Im Ernst

Ich hasse es, wenn positive Ereignisse
mir mein Lebensgefühl ruinieren.
Schließlich hab‘ ich nur das eine.

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Unerträglich

Wenn Dich Dein Bankmann morgens anschreibt.
Dich persönlich morgens anschreibt.
Um Dir zu gratulieren. Zu Deinem Kontostand.
Dann muss etwas passiert sein.
Etwas verdammt Gutes.

Zum Glück.
Geht’s mir gesundheitlich grad schlecht.
Und eines meiner Paper
wurde im Review voll verrissen.
Sonst fehlte mir bald jeder Grund
für meinen kultivierten Unmut.
Und das ginge wirklich nicht.

 

Privilegien

Heute war mein erster Arbeitstag. Und mein erster Tag in neuer Position.

Zu meiner Überraschung bekam ich morgens gleich ein Diensthandy überreicht. Ein nagelneues Topmodell. Das kann viel mehr als mein eigenes Handy.

Zum Beispiel kann es Büromails extern und von überall abrufen. Damit bin ich stets erreichbar. Und das ist gar nicht mal so gut.

Aber es kann auch Selfies machen. Selfies mit Hasenohren. Hirschgeweihen. Und Hundenasen. Und das ist wiederum sehr gut. Weil es meine Seriosität unterstreicht. Als ernstzunehmende Wissenschaftlerin. Besonders auf Profilbildern.

Das habe ich gleich ausprobiert.

Bildschere

Als mich mein Chef beförderte, gab er mir noch Sätze auf den Weg. Genaugenommen waren es Verhaltenshinweise. Denn jetzt, wo ich zum erweiterten Führungsteam gehöre, solle ich mich irgendwie verhalten. Zum Beispiel nicht in den Besprechungsrunden ständig opponieren und das vor allen Mitarbeitenden. Das Handeln von Vorgesetzten sei immer Gegenstand der allgemeinen Beobachtung. Dieser Vorbildfunktion sollte man sich stets bewusst sein.

Ja. Das fiel mir gerade ein. Das fiel mir jetzt gerade wieder ein als ich eine Rückmeldung zu meinem Profilbild bekam. Auf dem Messenger-Kanal, den ich auch beruflich nutze und darüber mit Team wie Chefs kommuniziere. Es ist ein Bild von der Silvesterparty. Auf dem Bild bin ich. Ich trage ein sehr rückenfreies, schwarzes Kleid. Ich habe eine Zigarette im Mundwinkel. Und ich hole gerade aus mit einem Baseballschläger, um den Fotografen zu erschlagen. Mit entsprechendem Gesichtsausdruck zwischen Serienkiller und Türsteher. Es ist ein sehr schönes Bild. Es symbolisiert ein mir spezifisches Lebensgefühl. Ob es auch Vorbildfunktion hat, darüber lässt sich vielleicht streiten.

Ach. Und dann fragte mein Chef noch, ob ich meine emotionale Impulsivität eventuell gelegentlich etwas reduzieren könnte. Da musste ich sehr lachen. Und dachte, das versuche ich schon seit 20 Jahren vergeblich. Nur habe ich das nicht nur gedacht, sondern zugleich laut gesagt. Ja. Seriosität kann ich. Aber das ist auch gar nicht schlimm. Denn man muss nicht ständig seriös sein. Sondern nur überzeugen können. Und zwar als Gesamtpaket. Und das sieht mein Chef zum Glück genauso.

Ein guter Plan

Jahre enden mit Rückblicken und beginnen meist mit Vorsätzen. Nun ja. Ich mag keine Jahresrückblicke. Wie ich hier schon einmal schrieb. Denn entweder ich kann mich selbst erinnern. Hatte es kunstvoll verdrängt. Oder es interessierte mich schon nicht in dem Moment als es passierte. Auch von Vorsätzen halte ich nicht viel. Kollektiv mit anderen sein Leben plötzlich zu verändern, ist in der Regel zum Scheitern verurteilt. Das beweist auch die Statistik. Aber wie Søren Kierkegaard schon sagte: „Man kann das Leben nur rückwärts verstehen, aber leben muss man es vorwärts„. Von daher kann ein Blick zurück trotz allem schon recht hilfreich sein. So wie jeden Abend aufzuschreiben, was man eigentlich geschafft hat oder gute Dinge festzuhalten, die trotz mancher Widrigkeiten einem dennoch widerfahren. Und im Gegensatz zum Weltgeschehen fällt meine persönliche Bilanz auch gar nicht mal so schlecht aus:

  • Ich habe meine Doktorarbeit publiziert und damit endlich abgeschlossen.
  • Ich habe meine Arbeitszeit auf vier Tage reduziert.
  • Ich habe eine Gehaltsverhandlung eingefordert und sehr erfolgreich durchgeführt.
  • Und am letzten Arbeitstag des letzten Jahres bin ich sogar befördert worden. Und darauf auch ein wenig stolz.
  • Zudem und ohne ins Detail zu gehen, war es privat auch gar nicht schlecht. Und bin gespannt wie’s weitergeht.

