zu sein in diesem Mittelschichtsmilieu. Es werden Geschichten ausgetauscht. Neuigkeiten. Klatsch und Tratsch aus Nachbarschaft oder dem Bekanntenkreis. So ganz erschließt es sich mir nicht. Das alles. Warum diese Menschen hier sind und nicht auf einer Gartenparty in einer suburbanen Siedlung voller Einfamilienhäuser im Fertigteilebau mit handtuchgroßem Grundstück. Da sollten sie sein. Nicht hier. Nicht jetzt. Mit mir. In diesem Wartezimmer, wo sie ein szenischer Kontrast zu mir und meinem Leiden sind. Ich erwarte, dass jeden Moment Picknickdecken ausgebreitet und selbstgemachte Frikadellen und Nudelsalat serviert werden. Auf buntem Plastikgeschirr mit Motivservietten. Oder belegte Brote im Stuhlkreis herumgehen, um die Wartezeit hier zu verkürzen. Stattdessen werden Kochrezepte ausgetauscht. Für Hackbraten und Grillmarinaden. Ich stöhne auf und leide leise.

Nach neunzig Minuten höchst privater Vorhölle darf ich endlich vor zum Arzt. Und das kann man kurz machen: Er weiß auch nicht, was ich habe. „Mysteriös“ sei ihm das alles. Dabei fühlen sich meine Schmerzen weiter durchaus real an. Damit mein Ausflug jedoch nicht vollständig vergeblich war, bekomme ich Rezepte gegen Schmerzen, gegen Krämpfe und noch Überweisungen zu Fachärzten mit Fachverstand. Und werde dann mit guten Wünschen erneut vor die Tür gesetzt.

Entschleunigung
So stehe ich bei dem Arzt vor der Tür und will nach Hause. Ich habe seit fünf Tagen fast nichts gegessen. Die Schmerzen lassen etwas nach. Ich will nach Hause. Ich will zur U-Bahn. Ich sehe die Station und möchte in diese Richtung gehen. Doch wo meine Muskeln für gewöhnlich reagieren, passiert mit einmal schlichtweg: Nichts. Kein Geh-Automatismus. Kein unbewusstes Anspringen des Bewegungsapparates. Das Programm „Laufen“ scheint irgendwie defekt. Ich staune. Ich versuche es nochmal. Ich setze einen Fuß vor den anderen. Es funktioniert. Ich komme voran. Nur eben langsam. Ganz langsam. Ich lächle.

Ich steige die Treppen zur U-Bahn herunter. Es ist Rushhour. Oder es wirkt nur so auf mich. Weil alles wie beschleunigt ist, wenn man wie ich so langsam ist. Langsam. Ganz langsam. Und die Menschen sind so schnell. Sie rennen von Bahnsteig zu Bahnsteig. Drängen vorbei und aneinander. Mich touchieren sie jedoch nicht. Ich existiere parallel gerade wohl in einer anderen Zeit. Und diese Hektik ist nicht meine. Deren vorderste Vertreterin ich eigentlich sonst immer bin. Und ich kann mir dabei zusehen. Sehe mich durch die Menschenmenge eilend, ausweichend und überholend, stets mit dem Handy in der Hand, auf das ich zwischendurch schnell schaue, parallel noch etwas esse, weil man sonst dazu nicht kommt oder vielleicht etwas versäumt. Ich sehe mich vor mir auf dem Bahnsteig stehen und gerade wütend werden, weil ich knapp die Bahn verpasste und so endlose Minuten herumstehen und warten muss. Ausgebremst. In meinem Tempo. Vergeudete Zeit, die ich dadurch kompensiere, schnell noch ein paar Mails zu checken und auf Nachrichten zu antworten, bis der Zug nun endlich kommt, ich mich durch die Türen drängle bis es endlich weitergeht. Weiter. Immer weiter. Bis jetzt.

Denn jetzt bin ich langsam. Zwangsentschleunigt. In der Zeitlupe gefangen. Was ich auch möchte, was ich auch mache, alles muss ich langsam tun. Gehen, Essen, Treppensteigen, von einem Ort zum nächsten kommen. Alles geht. Nur eben langsam. Welch unglaublicher Genuss! Denn mit einmal hab ich Zeit. Essen intensiv zu schmecken. Fassaden zu betrachten. In ihren vielen Einzelheiten. Geschäfte. Menschen. Straßenszenen. Auslagen von Blumenständen. Verästelungen des Straßengrüns. Oder die alte Dame mit dem Gehwagen, die mich von hinten überholt. Es gibt so viel zu entdecken, wenn man so richtig langsam ist!

