Besuchszeit

Woche 2. Tag 13.

Es ist Sonntag. Es ist Sonntag und die Sonne scheint. Es ist Sonntag und die Sonne scheint und ich bin sehr glücklich. Ich bin sehr glücklich wie ich hier so sitze mit meinem Kaffee und einer Zeitung auf einer Bank im Sonnenschein. Vor mir das grüne Tal, über mir der weite Himmel und entfernt der Horizont. Es ist schön. Es ist wirklich sehr schön. Es kommen Autos den Berg herauf. Viele Autos, nach und nach. Sie halten an auf einem Platz zu meiner Linken und Menschen steigen aus. Fröhliche Menschen. Sie haben Blumen mit dabei. Gute Stimmung, lachende Gesichter und Kuchen, aber selbstgemacht, versteht sich. Man läuft sich entgegen. Man nimmt sich in den Arm. Paare halten sich fest an ihren Körpern und den Händen. Hin und wieder fallen Küsse. Kinder mit Zöpfen oder ohne hüpfen froh im Kreis herum. Es ist schön. Es ist wirklich sehr schön. Es ist so schön, dass ich meine Zeitung nehme und fortgehe. Denn sonntags, so wird mir klar, bin ich besser woanders glücklich.

Werbeanzeigen

Affenfelsen

Woche 1. Tag 3.

Jeder dritte Mann zwischen 18 und 64 Jahren in Deutschland hat einen problematischen Alkoholkonsum [1]. Bei Frauen sind es etwa 9 Prozent. Denn Frauen reagieren auf Stress häufiger mit Ängstlichkeit und Depressionen, Männer mit Aggressivität und Suchtverhalten [2]. 73 Prozent der mit Hauptdiagnose „Psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol“ in Krankenhäusern behandelten Menschen sind daher Männer [3]. Und das sieht man auch hier. Wir sind ein Spiegel der Gesellschaft. Ein Vergrößerungsspiegel wohlgemerkt. Denn der Männeranteil bei uns ist nochmal deutlich höher. Das macht es recht speziell. Vor allem, wenn man eine Frau ist.

Ihr müsst Euch das so vorstellen: 250 Menschen leben zusammen auf engstem Raum in einem Wald. Davon 200 Männer und ca. 15 Frauen im geschlechtsreifen Alter. Ein interessantes soziales Experiment könnte man meinen, wenn man Verhaltensforscher wäre. Ich bin aber keine Verhaltensforscherin und finde das zuweilen anstrengend. Denn man bekommt Aufmerksamkeit. Viel Aufmerksamkeit. Ich mag Aufmerksamkeit. Aber das ist mehr Aufmerksamkeit als mir manches Mal lieb ist. Ein ständiges Taxieren, Einkreisen und Ansprechen. Wie von einem Mitpatienten an meinem dritten Tag:

Er möchte mich warnen. Die Typen hier wollten Frauen nur ins Bett kriegen. Darauf solle ich mich nicht einlassen. Das wäre unter meinem Niveau und ich dafür zu schade.

Ok. Ich muss gestehen, das hat mich tief beeindruckt und gleich auf mehreren Ebenen: Dass er meint mich beschützen zu müssen. Dass er davon ausgeht, dass nur Männer Frauen ins Bett kriegen wollen und er mir mein Niveau und Wert erklärt. So viel Selbstbewusstsein würde ich auch gerne mal haben, nur ohne Alphamännchengehabe und archaisches Geschlechterrollenverständnis. Zum Glück sind hier nicht alle so.

Trotzdem könnte ich ihn beruhigen. Ich bin nicht auf Abenteuer aus. Ich will einfach meine Ruhe. Dass das hier schwierig werden würde, wird mir jetzt auch zunehmend klar. Und dafür braucht man nicht mal Verhaltensforscherin zu sein.

[1]https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/52427/Maenner-anfaelliger-fuer-Alkoholsucht-als-Frauen
[2]https://www.dgppn.de/_Resources/Persistent/f80fb3f112b4eda48f6c5f3c68d23632a03ba599/DGPPN_Dossier%20web.pdf
[3]https://www.drogenbeauftragte.de/fileadmin/dateien-dba/Drogenbeauftragte/Drogen_und_Suchtbericht/pdf/DSB-2018.pdf

Verständigung II

Woche 1. Tag 2.

Dass die Schwierigkeiten in der Verständigung durchaus auf Gegenseitigkeit beruhen, wurde mir erst später klar. Und zwar in dem Moment als es mir gesagt wurde. Wenn Du verstanden werden willst, solltest Du weniger Fremdworte verwenden, erklärte mir ein Mitpatient in wohlmeinender Absicht. Das hat mich überaus bestürzt. Es war mir richtiggehend peinlich. Denn Sprache führt zu Distinktion. Und eben auch zur Selbstausgrenzung.

