Reziprozität

Ich mag nicht gern um Hilfe bitten. Nicht um Unterstützung. Ja. Nicht mal um ein Taschentuch. Denn wenn man jemanden nach etwas fragt, dann kann der schließlich „nein“ sagen. Diese Möglichkeit besteht. Und wenn etwas noch schlimmer ist als Bitten, dann ist es die Zurückweisung. Und geht’s auch nur um‘s Taschentuch. Denn darum geht’s natürlich nicht. Nie geht es nur um’s Taschentuch. Denn lehnt man meine Bitte ab, lehnt man damit auch mich ab. Und das grundsätzlich. Vollumfassend. Elementar.

Ja. Ich weiß. Das ist natürlich Unfug und unsagbar übertrieben. Aber es fühlt sich halt so an. Und Gefühle haben recht. Das behaupten sie zumindest. Und argumentieren wollen sie nicht. Deshalb probierte ich‘s allein. Immer. Absolut auf mich gestellt. Keine Hilfe wollend und auch keine annehmen. Unabhängig bleiben. Sich auf niemanden verlassen. Dann wird man auch niemals enttäuscht.

Doch stößt das schnell an seine Grenzen. Zuletzt, wenn es um Liebe geht. Denn Liebe braucht nun mal Vertrauen. Und das nun mal auf Vorschuss. Denn Sicherheiten gibt es nicht. Obwohl der Einsatz ziemlich hoch und der Verlust dann ziemlich hart ist. Einen zutiefst erschüttern kann. Trotzdem habe ich’s nie bereut. Es stetig wieder zu versuchen und dabei sehr viel zu riskieren. Immer rein. Mit vollem Einsatz. Egal, ob was zurückkommt oder ob es halten wird. Und wenn ich das im Großen schaffe, schaff‘ ich‘s im Kleinen vermutlich auch. Auch wenn Ablehnung stets weh tut. Doch ist’s dann bloß das Taschentuch.

 

Einhörner

Ich habe mit Menschen gesprochen. Ja. Das kommt schon mal so vor, dass man mal mit Menschen spricht. Da draußen. In der freien Wildbahn. Und nicht nur über Politik, Kunst oder Geschichte. Manchmal spricht man auch über Menschliches mit Menschen. Beziehungen. Liebe. Partnerschaft. Und natürlich Kennenlernen. Immer wieder Kennenlernen. Da haben alle viel Erfahrungen, die man dann so schön tauschen kann. Und gestern sprach ich über Tinder. Wo mir zwar die Erfahrung fehlt, das Prinzip jedoch bekannt und ähnlich dem von Parship ist. Und als ich mir das jetzt mal ansah, habe ich’s dann auch gleich kapiert. Ich habe dann sofort kapiert, warum’s nicht funktionieren kann. Denn ich will niemanden treffen, der gerade aktiv sucht. Ich will jemanden treffen, der gerade gar nichts sucht. Und der nicht wusste, dass er sucht. Bis er mich gefunden hat.

Ja. Das ist hoffnungslos romantisch. Genau das ist es. Romantisch. Aber hoffnungslos.

Warmduscher

Es gibt gute Nachrichten und es gibt schlechte Nachrichten.

Die Gute:
Es ist kein Übermüdungsbruch. Sondern nur eine Entzündung.
Die in ein oder zwei Wochen wahrscheinlich schon vorüber ist.
Das sagte mir ein Spezialist, den ich heut Morgen konsultierte.

Die Schlechte:
Sie müssen meine Küche aufstemmen. Komplett aufstemmen.
Und ich hab weiterhin nur kaltes Wasser. So wie die letzten sieben Wochen.
So wird es auch die nächsten sein. Inklusive Baustelle.
Das sagte mir auch ein Spezialist, der heute Morgen hier bei mir und in meiner Wohnung war.

Und das hat mich voll gefreut! Ne, echt jetzt. Denn wie blöd wär das gewesen.
Der erste Tag mit warmen Wasser als erster Tag mit Fußverband.
An dem ich endlich Duschen kann. Und dann doch nicht Duschen kann.
Das wäre doch nicht gut gewesen. Und überhaupt.
Lieber kein kaputter Fuß als eine heile Küche. Nicht?

Ja. Es gibt gute Nachrichten und es gibt schlechte Nachrichten.
Und es gibt Relationen. Und es gibt Optimismus.
Und ich scheue nicht zurück, sie auch zu nutzen.

Zum Trotz

Jaaaa, ihr wolltet mich nicht in der Klinik. Aber andere schon!
Und das kann ich auch beweisen!!

Ok. Ich hätte mir dafür vielleicht nicht gleich den Fuß brechen sollen.

Aber woanders kümmern sie sich um mich. Ganz hervorragend sogar.
Ätsch!

Niemals schöner

Ich habe gerade den Anruf aus meiner Klinik bekommen.
Meiner ersten und einzigen Klinik. Meiner Lieblingspsychiatrie.
Ich wollte da noch einmal hin. Wenn die Diss nun fertig ist.
Doch sie wollen mich nicht mehr. Sie wollen mich nicht mehr zurück.
Mich nicht mehr bei sich aufnehmen. Das hat das Team nun so entschieden.
Und da ich das nicht ganz verstand, hab‘ ich nochmal nachgefragt.

