Willkommen

Dienstag war es nun soweit. Die erste Sitzung der MSC-Studie fand am frühen Abend statt. Und ich kann es nicht bestreiten. Ich war ein wenig aufgeregt. Und daher viel zu früh dort. Ist man die Erste auf der Party, hat man jedoch den Heimvorteil und kann die anderen kommen sehen. Nach und nach. Die rund 15 Teilnehmer. Die meisten jung, die meisten weiblich. Also, alle bis auf zwei. Die meisten wirklich angenehm und viele sogar richtig schön. Und als wir so zusammensaßen, achtsam im ovalen Kreis, und ich in die Runde schaute, fiel es mir sehr zu glauben schwer: Wir allesamt sind Borderliner. Alle Personen in diesem Raum. Denn, nein. Das sieht man wirklich nicht.

Wir saßen alle ganz entspannt, auf großen, weißen, weichen Kissen. Blumen standen in der Mitte, eine Kerze brennt dazu. Vor jedem von uns lag ein Zettel und auf diesem Zettel steht: „Möge ich in dieser Sitzung allen Erfahrungen mit einer freundlichen und geduldigen Haltung begegnen.“ Und mit diesem „ich“, so schwant mir, bin vermutlich ich gemeint. Nun bin ich allerdings kein Zettel, kein geduldiges Papier, und war erstmal leicht brüskiert von seiner Erwartungshaltung, der ich trotz allem – wie ich mir vornahm – versuchen zu entsprechen will. Was nicht eben einfach wird. Wenn ich das Programm betrachte und, was mich erwartet in den kommenden zehn Sitzungen. „Liebevolles Atmen“ zum Beispiel. Was mich gleich schwerer atmen ließ. Doch die ersten Fluchtreflexe setzten ein bei Sitzung 4: „Einen mitfühlenden Brief an sich selbst schreiben.“ Plötzlich bin ich ganz verkrampft im Schulter- und im Bauchbereich und alle feinen Körperhaare stellen sich nach hinten auf. Und während ich panisch überlege, ob eine Kurznachricht nicht reichen würde, stieß ich schon auf Sitzung 7: „Herausfordernde Beziehungen erforschen“ mit den Unterarbeitspunkten „Der Schmerz der Verbundenheit“ und „Der Schmerz der Unverbundenheit“. Ok. Nun also Dialektik. Und wie man’s macht, es tut wohl weh. Und meine Beziehungen möchte ich nun nicht betrachten. Wirklich nicht. Weil Erkenntnisse meist Handlungen erfordern, die ich nicht vollziehen will. Aber gut. Vielleicht hilft mir Sitzung 6: „Weicher werden – Umsorgen – Zulassen“. Ja. Oder weglaufen. Doch ich ahne bereits. Das, was mir am meisten Angst macht, ist genau das, wo es sich hinzuschauen lohnt.

Dann machten wir noch eine Übung: Was sagen oder tun wir, wenn einem geliebten Menschen etwas Schlimmes wiederfährt. Und was sagen oder tun wir, wenn uns selbst etwas sehr Schlimmes wiederfährt. Es dürfte nun keinen überraschen, der Unterschied war eklatant. Klar. Wir würden unseren Freundinnen niemals sagen, dass sie selbst schuld sind, sich zusammenreißen sollen und – verdammt nochmal – mehr anstrengen. Man tritt keinen, der am Boden liegt. Außer wir uns ständig selbst. Das ist aber keine Besonderheit von Borderlinern. 78 Prozent aller Menschen gehen mit anderen mitfühlender um als mit sich selbst. Nur sechs Prozent sind zu sich netter. Und mal ehrlich, mit denen will man nun wirklich nicht befreundet sein. Aber 16 Prozent gehen mit sich ebenso freundlich um wie mit anderen. Und genau das soll unser Ziel sein. Einer von 16 Prozent zu werden.

Und in dieser ersten Sitzung gelang mir schon der erste Schritt. Beim Meditieren sollten wir uns selbst begrüßen und freuen, in diesem Kurs zu sein. So sagte ich mir in Gedanken: „Hallo Nina. Schön, dass Du da bist.“ Und das glich einer Erleuchtung. Denn so ist es nun mal auch.

