Sprache und Floskeln

Ok. Ich bin vielleicht ein wenig schräg. Wobei, was heißt vielleicht. Dass ich schräg bin, hab ich schriftlich. Ich bin aber vermutlich in Bezug auf Kommunikation ebenfalls ein wenig schräg. Vor allem bei digitaler Kommunikation, die ich intensiv betreibe oder eher die anderen mit mir. Ich bin da mehr so reaktiv. Die Beantwortung eingehender Nachrichten reicht ohnehin schon meistens aus, um als eigenes Hobby durchzugehen. Ein zeitintensives Hobby wohlbemerkt, was ich daher versuche auf bestimmte Tageszeiten zu begrenzen. Als ich noch täglich zur Arbeit fuhr und nicht im Homeoffice verweilen durfte, waren das die Bahnfahrten morgens hin, abends zurück, jeweils eine halbe Stunde. Das reichte aber nie aus, um alle Gesprächsbedürfnisse umfassend zu befriedigen. Denn wenn man antwortet, kommt eine Antwort zurück, auf die man wieder antworten muss. Das nennt sich Kommunikation. Und Kommunikation ist schön. Nur während der Arbeitszeit irgendwie sehr ablenkend. Darum antworte ich nicht zwischen 9:00 und 18:00 Uhr. Naja. Ich versuche es zumindest. Und versuche ebenfalls, diesen Versuch am heimischen Schreibtisch fortzusetzen. Das erfordert eine gewisse Disziplin. Zugegeben. Und Geduld von der Gegenseite, da Menschen es gewohnt sind, dass Reaktionen bei digitaler Kommunikation umgehend und sofort erfolgen. Aber ich habe die Hoffnung weiterhin nicht aufgeben, dass man sich daran gewöhnen wird, dass Nina eben später antwortet.

Worauf ich aber eigentlich hinauswollte, ist nicht das wann, nicht das wie viel, sondern was mitunter kommuniziert wird. Das kann mich nämlich aggressiv machen. Dabei sind es nur Floskeln. Das weiß ich. Unbedachte Floskeln, die zudem noch nett gemeint sind. Das weiß ich auch. Trotzdem treiben sie meine Anspannung in Sekunden von Buddha auf stark mutierenden Hulk. Auf Platz 1 dieser Floskeln steht die Frage „Alles gut?“. Darüber schrieb ich hier bereits. Und da ich mich nur ungern wiederhole, hier einmal die tagesaktuelle Kurzfassung: Wir haben eine globale Pandemie, überfüllte Flüchtlingslager in Griechenland, Trump als Präsidenten und das Patriarchat ist immer noch nicht abgeschafft. Also, nein. Es ist bestimmt nicht alles gut. Nicht gesellschaftlich und auf persönlicher Ebene sicher auch nicht. Das weiß jeder, der mich kennt und mir solche Fragen stellt. Aber das hatten wir bereits.

Neu ist die Top 2, der von mir meistgehassten Floskeln: „Was machst Du Feines?“ oder „Was machst Du Schönes?“ Das scheint Geschmacksache zu sein. Hassen tue ich sie beide. Ist damit doch der Erwartungsdruck verbunden, man müsse oder würde immer schöne Dinge tun. Aber vielleicht putze ich gerade das Klo, quäle mich sonntags unter Stress und nur mit starkem Widerwillen an einem Arbeitstext oder sitze auf der Couch und weine, weil ich grundlos alles hasse. All‘ das ist möglich. All‘ das finde ich nicht schön. Und selbst, wenn ich etwas Schönes täte, sollte es etwas Besonders sein. Und nicht die Regel oder die hochgesetzte Messlatte, wie diese Frage impliziert. Es ist nicht immer alles schön und es ist nicht immer alles gut. Das ist das Leben. Das Leben ist nicht Instagram. Und das ist auch vollkommen ok. Daher würde ich mir von Menschen wünschen, wertfreier zu kommunizieren. Offene Fragen zu stellen, die eine Erwartung nicht gleich mitliefern. Und deren Adressenten man auf diese Weise positiv überraschen kann. Das wäre mal tatsächlich schön. Oder fein. Oder eben gut.

