Aktionismus

Am Tag danach. Dem Tag danach. Dem Tag nach meinem letzten Rückfall meldete sich ein Freund bei mir, wie es mir denn so gehen würde. Und ich sagte es ihm dann: „Ich hatte einen Rückfall. Einen sehr, sehr schlimmen Rückfall. Weil ich mich überfordert fühlte. Und jetzt schäme ich mich. Ich ärgere mich. Ich fühle mich grauenvoll und ich habe Angst. Aber vor allem muss ich diesen furchtbaren Tag jetzt erstmal überstehen.“ 

Abends meldete er sich wieder: „Hey, Du hast es fast geschafft! Wie ist es Dir ergangen?

Und ich erzählte es ihm dann: Ich hatte meiner Therapeutin geschrieben, was passiert ist. Ich hatte ihr eine zweimonatige Therapiepause vorgeschlagen, um wieder richtig clean zu werden. „Dennich möchte meine wertvolle Therapiezeit nicht damit verschwenden, über Alkohol und Rückfälle zu sprechen. Ich möchte richtig an mir arbeiten. Aber so geht das leider nicht. Und es ärgert mich, wie weit ich mich von dem entfernt habe, was ich eigentlich sein möchte. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass ein besseres Leben als das hier für mich möglich ist.“ (Ja. Melodramatisch kann ich. Vor allem, wenn ich verkatert bin.) Auch hatte ich meine Suchttherapeutin kontaktiert und einen Termin für den nächsten Tag vereinbart. Ich hatte an einem NA-Meeting teilgenommen und einen Blogbeitrag geschrieben. Abends hatte ich schließlich die erste Sitzung meines Online-Seminars zum achtsamkeitsbasierten Selbstmitgefühl. Und. Ach, ja. Wäsche gewaschen hatte ich auch. 

Da musste er laut lachen: „Das bist so typisch Du, Nina. Und das ist Teil des Problems. Aber vielleicht auch Teil der Lösung.“

Und da hat er vermutlich recht.

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Bedauerliche Einzelfälle

Nein. Es geht in diesem Beitrag nicht um Nazis in der Bundeswehr oder rechte Chatgruppen bei der Polizei. Es geht auch nicht um Innenminister und Politiker:innen, die ein offenkundig strukturelles Problem vor sich und anderen klein reden. Nein. Es geht um mich. Die ein offenkundig strukturelles Problem vor sich und anderen klein redet. Und ich wünschte fast, es würde dabei um Nazis gehen. Das tut es aber nicht. Es geht um meinen Rückfall gestern. Und um den davor. Und davor. Bedauerliche Einzelfälle könnte man sagen. Klar. Denn zwischendurch läuft es ja gut, wie man hier auch lesen kann. Nur punktuell geht’s manchmal schief. Doch wenn die Punkte zusehends näher zueinanderrücken, hat man schließlich ein Problem. Ein strukturelles Problem. Vor dem man natürlich wie ein Innenminister die Augen verschließen kann, wodurch es allerdings nur schlimmer wird. Besser scheint es mir daher, der Wahrheit ins Gesicht zu blicken und diese hier auch aufzudecken: Ich habe wieder ein Problem. Ein Problem mit Alkohol. Und daran muss ich arbeiten.

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Anders freuen

Das Nicht-Trinken stellt einem im Alltag hin und wieder vor Herausforderungen. Zum Beispiel wenn man mit Freunden unterwegs ist, einem unverhofft was angeboten oder im Job plötzlich ein Glas in die Hand gedrückt wird. Und man kurz in dem Moment vergisst, dass man abstinent ist. Oder es gern vergessen würde, für den Moment, um kurz zu sein wie alle anderen. Aber das sind Dinge, mit denen man umzugehen lernt. Das klappt an sich ganz schnell und macht manchmal sogar Spaß. „Danke. Für mich nicht.“ Hat halt auch was Exklusives. Nur, dass Exklusivität eben exkludierend ist. 

Aber als Borderlinende ist man das ja schon gewohnt. Dieses Gefühl zu haben, nicht dazuzugehören. Aber auch besonders auf sich aufzupassen, wenn es einem schlecht geht, man extrem angespannt ist oder was Furchtbares geschieht. Zumindest ist das bei mir so eng mit Konsum verbunden, dass ich automatisch wachsam werde und mich an die Leine nehme. Aber auf Schicksalsschläge, Liebeskummer und weitere, unbestimmte Frustrationserscheinungen mit Trunkenheit zu reagieren, scheint gesellschaftlich recht akzeptiert und durchaus weit verbreitet. Damit bin ich mal nicht allein. 