Verständigung I

Woche 1. Tag 2.

Ich fing an, an mir zu zweifeln. Genau genommen an meinem Gehör. Ständig muss ich nachfragen. Ständig muss ich Menschen bitten, das Gesagte für mich zu wiederholen. Und nochmal. Und ein drittes oder gar ein viertes Mal. Trotzdem verstehe ich sie nicht. Und es hat erstaunlich lang gedauert, bis ich das verstanden habe: Ich bin in Baden-Württemberg und alle Menschen sprechen schwäbisch. Das kann ich zwar nachvollziehen, verstehen tue ich’s trotzdem nicht.

Kurhotel zur schönen Aussicht

Woche 1. Tag 1. 

Der Mann, der mich vom Bahnhof abholte, lächelte breit als er mich sah. „Frau Nuthouse?“ Ich bestätigte es grinsend. Er lief mir die Treppe herunter entgegen, nahm meine Koffer und wuchtete sie rauf in den Transporter. Zack! Klappe zu, in die Hände geklatscht. Wir stiegen ein und fuhren los.

Ich sah ihn von der Seite an. Kernig. Das Wort fiel mir ein. Kernig wirkte er. Seine Zähne, wenn er sprach, die gegerbte, braune Haut und die sehnige Muskulatur unter seiner Freizeitkleidung. Eine Mischung aus Reinhold Messner und dem Seitenbacher-Müsli-Mann. Nur mit akkurat gestutztem Schnurrbart und solidem Bürstenschnitt. Interessant fand ich das. Dass man in der Gegend hier so aussieht, wusste ich derzeit noch nicht. Im Radio lief Popmusik.

Die Landstraße führte durch Dörfer mit Fachwerkhäusern und hügeligen Wiesen. Obstbäume und Landtiere standen versprenkelt in der Gegend rum und taten das, was man erwartet. Gleichgültig grasen, kauend in die Ferne schauen, von der es viel zu sehen gab oder eben Obst tragen. Schön fand ich das. Ist das schön! sagte ich auch. Hach, wie ist das schön!Das war es tatsächlich. Abwarten,meinte der Seitenbacher-Mann mit kehligem Seitenbacher-Müsli-Lachen. Jetzt war ich gespannt. Sie spielten „Our House“ von Madness. Wir sangen beide lautstark mit.

Reinhold hatte Recht. Es war wirklich noch viel schöner. Hinter uns am Hang lag die Klinik, alt und strahlend weiß saniert. Vor uns erstreckte sich die Landschaft, durch die wir gekommen waren, in einem weitgezogenen Tal. Ach, ist das schön, dachte ich. Hach, ist das schön!,sagte ich auch. Herr Seitenbacher freute sich. Und es hörte nicht auf.

An der Rezeption überreichte mir eine pragmatisch wirkende Frau mit ernstgemeinter Fröhlichkeit die Zimmerschlüssel. Eine Verwaltungsmitarbeiterin nahm danach gutgelaunt meine Daten, ein Foto von mir und mich damit in die Klinik auf. Dann kam die medizinische Bestandsaufnahme. Und die war wirklich ein Erlebnis. In Form eines ungarischen Wirbelwinds, der eigentlich eine 66 Jahre alte, zierliche Frau mit kurzem Lockenkopf und mehr Schalk in den Augen war, als in so Augen sonst hineinpassen. Sie erinnerte mich an meine Großmutter. Ich erinnerte sie auch an irgendwen. An wen, hatte sie vergessen. Wir hatten beide sehr viel Spaß. Nebenbei bin ich so gründlich untersucht worden, wie kaum zuvor in meinem Leben. Und eine auf so anschlussfähige Weise verrückte Person, hatte ich auch selten getroffen.

Ja. Ich weiß nicht, was es war. Die gute Luft. Die schöne Landschaft. Die Mentalität oder die Klinik insgesamt. Vielleicht lag es auch an mir. Meiner positiven Einstellungen, der Freude hier zu sein und offen auf Menschen zuzugehen. Mag sein, dass das alles zusammenkam. Ich wusste es nicht. Ich hoffte nur, dass der Eindruck halten würde. Doch nun musste ich erstmal ins Bett, denn ich war seit 3:00 Uhr wach. Und, was soll ich sagen: Die erste Nacht schlief ich entsetzlich. Und das würde zunächst auch so bleiben. Nur wusste ich das derzeit noch nicht. Wie so vieles andere. Und das war wohl auch ganz gut.

147Z1106_695M8

Betriebstherapie

Ja. Es scheint als wär‘ ein Damm gebrochen.