Ja. Ich weiß. Ich bin da ein wenig schräg und vermutlich auch übersensibel. Manchmal empfinde ich schon ein „Wie geht’s?“ oder „Wie läuft’s?“ als übergriffig, auch wenn es Interesse an meiner Person oder Befindlichkeit bezeugt. Anders betrachtet, tippt jemand nur drei Worte in sein Handy und zwingt einen in die Bringschuld, sich und seine Gefühlslage ausführlich zu schildern. Denn erfahrungsgemäß wird ein „Gut. Und Dir?“ gemeinhin als kurz angebunden und damit als unhöflich empfunden. Ein „Schlecht. Und Dir?“ löst hingegen zahlreiche Gegenfragen aus, die einen noch mehr in Erklärungszwang setzen. Ein „Ich habe gerade keine Lust darauf zu antworten.“ hat sich bisher auch nicht wirklich konstruktiv auf Gespräche ausgewirkt. Von daher hilft nur durchzuatmen, versuchen sich nichts anmerken zu lassen und gekonnt zurückzufloskeln. Denn die Menschen meinen es schließlich gut und können auch nichts für ihre Floskeln. Und ich nicht dafür, dass ich schräg bin. Denn das ist mein Borderline.

Drinnen und Draußen

Man stellt sich das so schön vor. Tagelang keine Termine. Ausgedehnte freie Zeit ohne Bindung und Verpflichtungen, die man mit sich verbringen kann. Draußen scheint sogar die Sonne und zu einem durch’s Fenster rein. Man hört die gutgelaunten Vögel zu dem so vertrauten Rauschen an Geräuschen dieser Stadt. Man selbst sitzt wohlgemut am Schreibtisch, motiviert und hoffnungsvoll: Mal so richtig was zu schaffen und dadurch gar Zufriedenheit. Nichts, was ablenkt und zerstreuen kann. Nur man selbst mit sich allein.

Wenn da nicht der Kopf wäre. Der sich unvermittelt meldet und mir sagt, ich wäre einsam statt allein. Wie ein Astronaut im Weltall, bei dem die Funkverbindung abreißt, während die Erde sich entfernt. Die Sonne scheint jetzt nicht mehr freundlich. Vielmehr scheint sie mich auszulachen. Und auch der Gesang der Vögel wird zum Lied aus Spott und Hohn. Weil sie draußen fröhlich sind und ich hier drinnen, ich bin allein. Doch ich lass mich nicht verlachen. Ich will mein Leben nicht verpassen. Also muss ich raus. Raus in dieses Draußen.

Aber draußen sind die Menschen. Vielerorts gar dichtgedrängt. Und was sonst schon nicht so schön ist, wird durch das bekannte Virus psychisch zur Belastung. Im Supermarkt. Im Park. Überall sind Menschen. Familien machen Ausflüge. Paare werden ziemlich zärtlich auf öffentlicher Stadtmöblierung. Und Freundeskreise feiern Picknicks laut in den lokalen Grünanlagen. Und der zur Schau gestellte Frohsinn, mag er auch vernunftslos sein, spiegelt meine Einsamkeit als facettenreiches Zerrbild von verpassten Lebenschancen gnadenlos auf mich zurück. Also muss ich wieder rein. Zurück in meine Wohnung. Während die Sonne weiter scheint wie ein Versprechen, dass sich für mich an keinem Ort erfüllt. Nicht drinnen. Nicht draußen. Nirgendwo will ich gern sein. Weil mein Verstand immer dabei ist und der ist gerade nicht mein Freund.

Ja. Man stellt sich das so schön vor. An vielen Tagen stimmt es auch. Dann gibt es noch die anderen Tage. Und die sind dieses Borderline.