Aber wesentlich schlimmer als wenn etwas Schlimmes passiert, ist, wenn einem etwas Gutes wiederfährt. Oder wie mein Selbsthilfegruppenleiter immer sagte: „Wenn es dir gut geht, gehe zur Gruppe; wenn es dir schlecht geht, renne zur Gruppe.“ Er hat zudem auch gesagt: „Hast Du Kummer, hast Du meine Nummer.“ Und ist insgesamt ein cooer Typ. Aber das ist eine andere Geschichte. Hier geht es um Konsumanlässe. Und neben Schicksalsschlag und Krise ist nichts gefährlicher als ein freudiges Ereignis. Zugegeben. Das Jahr 2020 war da schon ziemlich praktisch, denn Anlass zur feierlichen Fröhlichkeit war nun nicht sehr viel vorhanden. Gerade heute zwischen Attentat in Wien und dem noch offenen Ausgang der US-Wahl scheint nur ein frustrationsbedingter Rückfall irgendwie wahrscheinlich. Manche meinen angemessen. Bis mein Chef mich vorhin anrief. Und mich kurzerhand beförderte. 

Und, ja. Dann sitzt man halt so da. Mit seinen erlernten Verhaltensmustern, die einem sagen, dass man jetzt wirklich eine Flasche Champagner öffnen müsste. Mindestens. Um mit jemanden anzustoßen. Und später wild zu feiern und vollkommen zu eskalieren. Und man weiß gar nicht, was man machen soll, wenn das nun nicht mehr möglich ist. 

Ich habe mir schließlich einen Salbeitee gekocht. Mit Honig. Mit extra viel Honig, um ehrlich zu sein. Damit saß ich an meinem Schreibtisch und habe mich mehr so nach innen in mich hineingefreut. Aber vielleicht rufe ich nachher noch Menschen an, um es ihnen zu erzählen. Dann freuen wir uns zusammen. Vielleicht höre ich auch später noch Musik und tanze dann dazu. Und ganz vielleicht ersetze ich den Salbeitee dabei durch ein gesüßtes, mit Kohlensäure versetztes Erfrischungsgetränk. Das wäre doch mal was. Und beinahe eine Party.  

Klimmzüge

Ich bin Kummer ja gewohnt. Ich habe seit meiner Jugend Borderline, diverse Essstörungen und das mit der Sucht kam auch noch sukzessive hinzu. Irgendwie muss man seine Anspannung schließlich regulieren oder sich die eigene Gesellschaft schön trinken, die man mit latenten Selbsthass eben nicht konstant zu schätzen weiß. Man könnte also sagen, dass meine Grunddisposition für ein glückliches und zufriedenes Leben eher voraussetzungsvoller war. 

Dankenswerterweise gibt es Therapieansätze wie DBT, MSC, ACT und MKT oder außerhalb der 3-Buchstaben-Akronyme die Schematherapie, die mir im Laufe meines Lebens sogar alle zuteilwurden. Und die können einem helfen, seine Muster zu verstehen und besser mit sich umzugehen. Einem zumindest die Blaupause einer Gebrauchsanweisung für sich selbst liefern, die von Geburt an nicht dabei war und die durch Versuch und Irrtum sowie meist mit Schmerz und Leid, bei sich sowie bei anderen, mühsam herzuleiten ist.  

Durch jahrelange Therapien konnte ich so tatsächlich lernen, gegen vieles anzusteuern, was mir mein Ich-sein schwerer macht: Nicht alles zu glauben, was ich denke. Stets zu hinterfragen, ob meine Gedanken hilfreich sind und meine Gefühle angemessen. Ich habe gelernt, negative Denkspiralen zu durchbrechen und Emotionen abzuschwächen. Einen fairen Blick auf mich und meine Leistungen einzunehmen. Darauf zu achten, wie ich mit mir spreche und eine mitfühlende Haltung zu mir selbst zu etablieren. Ja. Auch Zeit für Selbstfürsorge einzuplanen und angenehme Aktivitäten auszuüben. All das habe ich gelernt. Und manchmal half es mir sogar. So dass zu existieren in bestimmten Lebensphasen nicht mehr eine Zumutung, sondern beinahe ein angenehmer Zustand war. 