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Gut genug

Alles läuft gut. Ich meine, wirklich gut. Richtig gut. Denn:

Meine Doktorarbeit ist am Freitag in den Druck gegangen. In dem Verlag, den ich gern wollte. In der Reihe, die ich mir so sehr gewünscht hatte. Das war nochmal etwas Aufwand – umschreiben, anpassen, korrigieren, layouten, abstimmen – aber jetzt ist sie bereit und ging am Freitag in den Druck. Ich muss nur noch etwas warten. So ungefähr zehn Wochen lang. Dann werde ich es in den Händen halten. Dieses Buch mit meinem Namen. Mit ISBN. Mit Cover und Rückseite. Dazwischen 335 Seiten voller Texte, die ich tatsächlich alle schrieb. Und:

Ich habe einen Therapieplatz bekommen. Nachdem ich immer wieder über Tage bei ungezählten Therapeuten, Psychologen und Instituten angerufen und fast schon aufgegeben hatte, weil man abgewimmelt wird, nicht mal durch die Menschen selbst, sondern von ihren Mailboxtexten, die Türsteher der Postmoderne, die einem mitfühlsam erläutern, dass es hier keine Plätze gäbe und auch keine Warteliste. So kriegt man nicht einmal Kontakt für weiteren Kontakt wie zum Beispiel einen Hinweis, wen man denn noch fragen könnte. Trotzdem habe ich jetzt einen Platz. In einem Drogentherapiezentrum. Denn die haben auch sehr gute Therapeuten und ebenfalls für DBT. Ich kann also nur jeder Person mit einer psychischen Störung empfehlen, sich auch eine Sucht zuzulegen. Das mag im Leben manchmal hinderlich sein, aber die Auswahl an Therapieangeboten erhöht es wirklich ungemein. Und man muss nicht ernsthaft süchtig sein. Ein ernstzunehmender Missbrauch, wie er mir so attestiert wird, reicht hier schon vollkommen aus. Dank diesem habe ich also einen Platz, doch werde ihn erstmal nicht nutzen. Denn:

Ich habe eine Zusage erhalten. Ich darf an einer klinischen Studie für Borderline-Persönlichkeiten teilnehmen. Damit soll die Wirksamkeit von achtsamem Selbstmitgefühl (MSC – Mindful Self-Compassion) auf Menschen mit emotional-instabiler Persönlichkeit getestet werden. In 3- bis 4-stündigen Sitzungen werden wir über zehn Wochen anhand von Freundlichkeit, Mitmenschlichkeit und einem gelassenen Gewahrsein – ja, so habe ich auch geschaut – trainieren, schwierigen Momenten im Leben und vor allem uns selbst mit Güte, Fürsorge und Verständnis zu begegnen. Kurz: Ich soll lernen liebevoller mit mir umzugehen und weniger kritisch und streng zu mir zu sein. Und ich glaub, das kann ich brauchen. Denn:

Es läuft zwar alles gut. Doch trotzdem bin ich immer wütend. Denn es ist niemals gut genug. Weil ich mir niemals gut genug bin. Und daher auch niemals zufrieden. Und ganz ehrlich: Das ist auf Dauer kein Konzept. Zumindest kein tragfähiges. Für den Rest so eines Lebens. Deshalb geht‘s am Dienstag los. Mit dem gelassenen Gewahrsein. Seid ihr auch schon so gespannt?

Geduld

Ich war heut‘ nochmal bei Uwe. Denn Uwe wird morgen entlassen.
Allerdings nur für kurze Zeit. Dann wird er nochmal operiert.
Diesmal an der Prostata. Und irgendwann darauf am Herzen.
Doch mit dem Herz muss ich geduldig sein“, ließ er mich wissen.
Und, ja. So dachte ich. Da hat er recht. Das muss man vermutlich immer.

Am Bahnhof Hackescher Markt

Ich war gestern im Krankenhaus und habe Uwe dort besucht. Denn Uwe lebt noch. Sie haben ihn den halben Pankreas und weite Teile des Magens entfernt, aber er lebt noch. Und deshalb habe ich ihn besucht.