Wir hatten ja nichts

Ich mag Menschen. Ich mag Menschen sogar sehr. Ich kann sie nur nicht so gut um mich haben. Zumindest nicht immer und die ganze Zeit. Oder wie ich schon mal schrieb: Gesellschaft zu brauchen und nur bedingt ertragen zu können, ist eine der fieseren Paradoxien meiner Persönlichkeitsstruktur. Daher mag ich soziale Medien ebenfalls sehr. Man hat Menschen um sich rum, aber auf sichere Distanz. Man kann zusehen, wie sie diskutieren, flirten, streiten oder scherzen. Das ganze Spektrum menschlicher Verhaltensweisen bildet sich auf ihnen ab. Und man kann sich einbringen oder es lassen. Alles kann, nichts muss. Ein digitaler Swingerclub. Nur für Kommunikation. Doch das Beste daran ist: Man ist immer in Gesellschaft und trotzdem stets für sich allein. Und was sonst schon extrem praktisch war, wird gerade essentiell. Denn als Einpersonenhaushalt ist man nun dauerhaft allein. Was nach einer gewissen Zeit sogar für mich nicht allzu schön ist. Nur Kontakt zur Kernfamilie ist gerade noch erlaubt. Nur bin ich selbst die Kernfamilie. Und trotz diverser Streitigkeiten, die kommen auch in den Besten vor, wird das irgendwann mal fad. So verbringe noch mehr Zeit mit mir halbwegs fremden Menschen in eben diesem Internet. Bei Twitter, um genau zu sein. Das ist das Medium meiner Wahl. Doch das hat auch seine Tücken. Ich meine nicht die rechten Trolle, Shitstorms oder Mansplainer, die einem dort dauerhaft begegnen. Nicht die Besserwissser, Selbstdarsteller oder Hater. Nein. Ich meine etwas anderes. Lasst mich das kurz illustrieren:

@pixieapfelbaum, 19. März: Ich am Anfang der Iso „Oh man ich werde SO auf meinen Körper achten und die Zeit dafür nutzen richtig zu entgiften und Sport zu machen“ Ich nach 4 Tagen „Schon neun Uhr wie schmeckt wohl Gin im Kaffee?“

@FJ_Murau, 21. März: Quarantäne-Daydrinking: Bund- oder Ländersache? Oder einfach nur grobe Richtlinien vom RKI?

@bergdame 21. März: Warum steht eigentlich auf keiner dieser Notfall-Vorratslisten „viel Wodka“ an oberster Stelle? Da stimmt doch was nicht.“

 @wortgucker, 23. März: Aber was machen wir, wenn das Bier alle ist?

@FabienneHurst , 24. März: „Ab wie vielen Tagen self isolation macht ihr euch genau so viele Sorgen um eure Leber wie um eure Lunge?“

 @Steonato, 25. März: „Wenn man in „Homeoffice“ nur acht Buchstaben verändert, steht da „Gin-Tonic“.“

@frank_opitz, 27. März Spült ihr das Weinglas eigentlich zwischendurch mal oder zieht ihr durch?

Ja. Das Internet ist ein Spiegel der Gesellschaft. Und Alkohol gehört in unserer Gesellschaft normativ dazu. In dieser Situation erst recht, wie es scheint. Und, nein. Die Zitierten sind keine Drogis, Druffis oder irgendwelche prekären gesellschaftlichen Randgruppen. Das sind Journalistinnen, Wissenschaftler, Autorinnen und Kulturschaffende. Also, nicht gerade der schlechte Umgang, vor dem mich meine Eltern immer gewarnt haben. Aber Alkoholkonsum ist ohnehin bei Akademikerinnen und Akademikern überdurchschnittlich hoch und gehört in ihrem Selbstverständnis zum „guten Lebensstil“ dazu. Trotzdem. Solche Tweets zu lesen, das macht etwas mit mir. Und zwar auf verschiedenen Ebenen.