Aber, klar. Ich wäre ganz bestimmt nicht ich, wenn sich zu allem nicht ein „aber“ hinzufügen oder gleichviel Punkte benennen ließen, die nicht ganz so gut gelaufen sind: Konsum, Depressionen, Aggressionen. Ja. Auch in der Version „Auto-“. Leider. Oder was Borderline an Komorbiditäten noch alles so zu bieten hat. Dinge, die nicht schön sind. Dinge, die man in Vorsätze packen könnte, wenn man was von Vorsätzen halten würde. Aber da dem nicht so ist, mache ich lieber Pläne. Schließlich habe ich ein Diplom im Planen und jetzt sogar noch einen Doktor. Darum sollte ich das besser können, als Vorsätze zu fassen und diese dann auch umzusetzen. Daher starte ich das Jahr mit Plänen. Mit schönen Plänen. Mit guten Plänen, die mich motivieren sollen und dem Leben einen Sinn geben. Außerhalb der Forschungsarbeit, der das letzte Jahr viel zu sehr gewidmet war. Und meine Pläne sehen so aus:

  • Ich werde dieses Jahr nach Japan fliegen. Den Flug habe ich bereits gebucht.
  • Ich werde meine langen Wochenenden nun schönen Dingen widmen: Freundinnen und Freunde. Selbstfürsorge. Diesem Blog. Und neuen Projekten. Zum Beispiel ein Buch über Borderline zu schreiben und wieder mit Klavierspielen anzufangen.
  • Und natürlich möchte ich rückfallfrei durch dieses Jahr kommen. Mit noch mehr Ruhe und Gelassenheit. Da ist noch deutlich Luft nach oben.

Ja. Ich finde, das sind gute Pläne. Für ein wirklich gutes Leben. Das ich mir auch verdient habe. Ich muss bloß schaffen, das zu glauben. Mir das konstant selbst zu glauben und nicht mehr zu boykottieren. Dann kann das sogar gelingen. Die Sache mit dem guten Leben. Die Voraussetzungen sind günstig. So günstig waren sie noch nie, um das Gute gut zu halten und weiter an mir selbst zu arbeiten. Konstant. Mit kleinen Schritten. Das hat der kluge Armin Nassehi auch in seinem klugen Text zum Jahreswechsel sehr trefflich zusammengefasst, mit dem ich diesen Text nun ebenfalls für heute gern beschließen möchte:

Wir müssen anerkennen, dass alle dynamischen Systeme – von Organismen über Nervensysteme, Menschen und soziale Einheiten – nur deshalb dynamisch sein können, weil sie eine Grundstabilität haben, die erst die Basis für Veränderungen ist. Insofern wünsche ich Ihnen ein gutes Jahr 2019 – und nehmen Sie sich vor, zu bleiben, wie Sie sind. Das ist die einzige Möglichkeit, wirklich etwas zu verändern.

Und das wünsche ich Euch auch.

Ritual und Freiheit

Weihnachten ist das Fest der Liebe. Angeblich. Mehr noch ist Weihnachten das Fest der Traditionen und Rituale. Und jede Familie scheint ihre eigenen zu haben. Dagegen ist nichts einzuwenden. Denn Traditionen erfüllen wichtige Funktionen: Sie fördern und stabilisieren Bindungen. Sie vermitteln Zusammenhalt und Zugehörigkeit. Und Rituale geben Menschen das Gefühl von Sicherheit und Stabilität. Und in schwierigen Situationen bieten sie Halt und Orientierung – jeder, der schon mal eine Beerdigung organisiert hat, weiß, wovon ich spreche.

Nun ist eine Beerdigung natürlich nicht Weihnachten. Es gibt zum Beispiel keine Geschenke. Und von exzentrischen Tanten einmal abgesehen, tritt auch niemand in roten Verkleidungen mit verstellter Stimme auf. Aber es werden Kerzen angezündet. Die Stimmung ist andächtig. Es gibt zu viel zu essen und Teile der Familie kommen zusammen, die sonst nicht zusammenkommen. Wahrscheinlich auch aus Gründen. Wer weiß das schon genau. Gründe, die vielleicht nicht in Zeit oder Distanz liegen. Und gerade hier können Rituale helfen, Chaos zu vermeiden und das Geschehen zu strukturieren. Man macht halt, was man immer macht. Weil man es so immer macht. Ganz einfach. Denn kompliziert ist das ja alles schon genug.

