Projektion

Ich gehe mit einem Freund spazieren. Das Wetter ist schön. Die Sonne scheint. Der Wind weht die Blätter von den Ästen. Kleine Schneewirbel. In Rot. Vor einem Haus parkt dann ein Auto. Auf dem steht „Entstörungdienst“.

Ich zeige hin und sage: Guck mal.
So dass er auch hinblickt und meint: Den sollten wir Dir einmal schicken.

Ich nicke. Wir lächeln. Und gehen friedlich weiter.

Ein wenig später stelle ich fest: Du meintest meine Gasleitung.

Er nickt. Ich lächle. Und denke weiterhin an mich.

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Funktionstrennung

Mein Leben hat jetzt eine neue Stufe erreicht. Eine völlig neue Stufe. Denn seit gestern hab` ich eine Couch! Nein. Es ist nicht nur eine Couch. Es ist vielmehr eine Landschaft. Eine Sofalandschaft, in der ich jetzt leben kann. Und das ist für mich ein großer Schritt. Eine beachtliche Entwicklung. Denn jeder Ort in meiner Wohnung diente bisher einem Zweck:

Der Schreibtisch zum Arbeiten.
Der Esstisch zum Essen.
Das Bett zum Schlafen.
Und die Toilette…na, ihr wisst schon.

Essen, Schlafen, Sch***, Arbeiten. Grundfunktionen und -Bedürfnisse. Aber kein Ort, kein einziger Ort, der ausschließlich der Erholung dient. Und das ist hiermit jetzt vorbei! Jetzt habe ich eine Landschaft. Eine Flausch- und Kuschellandschaft. Die mich empfängt, wenn ich nach Hause komme. Wo ich nicht funktionieren, sondern einfach existieren darf. Nicht funktional. Nicht dysfunktional. Sondern runterkommen. Ruhe finden. Frieden. Flauschen. Achtsamkeit. So ist zumindest jetzt der Plan.

Doch das wichtigste an allem: Ich erwarb nicht nur die Landschaft. Ich erwarb auch einen Hai. Und gab ihm den Namen Karl. Karl ist fast so groß wie ich. Flauschig. Weich. Und haptisch überaus geschmeidig. So wollte ich ihn nicht mehr weglegen als wir bei IKEA waren. Auch wenn meine Begleitung – männlich, groß und deutlich älter – mir diverse Male sagte: Leg den Hai weg. Leg den Hai weg. Du willst doch nicht wirklich diesen Hai kaufen?! Jetzt leg den Hai doch endlich weg! Worauf ich trotzig insistierte: Neineinein! Das ist mein Hai. Ich will ihn behalten und auch mit nach Hause nehmen. Und war ziemlich überrascht, wie schnell man plötzlich wieder Kind wird. Und um sein Spielzeug betteln muss. Nur fiel mir dann erleichtert ein: Der Mann ist gar nicht mein Vater. Und ich bin auch keine vier. Sondern beinahe schon Frau Doktor. Und verdiene selbst mein Geld. Auch wenn das nicht so wirken mochte, wie ich als kleine Frau mit dem mich überragenden Tier grinsend durch den Laden trollte. Und selten war ich derart glücklich darüber erwachsen zu sein. Und Geld zu haben. Um meinem inneren Kind das geben zu können, was es möchte und das, was es braucht. Ohne zu fragen. Ohne zu betteln. Einfach so. Weil ich es kann.

Und jetzt leben wir zusammen. Karl und ich. In unserer Landschaft. Und das macht uns beide froh. Es wäre gar ein Happy End. Hinge da nicht noch die „Null“.

Zwölf

Als ich vor zwei Jahren in die Klinik kam, da war schon etwas vor mir da. Ein Briefumschlag. Frankiert. Adressiert. Und z.Hd. an Frau Nuthouse. Das war echt ’ne Überraschung. Der erste Tag und schon gleich Post. So machte ich den Umschlag auf, in dem ich eine Karte fand. Schlicht und weiß. Und darauf nichts, außer einer großen „12“. Was mir zudem auch noch fehlte, war der unbekannte Sender. Und ebenso der Sinn, der sich mir nicht ganz erschloss. Doch eine exakte Woche später, da bekam ich wieder Post. Wieder ein Umschlag. Wieder eine Karte. Schlicht und weiß. Und darauf war nun eine „11“.