Ich ging zu ihm auf sein Zimmer und wir gingen dann spazieren. Fest unterhaken musste ich ihn. Er schwankte sehr an meiner Seite. Doch das machte ihm nichts aus. Er sei schließlich Krabbenfischer. Und kennt das noch von hoher See. So schwankten wir gemeinsam, mehr seitlich als nach vorn doch trotzdem irgendwie konstant durch Mitte. Die Nina und der Uwe. Er in seiner Lederjacke, die, so wie sie aussieht, sein halbes Leben miterlebte. Und das war schon sehr belebt sein Leben. Sagt der Uwe. Sagt die Jacke. Die ihm jetzt so viel zu groß ist. Dem geschrumpften Uwe, weil er nichts mehr essen kann. Und unter seiner Jacke schaut der Urinbeutel heraus. Frisch geleert und ausgehfein. Schaukelt er mit uns vor sich hin. Über der grauen Jogginghose. Ob mir das nicht peinlich sei, so mit ihm als alten Rocker. War seine ernstgemeinte Frage, die ich jedoch nicht verstand. Weil wir zusammen glücklich waren und damit auch ein schönes Paar, das im Sonnenschein flanierte und schließlich beieinander saß auf einer kleinen Mauerkannte direkt am Bahnhof Hackescher Markt. Wir saßen da im warmen Licht, sahen dem ganzen Treiben zu. Hauptsächlich Touristen, deren Blicke suchend waren, um die Attraktion zu finden, deren Teil sie für uns selbst sind. Das alles untermalt, um diesen Kitsch zu komplettieren, von einer Straßenmusikkombo und die spielte nicht mal schlecht.

Wir saßen eine Stunde dort. Wir rauchten und redeten. Wir redeten über unsere Leben. Wir redeten über Uwes Leben, das sehr spürbar endlich ist. Wir rauchten meine Zigaretten. Eine nach der anderen. Bis die Schachtel komplett leer war. Ich hielt ihm im Arm. Manchmal hielt ich seine Hand. Und erfuhr, dass ich der erste Mensch bin, der das wohl seit Jahren tat. Ich war bloß zwei Stunden mit Uwe. Das ist wirklich nicht viel Zeit. Und hatte doch so große Wirkung. Für ihn. Und für mich. Denn wie wertvoll man ist, merkt man manchmal erst durch andere. Einfach dadurch, dass man da ist.

Männer, die in Bahnen fahren (2)

Und dann saß mir in der S-Bahn dieser Mann gegenüber. Ein schöner Mann. Aber nicht zu schön, um ihn nicht mehr schön zu finden. Er schaute auf sein Telefon. Ich schaute auf mein Telefon. Zwischendurch sahen wir auf. Über die Mobilgeräte hinweg. Sahen uns an. Und zurück auf die Telefone. Immer wieder. Irgendwann lächelten wir sogar dabei. Und das auch immer wieder. Telefone. Lächeln. Telefone. Lächeln. Telefone. Irgendwann stoppte ich die Prozedur. Weil alles schon gesagt war, was sich mit Schauen und Lächeln sagen lässt. Zudem musste ich raus. Umsteigen. Er musste aber auch raus. So standen wir zusammen vor der Tür. Und konnten nochmal Lächeln. Im Stehen und ohne Telefone. Dann verließen wir die Bahn. Doch bevor ich weiterkonnte, sprach er mich tatsächlich an. Der schöne Mann. Ob wir uns wiedersehen wollen. Und ich weiß nicht, wo das Konfetti herkam. Die Luftschlangen und das Feuerwerk. Äußerlich blieb ich gelassen und sagte einfach: Ja. Das wäre schön. Und: Hallo. Ich bin Nina. Ich bin Aaron, sagte Aaron. Und das fand ich richtig gut.

Wir tauschten unsere Nummern aus und gingen jeweils zu unseren Gleisen. Und ich war nicht ganz am Ziel meiner eigentlichen Reise, da kam von ihm schon eine Nachricht. Sein Fernzug sei zwar ausgefallen, aber das wäre nicht so schlimm. Denn der Tag hat gut begonnen, weil wir uns getroffen haben. Und mein innerliches Grinsen nahm nun äußere Formen an. Ich schrieb ihm kurz danach zurück. Wie toll, dass er mich ansprach. Ich hätte das wohl nicht gepackt. Und freue mich auf ein Wiedersehen. Nur schrieb er später dann noch mal. Wie chaotisch seine Reise wäre. Doch das sei alles aushaltbar, weil er mich vor Augen habe. Und als darauf noch weiter kam, wie toll sein erster Eindruck war und er überaus gespannt sei, den Rest von mir bald zu entdecken, da war’s bei mir leider vorbei. Zu viele Komplimente. Nach nur drei Stationen Bahnfahrt. Zu wenig Interesse. An mir als Person. Vom Traummann zum Player in nur vier Textnachrichten. Das muss man auch erst einmal schaffen. Aber immerhin. In meiner Fantasie hatte ich den Richtigen gefunden. Für ganze zwei Stunden. Und das kann mir keiner nehmen. Auch keine noch so blöde Anmache in einer plumpen Textnachricht.