Und mittlerweile ist Tag 10. Noch immer weiß keiner, was ich habe. Alle weiteren Untersuchungen blieben ebenfalls ergebnislos. Aber die Schmerzen werden besser. Auch kann ich wieder etwas essen. Alles geht. Nur weiter langsam. Und vielleicht werde ich nie erfahren, was genau mit mir nicht stimmte, was Ursache und Anlass war. Doch wenn es mir gelingen sollte, die Langsamkeit mir zur bewahren und sei es nur kleines bisschen, wenn ich zurück im Alltag bin, war die Erfahrung nicht umsonst. Denn es lebt sich nicht nur intensiver. Nein. Langsam zu sein, gibt einen Zeit.

Die Entdeckung der Langsamkeit

Crescendo
Wann darf ich denn den Notarzt rufen?“, fragte ich mich, die es nicht wusste. Und fragte Google. Und Google wusste schnell Bescheid: Bei heftigen Brustschmerzen (knapp vorbei), akuter Luftnot (nein), Schlaganfall (auch nicht), Bewusstlosigkeit (noch nicht), schweren Verletzungen nach Unfällen mit Knochenbrüchen (Oh Gott, nein), anhaltenden epileptischen Anfällen (Fehlanzeige, ebenfalls). Also, kein Notarzt für Nina. Die sich seit zwei Tagen fühlte, als hätte sie einen Cocktail aus Batteriesäure und Glasscherben getrunken. Und die Schmerzen derart zunahmen, dass aus der Angst daran zu sterben langsam schon ein Wunsch entstand. Trotzdem: Keinen Notarzt für Nina. Aber die Nummer des ärztlichen Bereitschaftsdienstes darf man in diesen Fällen wählen. Und dann ging es auch ganz schnell. Quatsch. Gar nichts ging schnell. Denn es brauchte mich noch ein paar Stunden mich selbst davon zu überzeugen, dass es mir wirklich schlecht genug geht. Ich mich nicht anstelle, nur mehr zusammenreißen müsste oder bloß ein Drama aufführe, dessen Publikum allerdings nur ich allein bin. Ist doch alles gar nicht schlimm, sagte ich mir. War es aber doch. Und schließlich wählte ich die Nummer.

Hausbesuch
Ein paar Stunden später kam die Ärztin zu mir rauf. Die mich pragmatisch untersuchte. Für Empathie bleibt keine Zeit. Zu funktionieren und auf jeden neuen Fall in einer Nacht zu reagieren scheint schwierig schon genug. Auf jeden Fall. Der nicht nur Fall, sondern eben auch ein Mensch ist, was Mühe macht nicht zu vergessen. Schließlich kann ich nur erahnen, der wievielte Mensch in der wievielten Wohnung ich nun in meiner Wohnung bin. Wie viele Alte, Kinder und dazu besorgte Eltern sie heute bereits untersuchte, die in ganz anderen Verfassungen als ich und meine Wohnung sind. Es mag Müdigkeit sein. Es mag der Stress sein. Die intervallenden Autofahrten, die den Gesichtsausdruck verhärten und noch vorhandene Emotionen Schicht für Schicht verstumpfen lassen. Aber wer braucht schon Empathie, wenn er Injektionen kriegt. Intermuskulär. Das könnte jetzt ein wenig wehtun. Vielleicht länger. Und damit hatte sie auch recht. Und ließ sie mich so zurück. Mit pochendem Gesäß, betäubtem Schmerz im Bauchbereich und – Jackpot! – einen personifizierten Gutschein für eine kostenlose Freifahrt in das nächstgelegene Krankenhaus. Falls es nicht bald besser würde.  Es wurde nicht besser. Also nutzte ich ihn auch.

Abtransport
Und es kamen die zwei Jungs. Ok. Männer. Es waren Männer. Große Männer. Und für Humor hatten sie Zeit. Denn der scheint vielmehr eine Haltung, die bei ihrer Tätigkeit vermutlich auch sehr hilfreich ist. Und während sie mich runtertragen durch das enge Treppenhaus, gekonnt in den Wagen schieben, menschenfreundlich dort fixieren, haben sie Spaß auf eine Weise, die mir grad verschlossen bleibt. Und mich an diesen Film erinnert, an den ich jetzt nicht denken will. Da mir das in meiner Lage wiederrum nicht hilfreich scheint. Außerdem kann ich nichts ändern. Krampfend auf der Liege liegend, ist mir alles auch egal. Und übergeb‘ mich den Jungs und meinem Schicksal mit Vollgas in das Krankenhaus. (Fortsetzung folgt…)

Power

Letzte Woche war ich ein wenig aufgeregt. Vorfreudig aufgeregt. Denn ich wartete auf ein Paket. Es war nicht irgendein Paket. Es war DAS Paket. Das Paket für den der Sinn des Wortes Warten vermutlich wohl erfunden wurde.