Bis der Schwierigkeitsgrad nochmal erhöht wurde. Und meine Grundstimmung auf Tiefgaragenniveau abgesenkt. Seither muss ich mich konstant bemühen, mich aus dem Loch ans Licht zu ziehen – mit dem, was ich zuvor gelernt habe. Doch egal, was ich auch tue: Ob ich in den Urlaub fahre, mich mit Freundinnen treffe, geliebte Menschen anrufe, Laufen gehe oder eingekuschelt einen Film sehe. Nichts wirkt über den Moment hinaus. Sobald ich aufhöre aktiv dagegen anzugehen, sackt die Befindlichkeit auf null beziehungsweise weit darunter. Und ich muss mich wieder hochziehen, wenn ich nicht liegen bleiben will. Das meine ich im Wortsinn. Und das kostet Kraft. Viel Kraft. Kraft, die ich grundsätzlich brauche, um an mir zu arbeiten, um konstant zu hinterfragen, ob meine Gedanken hilfreich sind, meine Gefühle angemessen. Um negative Denkspiralen zu durchbrechen, Emotionen abzuschwächen und auch um abstinent zu bleiben. 

Daher habe ich einen Termin bei meiner Psychiaterin vereinbart. Die Psychiaterin, die mir im März bereits gesagt hat, ich hätte keine funktionale Störung des Gehirns, sondern eine Lebenskrise. Weshalb ich keine Antidepressiva bekäme, aber es mit einer Therapie versuchen sollte. Haha. Doch so langsam würde ich gern mal von ihr wissen, wie lange so eine Lebenskrise anhält. Und, ob es charakteristisch für Lebenskrisen sei, dass man mit seinem Leben an sich recht zufrieden ist. Aber trotzdem ständig traurig. Ich lerne ja immer gern dazu.

Monster Inc.

Mir geht’s in letzter Zeit sehr anstrengend. Und ich wusste nicht, warum. Aber ich wusste, dass ich schwer erträglich bin. Für mein Umfeld vermutlich, aber ebenso für mich. Nur kann ich nicht weggehen. Ich kann mich nicht stehen lassen, wenn ich übellaunig bin, wie die anderen es könnten, es aber nicht tun, was ich nicht nachvollziehen kann. Denn wäre ich nicht ich, sondern sie oder vielleicht sogar Du, wäre ich schon lange fort. Ja. Meine Gesellschaft ist zurzeit nicht sehr erquicklich. 

Man könnte auch sagen, das Ninakostüm über der Borderlinerin ist gerade ziemlich dünn. Eher eine hauchzarte Membran, die bei der kleinsten Reizung aufreißt. Dabei dachte ich Ende letzten Jahres noch, ich hätte gar kein Borderline mehr. Versteht mich nicht falsch; wir alle haben lebenslänglich. Aber die Ausprägungen fühlten sich mittlerweile derart schwach an, dass ich davon ausging, fünf von neun Kriterien (nach DSM V) nicht mehr zu erfüllen. Borderline wächst sich im Alter aus, so sagt man doch. Was auf mich leider nicht zutrifft. Ich hatte weiter volle Punktzahl. Und seit ein paar Wochen fühlt es sich auch noch so an. 

Ich bin wütend. Ständig wütend. Auf alles. Ohne Grund. Und gibt es einen Grund oder vielmehr einen Anlass, denn für neurotypische Menschen wäre dieser Anlass mit Sicherheit kein Grund, rege ich mich auf. Und werde ziemlich unfreundlich. Und umso näher mir ein Mensch steht, umso mehr kriegt er es ab. Das ist gleichwohl paradox wie logisch. Denn ist mir die Person lediglich entfernt bekannt, will ich mir nicht die Blöße geben und schaffe es – oft leider auch mehr schlecht als recht – mich irgendwie zusammenzureißen. Für meine Freundinnen und Freunde ist das natürlich doof, denn die haben nichts davon. Und mir tut alles furchtbar leid und ich bitte dementsprechend ständig um Verzeihung.