 

Männer, die in Bahnen fahren (1)

Letzte Woche war ein Mann in der U-Bahn. Das ist soweit nicht ungewöhnlich. Es leben 1.823.912 männliche Menschen in Berlin. Von denen fahren auch viele U-Bahn. Das ist eine Tatsache. Nur war dieser Mann sehr gut gekleidet, was in Berlin nicht häufig ist und schon gar nicht in der U-Bahn. Drei. Genau drei. Drei gut gekleidete Männer habe ich den 26 Monaten gesehen, seitdem ich hier bin. Aber vielleicht ist das total viel. Für Berlin. Das weiß ich jetzt nicht so genau. Aber der hier war nun Nummer drei. Und stand jetzt so da. Groß. Galant. Sympathisch. Stattlich. Mit einer Rose in der Hand. Was ich gar nicht wissen konnte, war sie doch komplett eingewickelt in Papier. Aber so wie er da stand, so wie er schaute und dieses Objekt behutsam in den Händen hielt, musste es einfach eine Rose sein.

Der Mann. Die Rose. In der U-Bahn. Auf dem Weg zu einem Date. Einer Verabredung. Ein französisches Lokal mit weißer Tischdecke. Ein Zweiertisch. Mittig, aber leicht am Rand. Die Frau hat dort schon Platz genommen. Sitzt da, aber wartet nicht. Im schwarzen Kleid mit dunklen Haaren. Halblang. So dass sie eine Strähne ständig aus dem Gesicht hinter das Ohr streicht. Während sie verträumt zur Tür sieht, wo er gleich erscheinen soll. Mit dieser Rose. Sie ihr überreichen wird, wenn sie sich vom Tisch erhebt. Augenblicke. Hingehauchte Wangenküsse. Bis man sich hinsetzt und bestellt. Und dann stellte ich mir vor, ich säße dort und wäre da. Mit diesem Mann. Der zu mir ins Lokal hereinkam. Mir diese Rose überreichte. Man zusammen beim Essen sitzt, sich über Teller zwischen Weingläsern und Kerzen ansieht; erzählt wie denn der Tag war. Oder das bisherige Leben.

Und während ich so fantasiere und mich frage, wie ich das wohl finden würde. Mit diesem Mann in dem Lokal. Fängt er plötzlich an zu gähnen. In der Bahn. Und das kann man auch verstehen. Wenn man einen langen Tag hatte, irgendwo früh aufgestanden ist, wichtige Termine waren, die man erfolgreich absolvierte. Besprechungen hielt. Probleme löste oder schaffte. Und dann noch eine Rose kaufte. Ja. Da darf man auch mal müde sein. Und dann muss man auch mal gähnen. Natürlich richtig herzhaft. Das darf man auch. Das muss mal raus. So dass der Kiefer beinah knackt, weil die Spannweite erreicht ist. Er fast auszuhaken droht. Und wenn man sich schon gehen lässt, hält man auch nicht die Hand davor. Fünfe müssen gerade sein. Zumindest einmal. Jeden Tag.

Ja. Das kann ich gut verstehen. Doch der Zauber war vorbei. Das Lokal mit einmal weg, indem ich nicht mehr sitzen wollte. Sondern nur nach Hause fahren. Wo niemand auf mich wartet. Keine Rosen. Keine Bärte. Keine Stimmen. Keine Gespräche. Und mehr braucht es manchmal nicht. Zum Glück. Als das Fehlen dieser Dinge, von denen man plötzlich weiß, dass man sie grad nicht haben will.

Einschlafhilfe

Kennt Ihr das auch? Wenn man nachts im Bett liegt und nicht schlafen kann. Weil man so Gedanken hat:

Wie großartig der Tag war. Wie gut alles gelaufen ist. Was für tolle Menschen man getroffen und welch‘ fantastischen Eindruck man vermutlich hinterlassen hat. Fast nur kluge Dinge sagte oder tat, auf die man dann zu Recht sehr stolz ist. So beglückt von sich und seinem Leben ist, der Vergangenheit, der Gegenwart und Zukunft, dass man kaum schlafen kann vor Freude. Weil es schon morgen weitergeht. Mit einem neuen Tag. Einem großartigen Tag in einem wundervollen Leben, das wieder so viel Schönes und Gutes einem bescheren wird.

Nein? Ihr kennt das nicht? Gut. Ich kenn‘ das nämlich auch nicht.
Aber einen Versuch wäre es wert.