Es hätte Störungen gegeben. Atmosphärische Störungen. So zum Ende hin.
Das überraschte mich ein wenig. Und das sagte ich dann auch.
Zum Anfang, ja, das könne ich verstehen. Da war ich auch schon ziemlich ätzend.
Doch zum Ende hin war Harmonie. Und vor allem Wertschätzung.
Aufrichtig. Und gegenseitig. Also, was? Was ist der Grund?
Schweigen. Stammel. Rumgedruckse. Es wären Dinge vorgefallen.
Dinge. Außerhalb der Klinik. Mehr wolle er nicht sagen.
Und wünscht mir weiterhin viel Glück. Danke schön. Auf Wiedersehen.

Und damit scheint mir ziemlich klar, was eigentlich passierte.
Sie haben wohl den STERN gelesen. Und zudem auch meinen Blog.
Und daher wollen sie mich nicht mehr.
Und ich weiß jetzt wirklich nicht, was davon zu halten ist.
Was soll ich davon halten? Hätte ich nicht schreiben sollen?
Nein. Das konnte ich einfach nicht.
Und anders schreiben auch nicht. Weil es doch die Wahrheit war.
Vom Anfang bis zum Ende. Und das Ende war sehr schön.
Von daher ist es gut, wie es nun gekommen ist.
Denn nichts wird jemals wieder so, wie es beim ersten Mal war.

Wie auch immer

Es ist immer das Gleiche:

Wenn ich einen schlechten Text schreibe, bin ich unzufrieden, weil ich einen schlechten Text geschrieben habe.
Wenn ich einen guten Text schreibe, bin ich unzufrieden, weil zu wenige ihn lesen.
Und wenn ich keinen Text schreibe, bin ich unzufrieden, weil ich keine Texte schreibe.

Irgendwas mache ich falsch. Doch das wäre nicht so schlimm.
Wenn’s nicht so symbolisch wäre.

Stadtteilspaziergang

Ich machte heut‘ einen Spaziergang. Zur Entspannung. Angenehme Aktivität und so. Ihr wisst schon. Das Wetter ist auch angenehm. Angenehm sonnig, dazu ein leichter Wind. Ich trage ein leichtes Sommerkleid. Schwarz mit weißen Punkten. Das finde ich sehr fröhlich. Fast wie Blumen, nur halt mit Punkten. Man soll es auch nicht übertreiben.

Und so spaziere ich dann los. Die Verkehrsachse entlang. Eine von den dreien, die Neukölln von Nord nach Süd zerteilt. Und an denen Neukölln noch so ist wie Neukölln. Und es überall sein soll. Wenn man Herrn Buschkowsky glaubt.

Vor mir läuft eine Frau. Die Hose viel zu tief. Den Kopf zu sehr gebeugt und die Haare arg zu dünn, um nicht nicht prekär zu sein. Sie schlurft langsam vor mir her, so dass ich alsbald näherkomme. Da bleibt sie unvermittelt stehen und steckt die Hand in ihren Schritt. Von hinten. Und wühlt dort neugierig herum. Ein Gefühl, was ich so gar nicht teilen kann. Und was sie dann zum Vorschein bringt, das möchte ich Euch jetzt ersparen. Und hätte es mir auch sehr gern. Zudem meinem Mageninhalt, der mit einmal unruhig wird. Drum erstmal schnell die Straße wechseln. Man hätte mich fast überfahren. Und passiere dort zwei Jungs, die wohl ihr Wochenende planen:

„…ich will schon ausgehen heute.“

 „Jaaa. Aber nich so lange…“

 „Neee. Nicht lange. Ich muss morgen auch was machen…nur bis vier, fünf oder so. Und ohne viel Ballern….“

Wie ihr Abend dann noch war, werde ich wohl nie erfahren. Laufe weiter und links ab, in eine kleine Straße rein. Auf der ich eine Dame sehe, die mir mit kleinen, wackligen Schritten und Einkäufen entgegenkommt. Eine adrette, alte Dame mit Föhnfrisur und Faltenrock. Die Bluse trägt sie hochgeschlossen, die schweren Tüten eher tief, so dass man ihr gleich helfen will. Und ich setze auch schon an, als sie als erste zu mir spricht:

„Dir sollte man mal in die Fresse schlagen. Mit der Faust. So richtig in die Fresse.“

Ich schau sie an. Und kann nicht mehr. Nein. Plötzlich kann ich echt nicht mehr. Ich kann nicht mehr an mich halten. Ich pruste lachend los. Zusammen mit `ner Gruppe Jungs, die bei mir an der Ecke stehen und es auch nicht fassen können. Und mir fällt mein Mantra wieder ein. Ein Teil meines Mantras aus der Psychiatrie. Meine Mitgefühlsmeditation:

„Wir befinden uns alle in der gleichen Situation. Mit einem Gehirn und einer Geschichte, die wir uns nicht ausgesucht haben. Wir alle suchen das Glück und wollen Leid vermeiden. Unser aller Geist ist oft chaotisch und voll widerstreitender Gedanken. Ich weiß und akzeptiere das. Ich verurteile niemanden. Und habe Verständnis.“  

Ja. So ein Stadtspaziergang kann schon sehr besinnlich sein. Das mach‘ ich morgen gleich nochmal. Nur vielleicht einmal woanders.