Ich mache mir Sorgen um die Leute. Wenn sie nur annähernd so viel trinken wie sie schreiben, haben sie bald ein Problem. Ein Problem, das ich gut kenne. Und wer Anhänglichkeit doof findet, wird Sucht auch nicht sehr zu schätzen wissen. Die wird man nämlich niemals los. Wirklich nicht. Das leitet mich zum nächsten über: Derlei Botschaften triggern mich gewaltig. Man muss sich das so vorstellen: Man ist zu Hause eingesperrt. Wochenlang. Ohne menschlichen Kontakt. Berufliche Beziehungen sind auf Mails, Telefonate und Videokonferenzen reduziert. Kurz: Würde ich die perfekte Situation für einen Rückfall konstruieren wollen, sie würde wohl exakt so aussehen. Keiner sieht es. Keiner kriegt es mit. Ich habe keine Verpflichtungen und muss niemanden Rechenschaft ablegen. Das ist verführerisch. Hinzu kommt noch die Einsamkeit. Gegen die hat Alkohol mir immer gut geholfen. Ja. Abstinenz fiel mir schon leichter. Was mir aber hilft, ist eben nicht allein zu sein. Schließlich gibt es nicht nur fremde Menschen im Internet, sondern Freundinnen und Freunde, viele Telefonate und lange Abende auf Skype. Und ich wünsche allen, dass sie ebenso viel Unterstützung haben. Denn auch mit diesen Schwierigkeiten bin ich sicher nicht allein.

 

Privilegien

Es fiel mir schwer diesen Text zu schreiben. Denn es geht mir gut. Recht gut sogar. Und ich weiß, dass es vielen anders geht. Viele haben Existenzangst, weil die Aufträge ausbleiben, sie ihre Geschäfte schließen müssen oder um ihren Job bangen, falls der nicht schon gekündigt wurde. Und während die einen nicht arbeiten können, müssen die anderen umso mehr ran – oft ohne vor Ansteckungen geschützt zu sein oder angemessen bezahlt zu werden. Manche Menschen sind von ihren Familienangehörigen getrennt, selbst wenn diese schwer erkrankt sind. Oder sind mit der Familie eingesperrt, selbst wenn es dort Gewalt gibt. Auch Menschen mit psychischen Erkrankungen sind auf sich allein gestellt. Tagesstrukturen brechen weg, Unterstützungsstrukturen brechen weg, der physische Kontakt zu Menschen fehlt, was extrem belastend ist.

Tja. Und dann gibt es noch mich. Mir geht es gut. Und dass ich damit nicht allein bin, hat mich schon etwas erleichtert: „Ich kenne Menschen mit psychischen Problemen, für die ist die Corona-Krise ein Segen – sie erzählen mir von der Erleichterung, endlich mal zu Hause bleiben zu können, ohne Angst etwas zu verpassen. Von der Freude, sich im Homeoffice konzentrieren zu können. Nicht für alle ist die Isolation eine zusätzliche Belastung“ (Weßling 2020).

Ja. Genauso geht es mir. Nur, dass ich schon lange nicht mehr befürchte irgendetwas zu verpassen. Wochenlange Aufenthalte in psychiatrischen Einrichtungen hatten mich davon kuriert. Und überhaupt, es finden sonst jeden Tag unzählige Veranstaltungen statt: Konzerte, Partys, Lesungen, Theater, Vernissagen. Selbst, wenn man an einer teilnimmt, verpasst man immer noch den Rest. Auch vor Ausgangssperren habe ich nur wenig Angst. Denn nichts hat mich besser auf Isolation und Social Distancing vorbereitet als das Schreiben einer Doktorarbeit. Von daher sehe ich der Lage persönlich recht entspannt entgegen. Und ich weiß, wie privilegiert das ist. Ich habe zudem eine Wohnung, einen sicheren Job, gesichertes Einkommen und keine Kinder, die ich rund um die Uhr versorgen muss. Trotzdem oder vielleicht deshalb bekomme ich langsam Respekt vor wochenlanger Einsamkeit. Denn seitdem ich zu Borderline auch noch Depressionen habe, sind meine emotionalen Tiefflüge von ganz neuer Qualität. Was ich dann am wenigstens möchte, ist zwar Menschen zu treffen. Was mir dann am meisten hilft, ist allerdings Menschen zu treffen. Freundinnen und Freunde sind eben das beste Antidepressivum – ohne Nebenwirkungen und nicht einmal verschreibungspflichtig. Und sie fehlen mir bereits jetzt. Sowie meine Familie, die in Hamburg und damit plötzlich sehr weit weg ist. Ich weiß nicht, wann ich sie wiedersehe. Und das ist eine Belastung, die ich anfange zu spüren.