Zwei Kolleginnen sprachen mich auf meine bevorstehende Abwesenheit an, etwas verlegen, zumal sie beim Meeting nicht dabei waren. Natürlich wussten sie es trotzdem. Denn natürlich hatte es sich herumgesprochen. Was ich ebenso erwartet wie mir auch gewünscht hatte. Genau das sagte ich ihnen auch. Hielt meinen kurzen Vortrag über Scham, gebrochene Beine, gesellschaftliche Akzeptanz und ach, ihr kennt das alles schon.

Kollegin 1 erzählte dann, sie wäre Alkoholikerin. Und war vor 10 Jahren stationär.

Da hätte ich ihr beinahe gesagt: Hey, das bin ich auch! Tat es aber nicht.

Als nach kurzem Zögern Kollegin 2 uns dann gestand, sie habe eine Essstörung. Und war deswegen auch schon stationär.

Da hätte ich wieder fast gesagt: Hey, die hab‘ ich auch! Tat es aber erneut nicht.

Soll jeder doch sein Eigenes haben. Das fühlt sich deutlich schöner an. Und weil es ohnehin so schön war, nahmen wir uns alle voll der Rührung in den Arm.

Vielleicht sollte ich eine betriebsinterne Selbsthilfegruppe gründen, dachte ich danach. Genug Leute bekäme man gewiss zusammen. Was ich aber ebenfalls dachte, war: Wow. Du trägst ganz schön viel Bullshit mit Dir rum. Und hast Dein Leben irgendwie trotzdem ganz gut hingekriegt. Das darf man sich wohl auch mal sagen. Und nahm mich selbst mal in den Arm.

Eine muss es ja machen

Nachdem das mit dem Chef so gut gelaufen war und sogar die Personalfrau, die über die Niederlassung weit hinaus und hinein bis in jede Regionalstelle für ihr Schnippigkeit und schikanierenden Verhaltensweisen bekannt ist, tatsächlich freundlich und verständnisvoll auf meine Auszeit reagiert hat, konnte ich es endlich auch dem Team sagen.

Ich wählte dafür die Abteilungsrunde. Eine der seltenen Gelegenheiten, bei der fast alle im Büro mal an einem Ort zusammenkommen, und, ja, genau dort wollte ich es sagen. Offen und geraderaus. Ohne mich zu schämen. Oder unsicher zu sein. Doch gegen den Einwand meines Chefs, der an dem Rahmen Zweifel hatte. Ok. Schlug ich ihm vor. Ich kann auch einen Aushang machen, ein T-Shirt drucken oder eine Rundmail schreiben. Das hatte ihn dann überzeugt, wenn auch die Bedenken blieben. Er meine Gründe aber teilte:

Ich wollte Gerede und Spekulationen entgegenwirken. Es macht den Abschied deutlich leichter und die Rückkehr auch viel angenehmer für mich und alle anderen, wenn jeder weiß, was Sache ist. Zudem wollte ich für einen offenen Umgang mit psychischen Erkrankungen werben. Denn wer ein gebrochenes Bein hat, schämt sich schließlich auch nicht. Ok. Es kommt darauf an, wie es passiert ist. Ob man die Treppen herunterfiel im besoffenen Zustand, sich bei normabweichenden Sexualpraktiken verletzt hat oder unschuldig angefahren wurde. Bei Ersteren würde man wohl nicht die ganze Wahrheit sagen. Und das tat ich natürlich auch nicht. Ich nahm die sozialkonforme Variante von Burnout und von Depressionen. Denn Borderline und Suchterkrankungen, dessen bin ich mir bewusst, sind ein Maß an Offenheit, das professionell wie auch persönlich nur sehr schwer verträglich ist.

Und die Version kam ganz gut an. Es gab kein Mitleid. Keine Betroffenheit. Zum Glück. Sondern nur Wünsche zur Genesung, Respekt für den dezent offenen Umgang und die Vernunft präventiv zu reagieren. Auch ging mir niemand aus dem Weg. Im Gegenteil. Es klopfte konstant an meine Tür und Menschen setzten sich zu mir. Erzählten von eigenen Krisen, Therapie- und Auszeitplänen oder von Freunden und Verwandten, die ähnliches durchlebten. Als wäre grad ein Damm gebrochen. Jeder konnte was berichten, als hätten sie nur darauf gewartet, es endlich einmal tun zu können.

Ja. Manchmal reicht es wohl schon, Dinge mal laut auszusprechen, um etwas zu bewegen. Gestern hat sich nämlich auch eine Arbeitsgruppe getroffen, um einen Betriebsrat zu gründen. Jemand musste nur den Anfang machen. Und ein Anfang kann schon sein, es einfach einmal anzusprechen. Und das tue ich doch gern.