Und dann stand vor mir ein Karton. Braunbeige. Schäbig. Angestoßen. Vom Transport kennbar gezeichnet. Beschwerlich war der Weg gewesen. Und, ja. Nicht nur für das Paket. Ich schnitt die Umverpackung auf. Schlug die Deckelklappen um. Und nahm den Gegenstand heraus. Und dachte: Wow. Vielleicht dachte ich auch Jippie oder Juchu. Aber ich glaub‘, ich dachte: Wow! Da ist es nun. Das Buch mit meinem Namen drauf. Welch erhebendes Gefühl. Was für ein kraftvoller Moment. Mit dem ich was bewiesen habe. Mir. Und irgendwie dem Rest der Welt. Denn wenn ein Borderliner mit Suchtstörung eine Doktorarbeit schreiben kann, dann ist uns vielleicht alles möglich.

Ja. Alles ist möglich!
Auch, dass das Gefühl nur ein paar Stunden anhält.

Grundwerte

Diesmal wird’s nicht schlimm, haben sie gesagt. Zum Erholen beinah, haben sie gesagt. Entspannen könnten wir uns dabei, haben sie gesagt. Und dann haben sie gesagt, was das Thema sein wird: Werte. Unsere Grundwerte. Und da hatte ich schon Fragen. Ja, es kamen mir gar leichte Zweifel. Um mit allem hatte ich recht. Und es kam sogar noch schlimmer.

Erst sollten wir uns vorstellen, wir wären alt. Richtig alt. Was natürlich keinen Spaß macht. Und dann sollten wir uns Fragen stellen aus dieser Perspektive. Fiese Fragen, folgende Fragen:

Wie hätte ich gern mein Leben verbracht? Nach welchen Grundwerten hätte ich gern gelebt? Und nach welchen Werten lebe ich gerade?

Und das erste, was ich dachte, war: Scheiße. Du hast Dein Leben falsch gelebt. Und jetzt ist alles schon zu spät. Ich sah mich als alten Menschen vor mir auf dem Sterbebett. Sah zurück auf dieses Leben. Voll Selbstoptimierung und Verhaltenszwängen. Voll Leistungswunsch und Disziplin. Sah Sonntage am Schreibtisch. Mit Arbeit, die für mich so wichtig scheint. Und am Ende eines Lebens für ein erfülltes Leben dann doch eben nicht genug ist. Ich sah Beziehungen, die ich beendete. Freundschaften, die ich nicht pflegte. Kinder, die ich nicht bekam. Ich sah mich alleine sterben. Am Ende eines langen Lebens, das zwanghaft, einsam und damit auch sehr traurig war. Und als ich kurz vor‘m Weinen bin, kamen auch schon die nächsten Fragen:

Welche Werte lebe ich aktuell nicht? Welche inneren und äußeren Hindernisse halten mich derzeit davon ab meine Werte zu leben?

Ja. Ich weiß, was ich nicht lebe: Liebe und Nähe. Verbundenheit. Teil einer Gemeinschaft zu sein. Und ich weiß auch, was mich abhält: „Gesellschaft zu brauchen und nur bedingt ertragen zu können, ist eine der fieseren Paradoxien meiner Persönlichkeitsstruktur“*. Und Arbeit ist hier wohl Vermeidung, um mich der Sehnsucht nicht zu stellen und Menschen aus dem Weg zu gehen. Weil ich Arbeit besser kann als mich mit ihnen zu umgeben und Angst habe mich einzulassen. Verantwortung zu tragen und meine Freiheit aufzugeben. Und jetzt ist es dieses Maß an Freiheit, das mich maßlos überfordert. Und das mich nicht glücklich macht.

Und dann sollten wir uns fragen, wie Selbstmitgefühl uns unterstützen kann, die Hindernisse zu überwinden und mehr nach unseren Grundwerten zu leben. Und obwohl die Sitzung fast drei Wochen her ist, weiß ich diese Antwort nicht.

*https://thebigcuckoosnestdiary.wordpress.com/2015/08/04/naehe-und-distanz/