Was mir in dieser Lage hilft, ist das, was mir sonst immer hilft und diverse Therapien als sinnvoll auch bestätigt haben: Das Aufrechterhalten einer Tagesstruktur, Sport bzw. Bewegung an der frischen Luft, ein fester Schlafrhythmus, gesunde und regelmäßige Mahlzeiten und arbeiten, sofern einem das möglich ist.

Und für alle, denen es nicht gut geht und die in der aktuelle Situation praktische Unterstützung brauchen, haben die Psychotherapeutin Marie Bartholomäus und Dr. Leonhard Schilbach, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, auch einen verhaltenstherapeutischen Leitfaden mit Arbeitsblättern entwickelt, um in dieser Zeit annähernd so etwas wie stabil zu bleiben. Vielleicht findet die eine oder der andere den hilfreich.

Passt auf Euch auf und bleibt gesund!

Eure Nina

Hindernislauf

Ich war gestern bei Pia. Pia ist keine Freundin von mir. Pia steht für Psychiatrische Institutsambulanz. Da geht man hin, wenn man keine niedergelassene Psychiaterin oder einen Therapieplatz hat und sich mal unterhalten möchte. Und ich wollte mich mal unterhalten, denn – wie soll ich es sagen – meine Situation ist unbefriedigend. Nicht, dass es mir wirklich schlecht geht. Aber halt auch nicht wirklich gut. Ich funktioniere. Ich treffe mich mit Menschen. Aber freue mich stets, wenn ich Bett und Haus verlasse, bald wieder allein und zurück im Bett zu sein. Noch einen Tag rumgekriegt. Auf den dann ein Nächster folgt, wie ich vor eineinhalb Jahren schon beschrieb: „[So] reihen sich mit jedem Tag die Tage zu einem Leben aneinander, das man nicht gelebt, sondern nur überstanden hat. Und so sollte das nicht sein.

Nein. So sollte das nicht sein. Aber leider ist es so. Noch immer. Ich trage diese Decke, die sich anfühlt wie aus Blei, mal leichter und mal schwerer ist, und statt der rosaroten Brille scheint mir alles grau zu sein. Klar. Es gibt auch gute Tage. Tage, die sich anfühlen, wie das Leben sein sollte. Normal. Nicht euphoriegeschwängert, strotzend voller Lebensfreude. Einfach nur normal. Und nicht wie eine Aneinanderreihung von Hindernissen, die es zu überstehen gilt. Ein Hürdenlauf, der jeden Morgen wieder anfängt und so niemals zu enden scheint.

Natürlich hatte ich die Hoffnung, dass sich mit dem Aufenthalt in dieser Klinik mein Zustand schon verbessern würde. Nicht dramatisch, aber deutlich. Eine Depression kann schließlich Folge sowie Ursache problematischen Alkoholkonsums sein. Daher hatte ich gedacht, mit einer langen Abstinenz müsste es doch besser. Doch viel besser ist es nicht. Ich bin ruhiger und vielleicht etwas entspannter. Aber das bringt einem auch wenig, wenn man dabei traurig ist. Nüchtern und traurig, statt betrunken und traurig. Und manchmal bin ich mir nicht sicher, ob das wirklich ein Fortschritt ist. Darum hatte ich mich entschieden, die Aversion zu überwinden, dem zunehmend eindringlichen Zureden meiner Freunde nachzugeben und entgegen aller Vorbehalt nun zum allerersten Mal ein Antidepressivum zu probieren. Denn so kann es nicht weitergehen.