Jede Woche erhielt ich dann so einen Brief. Jede Woche. Alle zwölf. Der stationären Therapie. Die jemand für mich zählte, bis ich zurück nach Hause kann. Und jede Karte hing ich auf. In meinem Zimmer in der Klinik. Alle schön in einer Reihe. Mein Countdown. Mein Adventskalender, bis ich zurück nach Hause kann. Und als ich dann nach Hause kam, war auch dort die Post schon da. Mit einem Brief und einer Karte und auf der war nun die „0“. Und auch Zuhause hängte ich die Karten auf. Alle zwölf in einer Reihe. Als Erinnerung an diese Wochen, die aufwühlend, doch unglaublich hilfreich waren.

Erst für Berlin nahm ich die Karten wieder ab. Packte sie in eine Tasche und brachte sie so mit hierher. Dann im letzten Jahr im Sommer fing ich an sie aufzuhängen. Erst die „0“ und dann die „1“. Dann die „2“ und auch die „3“. Eine Zahl. Für jede Woche. Meiner vollbrachten Abstinenz. Bis ich dann zur „7“ kam. Und meinen Geburtstag hatte. Und was an diesem Tag geschah, ist vielleicht auch noch bekannt.

Und seitdem. Ja. Seitdem. Seitdem versuch ich’s immer wieder. Doch meistens hängt da nur die „1“. Oder die „0“. Wenn ich’s mal wieder nicht geschafft hab. Die Null. Die da so hängt wie ich mich fühle. Einsam. Leer. Und anklagend. Doch das werde ich jetzt ändern. Und fang nochmal von vorne an. Ganz von vorne. Genau heute. Genau jetzt. An diesem Tag. Und natürlich ganz bei Null.

Subjekt-Prädikat-Objekt

In der Grundschule haben wir gelernt, dass Sätze aus verschiedenen Gliedern bestehen. Das Prädikat beschreibt, was getan wird. Und Prädikate brauchen ein Subjekt. Das handelnde Subjekt, damit man überhaupt von einem Satz sprechen kann. Nur stellt das selten auch zufrieden. Sondern wirft dann Fragen auf. Ich gehe. Wohin? Ich brauche. Was? Ich stolpre. Warum? Daher braucht man ein Objekt, das mit der Handlung in Bezug steht.

Soweit. So grammatikalisch sinnvoll. Nur stelle ich bei mir oft fest: Gefühle folgen diesem Aufbau nicht. Sie haben zwar ein Prädikat. Und mich als handelndes Subjekt. Ich liebe. Ich lache. Ich hasse. Ich weine. Doch brauchen sie ein Objekt nicht. Sie kommen ohne Dativ aus. Ohne Genetiv oder Akkustativ, mit der die Handlung in Bezug steht. Und das wirft bei mir dann Fragen auf. Nach der emotionalen Grammatik. Meiner emotionalen Grammtik. Deren Regeln ich bis heute nicht verstanden habe.

Noch mehr Leben

Was hatte ich mich gefreut! Was hatte ich mich auf dieses Wochenende gefreut. Ein richtig langes Wochenende. Vier Tage. Frei. Ganz entspannt und ganz zu Hause. Bei mir. Mit mir. Und das alles ganz in Ruhe. Und was hatt‘ ich alles vor! Aufräumen. Putzen. Schlafen. Sport. Das Bücherregal neu sortieren. Auch wieder mal mit Rauchen aufhören. Freunde treffen. Glücklich sein. Ja. Das! Das hatt‘ ich vor. Das war mein Plan.