Aber man macht auch positive Erfahrungen. Erstaunlicherweise. Wenn man ungefiltert alles rauslässt und nichts mehr hinunterschluckt. Meine Kolleginnen versicherten mir zumindest, dass eine bestimmte Person solche sexistischen Witze wahrscheinlich niemals mehr erzählen wird – auch wenn mir die Heftigkeit meines verbalen Ausbruchs hinterher sehr peinlich war und ich mich geschämt habe. Wie ich es seit ein paar Wochen ständig tue, weil ich meine Gefühle nicht im Griff habe. Mich dauernd wie ein Monster verhalte und mich daher wie ein Monster fühle und anfange zu glauben, ein Monster zu sein. Und es wird konstant schlimmer wird und ich wusste nicht, warum. Bis zur letzten Woche. Da hatte ich plötzlich die Idee. 

Ich wollte in diesem Jahr endlich frei sein. Frei von Drogen. Frei von Alkohol. Und auch frei von Nikotin. Deshalb hatte ich vor zehn Wochen – zu allem anderen – auch noch mit Rauchen aufgehört. Das war die ersten Tage schwierig, doch schien es im Gröbsten bald vorbei. Das dachte ich wenigstens, denn ich dachte nicht ans Rauchen, nicht so, dass ich es tun wollte. Deshalb brauchte ich eine Weile, um einen Zusammenhang zu sehen zwischen dem neuen Ninamonster, was seit Wochen alle peinigt, und dem Nikotinentzug. 

Ok. Vielleicht gibt es den auch gar nicht, diesen Zusammenhang. Aber ich bin seitdem zutiefst erleichtert, eine Ursache für mein Verhalten zu haben. Eine externe Ursache, die bedeutet, dass ich nicht zunehmend freidrehe und dauerhaft zum Monster werde. Denn wenn es gerade derart schlimm ist, ist der Höhepunkt vielleicht erreicht, so dass es danach besser wird. Das ist zumindest meine Hoffnung.  Zumal die nächste Stufe bedeuten würde, dass ich fremde Menschen auf der Straße angreife. Und das will ich nun wirklich nicht. Nein.

Ich wollte in diesem Jahr frei sein. Frei von Drogen. Frei von Alkohol. Und frei von Nikotin. Aber ich merke, dass etwas nicht mehr zu nehmen, noch lange nicht heißt, frei davon zu sein. Das ist nur der erste Schritt. Wirklich frei zu sein bedeutet, nicht mehr ständig daran zu denken und dabei das Gefühl zu haben, etwas zu entbehren. Und bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Bei allem. Aber den ersten Schritt hab‘ ich gemacht. 

Orientierung

Ich war heute morgen laufen. Das ist soweit nicht ungewöhnlich. Ich gehe öfter morgens laufen. Um körperlich gesund zu bleiben, aber vor allem psychisch so etwas wie annähernd stabil. Und zurzeit brauche ich das besonders. Ich weiß nicht, woher und warum die Depressionen kamen, aber sie waren plötzlich da und seitdem versuche ich fast täglich von ihnen davonzulaufen. Denn wenn ich laufe, ist mein Kopf mal ganz kurz still. Wobei. So vollkommen stimmt das auch nicht. Zum Beispiel wenn andere an mir vorbeilaufen. Dann denke ich: Guck mal. Die sind schneller als Du. Alle sind schneller als Du, Du Versager. Und das ist nun auch nicht wirklich schön.

Doch mit einmal fiel mir ein, dass ich tatsächlich nur die Menschen sehe, die mich überholen und alle andern überhaupt nicht wahrnehmen kann. Und so banal das auch klingt, es hat mich an was erinnert, das ich längst vergessen hatte.

Brieffeindschaften

Wir hatten ihn „den Nazi“ genannt. Irgendwie muss man ihn halt nennen. Und es ist deutlich leichter mit Dingen umzugehen, wenn diese einen Namen haben. Also halt „der Nazi“. Warum auch nicht. Schließlich handelt es sich bei dem Exemplar um ein ausgesprochen großes Arschloch und ein sehr Gemeines noch dazu. Eins von dieser Sorte, denen man lieber aus dem Weg geht und nicht eine Sekunde auch nur ansatzweise um sich haben will.