Ich saß also bei Pia, die gar nicht Pia hieß, sondern Devin und für mich Frau Ünsal. Eine kleine, zarte Frau mit vor Klugheit strahlenden Augen, die mir sofort sympathisch war. Ich versuchte zu erklären, woher ich gerade kam, warum ich hier war und vor allem wie sich mein Problem anfühlt. Ich weiß nicht, ob das bei ihr ankam. Denn sie meinte, das klinge nicht nach einer funktionalen Störung des Gehirns. Ich erzählte von meinen Suizidgedanken, die hin und wieder aufkamen. Sie fragte, ob ein Handlungsimpuls damit verbunden sei. Ich sagte, nein. Und versuchte es frei nach Bov Bjerg: Ich will nicht sterben. Ich will nur nicht mehr leben. Ich glaube, das ist ein Unterschied. Den sie wohl verstanden hatte, aber meinte, auch das klinge nicht nach einer funktionalen Störung des Gehirns. Das klinge nach einer Lebenskrise. – Ach was, dachte ich.– Die Indikation für Antidepressiva wären damit nicht gegeben. – Achso, dachte ich.– Wir können uns aber alle vier Wochen für eine halbe Stunde treffen bis ich einen Therapieplatz gefunden habe. – Na gut, dachte ich. Erleichtert und irgendwie auch resigniert. Doch erst zu Hause spürte ich wie groß meine Enttäuschung war, nachdem ich mich endlich überwunden hatte Medikamente zu versuchen und sie mir verwehrt blieben.

Aber als Wissenschaftlerin weiß ich, dass es keine einfachen Lösungen für komplexe Probleme gibt. Oder eben schnelle. Schön wäre es trotzdem gewesen. Denn jetzt muss es wohl so weitergehen.

Schmetterlingseffekt

Ungefähr vor einer Woche saß ich mit einer Freundin in der Kneipe. Ich sitze gerade oft in Kneipen. Denn zum einen mag ich Kneipen. Zum anderen kann man jeden Abend in einer Kneipe sitzen, wenn man keinen Alkohol trinkt und sich nicht vom Vorabend erholen oder daran denken muss, dass der nächste Morgen nach dem dritten Bier eventuell nicht ganz so schön wird. Das ist ungemein praktisch. Ein richtiger Luxus geradezu. Und entgegen naheliegender Vermutungen hat die Abstinenz meinem Sozialleben damit keinen Abbruch getan. Im Gegenteil. Ich gehe mehr aus als zuvor. Und vor etwa einer Woche saß ich also mit dieser Freundin in der Kneipe. Sie erzählte mir eine Geschichte mehr so aus dem Bereich der zwischenmenschlichen Beziehungen, die mit der Feststellung endete: Und das ist die einzige Entscheidung, die ich in meinem Leben bereut habe.

Das hat mich beeindruckt. Nicht nur aufgrund der unzähligen Dinge, die ich alle bereue. Sondern mit sich und seinem Leben derart im Reinen zu sein, dass es exakt eine Sache gibt, die man anders machen würde. Ich wüsste gar nicht, wo ich anfangen sollte. Vieles, so vieles hätte ich mir gern erspart. Und bei der Mehrheit von Dingen hatte ich nicht mal das Gefühl, eine Wahl gehabt zu haben. Sie sind mir einfach so passiert oder ich habe mich irgendwie verhalten auf genau die eine Weise, die mir in dem Moment eben gerade möglich schien. Mangelnde Selbstwirksamkeitserfahrung, so heißt das dann im Fachjargon.

Doch wenn ich ehrlich zu mir bin, habe ich jede Menge Entscheidungen getroffen. Und so schlecht waren die vielleicht gar nicht, wenn ich mein Leben fair betrachte. Klar, manches könnte besser sein. Aber unendlich vieles auch um sehr, sehr vieles schlechter. Und da ohnehin niemand von uns weiß, wie es heute wäre, wenn es irgendwann anders gewesen wäre, können wir auch Frieden schließen mit den Entscheidungen der Vergangenheit. Denn ändern können wir sie nicht. Nur für die Zukunft lernen, uns etwas bewusster zu entscheiden. Das fühlt sich meist auch richtig an. Egal, was sich daraus entwickelt.

Arbeitskampf

Ich bin seit vier Wochen zurück zu Hause und nun seit zwei Wochen auch wieder im Büro. Und was soll ich sagen. Es wurde sich ziemlich gefreut mich zu sehen. Richtig menschlich und von Herzen. Das war schön.