Drum wachte ich heut‘ morgen auf. Geistig voller Tatendrang. Doch schon beim ersten Liderzucken merkte ich, da stimmt was nicht. Regungslos im Bett verharrend macht ich einen Hardwarecheck. Körperstück für Körperstück. Und mit ernüchternder Bilanz: Kopf weh. Nase zu. Nebenhöhlen auch noch dicht. Und beim Versuch mal tief zu atmen, breche ich in Husten aus. Na toll. Denk ich. Da geht man einmal früh ins Bett und lebt ganz vorbildlich und brav und wird nicht mal dafür belohnt, sondern stattdessen auch noch krank. So schlurf ich schniefend in die Küche, sehne mich nach Koffein. Nehme die Kanne in die Hand, schwenke sie dann rechts herum, halte sie unter den Hahn. Alles soweit routiniert. Bewegungsablauf einstudiert. Drehe ich die Armatur. In freudig sprudelnder Erwartung. Doch alles, was dann noch passiert, ist ein kränklich, kehlendes Röcheln. Ähnlich dem aus meiner Lunge. Nur aus dieser kommt jetzt Schleim. Und aus dem Hahn nun leider gar nichts. Weder Schleim, noch irgendwas. Ich schaue auf den Hahn, die Kanne, den Hahn, hin und her und hin und her zurück. Und fange an mich schon zu fragen, wie lange ich so gucken und damit noch vermeiden kann, die Bedeutung dessen, was ich sehe, in meinen Verstand zu lassen. In ihrer ganzen Konsequenz. Doch auf das fassungslose Starren folgt unvermeidlich die Erkenntnis, dass das Wasser nun nicht nur nicht mehr warm – wie die letzten dreizehn Wochen – sondern jetzt vollständig weg ist.

So saß ich da in meiner Wohnung. Krank. Allein. Und wasserlos. Weder warm. Oder noch kalt. Und tat mir fast ein bisschen leid. Doch halt! Es könnte schlimmer sein. Zum Beispiel könnt’ ich Kinder haben. Drei. Ganz klein und auch noch krank. Oder ich wäre sehr gebrechlich. Alt. Senil. Und könnte mir jetzt gar nicht helfen. Das macht mir plötzlich wieder Mut. Denn ich kann schließlich Dinge tun: Beim Notdienst anrufen. Wasser bei den Nachbarn schnorren. Wieder beim Notdienst anrufen. Das soziale Netzwerk aktivieren. Nochmal beim Notdienst anrufen. Mich vom Notdienst beschimpfen lassen. Wohnungen von Freunden kriegen. Nun nicht mehr beim Notdienst anrufen. Und trotzdem krank zu Hause bleiben. Ganz trotzig krank zu Hause bleiben. Denn ich will zuhause bleiben! Verdammt!! Und gehe resigniert ins Bett und ignoriere das Problem. So als wäre es nicht da. Das funktioniert auch eine Weile. Bis das Wasser wieder leer ist und ich auf Toilette muss. Das lässt sich nun nicht ignorieren. Da hilft der sturste Dickkopf nix. So pack ich schließlich meine Sachen. Denn wenn Berlin zu mir gemein ist, kann ich auch nach Hamburg fahren. Wozu hat man denn zwei Wohnungen, zwischen denen man wechseln kann. Und nach zweistündiger Reise bin ich mittlerweile da. Innerlich still triumphierend. Denn mein Dickkopf hat gewonnen. Ich bin immer noch Zuhause. Und das sogar mit fließend Wassser. Warm. Und wenn ich will, nur wenn ich will, dann auch mal kalt.

Leben so

Mal was anderes:

Ich habe heute Morgen meinen Schuh gesucht. Meinen rechten Schuh.
(Ja. Das kann man jetzt symbolisch finden.)
Und fand ihn schließlich auch. Und zwar in meiner Tiefkühltruhe.
Da hatte ich ihn mal reingetan, nachdem ich in Kaugummi getreten war.
Und irgendwo wohl einmal las, dass das hierbei helfen würde.
Was so leider gar nicht stimmt. Und ich nun zur Arbeit ging.
Mit einem tiefgefroren Schuh. Und Kaugummi. Der Größe eines Tennisballs. In der Sorte Fruchtgeschmack.
Überall rechts kleben bleibend und zudem noch taub gefroren. Aber rosa und nicht braun. Und angenehm nach Früchten riechend.

So. Nur falls ihr denkt, Euer Montag finge komisch an.

Dieses Gefühl

Am Morgen.
Wenn man aufsteht.
Als man selbst.
Und eingeladen ist.
Als patenter Fachexperte.
Und man sich nur
verkriechen will.
Im Bett.
Besser noch
Unter einer Gehwegplatte.

Und es am Ende
dann doch gut war.
Aufzustehen. Hinzugehen.
Anstatt gleich
Zuhaus zu bleiben.
Denn wenn man andere
überzeugt.
Schafft man es bei sich
wohl auch.

Irgendwann.
Einmal.
Vielleicht.