Von daher war ich auch nicht sehr begeistert als meine Therapeutin sagte, ich solle ihm nun einen Brief zu schreiben. Ich meine, was soll ich so jemanden sagen? Jemand der mich ständig nur beschimpft, runterzieht und niedermacht. Was soll ich dem denn schreiben? Meine bisherige Kommunikation mit ihm umfasste im Wesentlichen drei Strategien:

1) „Halt die Fresse“ zurückbrüllen.
2) Mir unnützerweise die Ohren zuhalten und in Tränen ausbrechen.
3) Oder zu versuchen sachlich-argumentativ zu belegen, dass ich eben nicht [hier eine extra fiese Abwertung einfügen] bin.

Meine gewählten Reaktionsweisen hängen natürlich direkt mit meiner psychischen Verfasstheit zusammen. Ob ich die Kraft habe mich zu wehren oder den Anschuldigungen glaube („Ja, ich bin wirklich eine totale Versagerin“) oder das Selbstbewusstsein habe, diesen konkret zu widersprechen. Darüber hinaus ist es vollkommen egal, welche Strategie ich wähle, den Nazi lässt das unbeeindruckt. Er geht einfach nicht weg. Daher schlug ich der Therapeutin vor, mich in dem Brief recht kurzzufassen: „Ey, Du Arschloch!! Danke, dass Du mir mein Leben zur Hölle gemacht hast. Und jetzt verschwinde für immer und SOFORT!“ Ja. Das könne ich schon machen, sagte die Therapeutin. Das wäre durchaus legitim. Aber ich könne auch darüber nachdenken, ob ich ihm nicht vielleicht für irgendetwas dankbar bin (BITTE, WAS?!) oder ihn fragen, was er eigentlich von mir will.

Ok. Letzteres erschien mir einleuchtend. Schließlich hatte ich neulich einen Gruselfilm gesehen, in dem einer Frau ständig der Geist ihres toten Vaters erschien. Und anstatt immer schreiend vor Angst wegzulaufen, hat sie sich ihm irgendwann gestellt, die Dinge geklärt und danach ist er verschwunden. Das klang für mich nach einem Plan! Ich sollte meinen inneren Kritiker zum Tee einladen. Und während ich ihm Kekse reiche, kann er mir mal erzählen, wo er herkommt, was sein Ziel ist und er generell so in meinem Kopf treibt. Und ganz vielleicht bin ich ihm nach dem dritten Shortbread tatsächlich ein wenig dankbar. Weil er mich in der Schule nur beschützen wollte vor dem Spott der Anderen. Mich noch bis heute durch Kritik zur Perfektion antreibt, damit ich mich nicht schämen muss oder gefühlt ständig blamiere – und auf diese Weise nebenbei sogar recht erfolgreich bin. Im Gegenzug müsste ich ihm allerdings erklären, dass Runtermachen und Anschreien jetzt nicht gerade der neuste Stand der Pädagogik sind. Und unterstützender Zuspruch für meine persönliche und berufliche Entwicklung deutlich besser gewesen wäre. Dass ich es zwar toll finde, wie er sich all die Jahre für mich einsetzt, aber –  auch wenn das jetzt hart ist –  ich ihn wirklich nicht mehr brauche und unser Wege sich nun trennen. Und, nein. Wir können keine guten Freunde bleiben. Aber ich kann Briefe schreiben. Und das ist ein Versprechen.

Sprache und Floskeln

Ok. Ich bin vielleicht ein wenig schräg. Wobei, was heißt vielleicht. Dass ich schräg bin, hab ich schriftlich. Ich bin aber vermutlich in Bezug auf Kommunikation ebenfalls ein wenig schräg. Vor allem bei digitaler Kommunikation, die ich intensiv betreibe oder eher die anderen mit mir. Ich bin da mehr so reaktiv. Die Beantwortung eingehender Nachrichten reicht ohnehin schon meistens aus, um als eigenes Hobby durchzugehen. Ein zeitintensives Hobby wohlbemerkt, was ich daher versuche auf bestimmte Tageszeiten zu begrenzen. Als ich noch täglich zur Arbeit fuhr und nicht im Homeoffice verweilen durfte, waren das die Bahnfahrten morgens hin, abends zurück, jeweils eine halbe Stunde. Das reichte aber nie aus, um alle Gesprächsbedürfnisse umfassend zu befriedigen. Denn wenn man antwortet, kommt eine Antwort zurück, auf die man wieder antworten muss. Das nennt sich Kommunikation. Und Kommunikation ist schön. Nur während der Arbeitszeit irgendwie sehr ablenkend. Darum antworte ich nicht zwischen 9:00 und 18:00 Uhr. Naja. Ich versuche es zumindest. Und versuche ebenfalls, diesen Versuch am heimischen Schreibtisch fortzusetzen. Das erfordert eine gewisse Disziplin. Zugegeben. Und Geduld von der Gegenseite, da Menschen es gewohnt sind, dass Reaktionen bei digitaler Kommunikation umgehend und sofort erfolgen. Aber ich habe die Hoffnung weiterhin nicht aufgeben, dass man sich daran gewöhnen wird, dass Nina eben später antwortet.