Mit meinem Kumpelchef hatte ich gleich am ersten Tag zudem ein Willkommensgespräch. Das war auch schön. Er wollte wissen, wie die Therapie war und wie es mir gehen würde. Also, wie es mir wirklich geht. Ganz in Abgrenzung zu dem, was ich dem KollegInnenkreis erzählte und weshalb mein erster Arbeitstag mir vorab sehr bevorstand: Die antizipiert neugierigen Blicke. Die vorab formulierte Erwartung, wie entspannt, erholt und leistungsfähig ich jetzt sein müsste. Als hätte ich einen fünf Sterne-Wellness-Urlaub absolviert und nicht 15 Wochen Therapie in einer öffentlichen Einrichtung gemacht. Und natürlich die omnipräsente, hundertmal gestellte Frage: Wie geht es Dir?!

Und, klar. Man will niemanden enttäuschen. Aber wie ihr bereits wisst, geht’s mir kaum anders als zuvor. Nur, dass ich derart sauber und rein bin, dass ich für Waschmittel Werbung machen könnte. Aber damit kann ich nun auch nicht vor den KollegInnen angeben, denn die wissen nichts von meiner Sucht. Also legte ich mir Standardantworten auf die erwartbaren Standardfragen zurecht: „Danke, gut.“, „Ja. Besser.“, „Therapie ist kein Erholungsurlaub.“, „Ich muss mich erst noch eingewöhnen.“

Natürlich hätte ich ihnen lieber die ausgeglichene, tiefenentspannte und belastbare Kollegin präsentiert, die sie wohl erwartet haben. Und noch lieber wäre ich diese Kollegin wirklich gewesen. Aber die bin ich nun mal nicht. Auch wenn ich es selbst von mir erwartet hatte. Umso mehr war es geboten ehrlich zu sein. Zu mir selbst. Und auch zu meinem Kumpelchef als es zu der Frage kam, wie es mir jetzt gehen würde und ob sie als Arbeitgeber etwas für mich tun können.

Denn darauf war ich vorbereitet. Was ich als Mensch und Wissenschaftlerin zum Arbeiten brauche, sind Vertrauen, Flexibilität und Freiheit. Und sowas gibt es bei uns nicht. Wir haben eine Kernarbeitszeit von 9:00 bis 16:00 Uhr. Unbedingte Präsenzpflicht, die von der Personalabteilung kontrolliert wird und selbst für Termine innerhalb der Stadt brauchte man vor Kurzem noch eine Genehmigung. Komplett irre, aber wahr. Zwar besteht formal die Möglichkeit punktuell auch mal zu Hause zu arbeiten. Nur besteht ein noch viel höherer sozialer Druck, diese Möglichkeit bloß nicht in Anspruch zu nehmen. Angeblich wegen des Neids von anderen Abteilungen, aber viel mehr wegen der impliziten Unterstellung, wir würden zu Hause nur Müßiggang betreiben. So viel zum Punkt Vertrauen. Und all meine Bemühungen diese Regularien zu ändern und mehr Freiheit zu erhalten, waren im Vorwege gescheitert.

Doch nun sah ich meine Chance! Jetzt war mein Moment gekommen! Schwäche zu zeigen, gilt nicht nur sprichwörtlich als Stärke, sondern kann ganz real neue Verhandlungsspielräume eröffnen. Und so habe ich es geschafft: Ich habe jetzt Anspruch auf zehn Tage Homeoffice im Jahr und darf zusätzlich ab mittags an den heimischen Schreibtisch wechseln, sofern ich keine Termine habe. Auch kann ich in Ausnahmefällen das Büro spontan vor 16:00 Uhr verlassen und Überstunden abbauen, wenn es mir mal nicht so gut geht. Und all das befristet auf ein halbes Jahr. Seid ihr auch so beeindruckt? Ja. Ich ebenfalls nicht.

Aber es macht mein Leben wenigstens ein bisschen leichter, während ich mir einen Job mit zeitgemäßen Arbeitsbedingungen suche, der auf Vertrauen und Eigenverantwortung anstelle von Misstrauen und Kontrolle setzt. Denn letzteres, das weiß ich jetzt, macht mich auf Dauer krank.