Doch was tut man, wenn Rituale plötzlich weg sind? Weil die Menschen plötzlich weg sind, die sie nicht nur getragen haben, sondern durch sie erst Sinn ergaben. Dann fehlt mit einmal die Struktur, die Sicherheit, die Ordnung. Der Ablaufplan der routinierten Handlungen. Die in der Form fortzusetzen so nun nicht mehr möglich scheinen oder viel zu schmerzhaft wären. Natürlich. Man kann neue Rituale schaffen. Neue Traditionen begründen. Kultur ist lebendig und zudem soziale Praxis, die durch die Menschen selbst entsteht. Ja. Das kann man machen. Oder man macht sich von ihnen frei. Frei von den Zwängen der Tradition und überkommener Rituale. Frei von den damit verbundenen Erwartungen. Von Vergleichen und Verlusten. Befreit von der Vorstellung, irgendwas hätte irgendwie an bestimmten Tagen so zu sein: überdurchschnittlich schön, besonders festlich oder besinnlich-stimmungsvoll. Und wenn man davon erstmal frei ist, kann man wieder alles tun. Ob allein oder zu zweit. Ob mit Freunden oder mit der Restfamilie. Weil man es möchte. Nicht, weil man es immer tat. Und was man auch tut. Durch diese Freiheit wird es festlich, stimmungsvoll und auch überdurchschnittlich schön. So war es bei mir in diesem Jahr. Und das wünsche ich Euch auch. Gehabt zu haben und haben zu werden. Denn Weihnachten kommt immer schneller als man denkt.

Protokollnotizen

Es gibt dieses Lied einer Elektro-Pop-Gruppe. Die singen, morgens seien sie immer müde, aber abends werden sie wach. Bei mir ist es umgekehrt. Ich bin morgens immer wach. Viel zu früh wach. Und abends werde ich müde. Sehr müde. Doch mehr noch bin ich angespannt. Und meistens auch sehr wütend. Weil ich wieder nicht alles geschafft habe. Nicht all das geschafft habe, was ich mir vorgenommen hatte. Dabei mache ich schon viel. Gestern habe ich den Kühlschrank geputzt, zwei Softwareupdates installiert, Daten gesichert, das Leergut und den Müll weggebracht und war im Drogerie- wie Supermarkt. Da war es 8:20 Uhr und ich noch nicht mal bei der Arbeit. Trotzdem. Nie schaffe ich alles, was ich mir vornehme. Egal, wie viel ich mir vornehme. Wie ein Parkinsonsches Gesetz besagt: „Arbeit dehnt sich in genau dem Maße aus, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht.“ Nur, dass sich bei mir die Arbeit genau in dem Maße auszudehnen schein, dass die zur Verfügung stehende Zeit eben gerade nicht reicht. Darum bringt es auch nichts, sich weniger vorzunehmen. Auch dann schaffe ich nicht alles. Nur deutlich weniger. Viel weniger. Klar. Ich könnte mir auch gar nichts vornehmen. Oder mir vornehmen nichts zu tun. Einfach mal nichts tun. Aber auch das schaffe ich nicht. Und bin frustriert, weil ich es nicht schaffe, nichts zu schaffen. Ihr merkt schon, die Sache scheint vertrackt zu sein.

Doch mir ist eine Lösung eingefallen. Protokolle. Protokolle und Listen. Tatsächlich. Denn die sollen ja gegen alles helfen. Wie ich in der Psychiatrie gelernt habe. Und auch einschlägige Ratgeberliteratur empfiehlt diese Form des strukturierten Schreibfixierens. Egal, ob man nun glücklich werden, die perfekte Karriere starten, sein Leben in den Griff kriegen oder eine wie auch immer geartete Traumfigur erhalten möchte. Mit Liste oder Protokoll – so will man nach Lektüre meinen – lässt sich jedes Ziel erreichen. Und wenn ein paar Notizen schon ganze Leben revolutionieren können, dann müssen sie mir auch helfen. Ein bisschen zufriedener zu werden. Wenn ein Tag zu Ende geht. Ich werde jetzt also immer alles aufschreiben, was ich am Tag geschafft habe. Denn das ist meist ne ganze Menge. Und genug um stolz zu sein. Zumindest nicht so unzufrieden.