Worauf ich aber eigentlich hinauswollte, ist nicht das wann, nicht das wie viel, sondern was mitunter kommuniziert wird. Das kann mich nämlich aggressiv machen. Dabei sind es nur Floskeln. Das weiß ich. Unbedachte Floskeln, die zudem noch nett gemeint sind. Das weiß ich auch. Trotzdem treiben sie meine Anspannung in Sekunden von Buddha auf stark mutierenden Hulk. Auf Platz 1 dieser Floskeln steht die Frage „Alles gut?“. Darüber schrieb ich hier bereits. Und da ich mich nur ungern wiederhole, hier einmal die tagesaktuelle Kurzfassung: Wir haben eine globale Pandemie, überfüllte Flüchtlingslager in Griechenland, Trump als Präsidenten und das Patriarchat ist immer noch nicht abgeschafft. Also, nein. Es ist bestimmt nicht alles gut. Nicht gesellschaftlich und auf persönlicher Ebene sicher auch nicht. Das weiß jeder, der mich kennt und mir solche Fragen stellt. Aber das hatten wir bereits.

Neu ist die Top 2, der von mir meistgehassten Floskeln: „Was machst Du Feines?“ oder „Was machst Du Schönes?“ Das scheint Geschmacksache zu sein. Hassen tue ich sie beide. Ist damit doch der Erwartungsdruck verbunden, man müsse oder würde immer schöne Dinge tun. Aber vielleicht putze ich gerade das Klo, quäle mich sonntags unter Stress und nur mit starkem Widerwillen an einem Arbeitstext oder sitze auf der Couch und weine, weil ich grundlos alles hasse. All‘ das ist möglich. All‘ das finde ich nicht schön. Und selbst, wenn ich etwas Schönes täte, sollte es etwas Besonders sein. Und nicht die Regel oder die hochgesetzte Messlatte, wie diese Frage impliziert. Es ist nicht immer alles schön und es ist nicht immer alles gut. Das ist das Leben. Das Leben ist nicht Instagram. Und das ist auch vollkommen ok. Daher würde ich mir von Menschen wünschen, wertfreier zu kommunizieren. Offene Fragen zu stellen, die eine Erwartung nicht gleich mitliefern. Und deren Adressenten man auf diese Weise positiv überraschen kann. Das wäre mal tatsächlich schön. Oder fein. Oder eben gut.

Ja. Ich weiß. Ich bin da ein wenig schräg und vermutlich auch übersensibel. Manchmal empfinde ich schon ein „Wie geht’s?“ oder „Wie läuft’s?“ als übergriffig, auch wenn es Interesse an meiner Person oder Befindlichkeit bezeugt. Anders betrachtet, tippt jemand nur drei Worte in sein Handy und zwingt einen in die Bringschuld, sich und seine Gefühlslage ausführlich zu schildern. Denn erfahrungsgemäß wird ein „Gut. Und Dir?“ gemeinhin als kurz angebunden und damit als unhöflich empfunden. Ein „Schlecht. Und Dir?“ löst hingegen zahlreiche Gegenfragen aus, die einen noch mehr in Erklärungszwang setzen. Ein „Ich habe gerade keine Lust darauf zu antworten.“ hat sich bisher auch nicht wirklich konstruktiv auf Gespräche ausgewirkt. Von daher hilft nur durchzuatmen, versuchen sich nichts anmerken zu lassen und gekonnt zurückzufloskeln. Denn die Menschen meinen es schließlich gut und können auch nichts für ihre Floskeln. Und ich nicht dafür, dass ich schräg bin. Denn das ist mein Borderline.