Penis

Wie ihr Euch vielleicht erinnern könnt, bin ich befördert worden am Anfang dieses Jahres. Das ist natürlich erstmal schön, bestätigend und eine Wertschätzung für meine Leistung. Doch folgten daraus Dinge, die ich derart nicht erwartet hatte. Und ich meine nicht das Diensthandy, das Fotos von mir mit Hasenohren macht. Das hatte ich ebenfalls nicht erwartet, war aber auch nicht weiter schlimm. Nein. Ich meine andere Dinge.

Zum Beispiel in der Leitungsrunde. Da sitzen nun mehr acht Personen. Darunter eine Frau. Und diese Frau bin ich. Und an sich müsste ich damit klarkommen. Schließlich war ich unter Jungs großgeworden. Meine besten Freundinnen waren männlich. In meiner Teenager-Clique war ich stets das einzige Mädchen. All das war niemals ein Problem. Im Gegenteil. Ich fand das immer ziemlich passend. Trotzdem fühlte ich mich unwohl inmitten dieser Herrenrunde, dessen durchschnittliches Alter ich ebenfalls nach unten zieh. Aber, gut. Immerhin kann jemand nun die Frauen repräsentieren, die alle bei uns arbeiten. Und das sind wirklich viele. Man muss in der Hierarchie nur weit genug nach unten gehen. Ja. Wir machen Forschung für zeitgenössische Fragestellungen, bieten Lösungen für Herausforderungen von morgen mit Strukturen von vorgestern. Andere gucken Mad Men. Ich brauch‘ nur ins Büro zu fahren. Doch daran hab‘ ich mich gewöhnt. Und nun gibt es schließlich mich. Ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. Und dann ging die Besprechung los.

Sinn dieser Zusammenkünfte ist es eigentlich, neben organisatorischen Informationen und Absprachen, neue Projekte und Forschungsvorhaben vorzustellen. Einmal reihum. Was in 90 Minuten locker möglich, in der Realität aber trotzdem kaum zu schaffen ist. Denn in Korrelation zu Alter, Dienstgrad und Geschlecht scheint ein Hang zum Monolog überdeutlich ausgeprägt. Vorgebracht in einer Pose, die man – ohne böswillig zu sein – als Gutsherrenart bezeichnen könnte. Wer sich darunter jetzt nichts vorstellen kann, hier die kurze Anleitung: Man lehne sich bequem zurück und rutscht die Sitzfläche nach unten, aber nur ein kleines Stück. Die Beine werden ausgebreitet, die Knie klappen auseinander, zwingend mehr als schulterbreit. Ein Arm liegt locker auf dem Tisch, aber seitlich, das ist wichtig, um in Abgrenzung zum Nachbarn das Revier zu definieren. Der andere Arm wird aufgestützt, am besten auf die Rückenlehne, und findet nur zuweil Verwendung, um etwas wirklich Relevantes mit prägnanter Geste als ebendieses zu markieren. Und wenn von solcher Art Personen gleich mehrere im Raum sind, finden Diskussionen hauptsächlich zwischen diesen statt. Die anderen dürfen zuhören. Denn sie kommen nicht zu Wort.

Männer beanspruchen in Konferenzen mehr Redezeit – auch wenn sie nichts zu sagen haben. (…) Je mächtiger Männer sind, desto mehr und länger reden sie. (…) Wenn es mehr Männer als Frauen in einer Gruppe gibt, sinkt die durchschnittliche Redezeit einer Frau um ein Viertel bis zu einem Drittel“ (Schenz 2019).

Doch dem Gesetz der Reihe folgend, war ich irgendwann auch dran. Zum Auftakt wollte ich mich erst bedanken: „Danke, dass ich hier sein darf, obwohl ich keinen Penis habe.“ Doch das tat ich besser nicht. Mein Stand war ohnehin schon schwierig, da lässt man sowas besser sein. Außerdem wollte ich gar nicht über Penisse reden, sondern mein Projekt durchkriegen. Ein Projekt, das mir wieder viel bedeutet. Das schon seit Monaten beim Chef liegt und keine Beachtung findet. Darum ergriff ich meine Chance und stellte es in dieser großen Runde vor. Möglichst knapp. Möglichst präzise. Und dabei möglichst faktenreich.

„Frauen wissen von Kindesbeinen an, dass man ihnen gerne ins Wort fällt; also haben sie es sich angewöhnt, von vornherein schneller oder kürzer zu sprechen, um dieser Herabwürdigung zu entgehen“ (ebd.).

Und alles wurde hinterfragt. Jedes Detail. Jedes Konzept. Jeder geplante Erhebungsschritt. Es wurden Informationen erwartet, die ich gar nicht haben konnte in dieser Phase des Projektes. Mir wurden Hinweise und Ratschläge gegeben. Ich wurde mehrfach unterbrochen. Ich wurde langsam wütend. Und das merkte man mir an und hält es mir bis heute vor. Es wäre der Sache nicht dienlich und meiner Seriosität abträglich. Oder wie das SZ Magazin an anderer Stelle schrieb: „Frauen, die ausrasten, haben schon verloren, egal wie gut ihre Argumente sein mögen“ (Schröder 2019).

Aber, ok. Ich kann mir das alles nur eingebildet haben. Subjektive Wahrnehmungsverzerrung oder Diskriminierungserwartung. Das kann natürlich sein. Doch eine Sache habe ich mir ganz sicher nicht eingebildet. Es war am Frauentag. Wir veranstalteten eine große, fachpolitische Diskussion in einem repräsentativen Gebäude mitten in der Hauptstadt. Die Vorträge waren gut. Mein Chef war Teil des Programms. Im Anschluss gab’s noch einen Umtrunk, wie er gemeinhin üblich ist, als Gelegenheit zum Austausch bei kostenfreiem Alkohol.

Ich stand in einer Vierergruppe. Links von mir ein Fachmann, rechts von mir ein Institutskollege, der schon länger in dem Laden, aber etwas jünger ist. Und vor mir stand mein Chef. Wir diskutierten fachlich. Wir diskutierten angeregt. Hin und wieder blickte ich auf zu meinem Chef, was nicht metaphorisch gemeint ist. Er ist einfach ziemlich groß, so dass ich immer hochsehen muss. Und ich sah, dass er mich ansah. Aber seinem Blick nach zu urteilen schaute er auf etwas anderes. Irgendwas zwischen Hundewelpe und Eichhörnchen. Etwas Niedliches. Possierliches. Und das irritierte mich. Ich lächelte verstört zurück und schaute schnell woanders hin. Vertiefte mich in das Gespräch, hatte einen längeren Beitrag mit dem Gefühl gerade beendet, etwas Gehaltvolles gesagt zu haben, da tätschelte er mir über den Kopf und verwuschelte mein Haar. Reflexhaft machte ich einen Schritt zurück und sagte nur laut „Ey!!“. Woraufhin gar nichts geschah. Gespräche wurden fortgesetzt. Ich kehrte in den Kreis zurück.

Bald löst sich die Gruppe auf. Ich stand mit meinem Chef allein, als er leise zur mir meinte, er hätte das nicht tun sollen. Er kann die Zeit nur nicht zurückdrehen und das täte ihm jetzt leid. Tja. Wie reagiert man da? Ich war noch immer zu perplex, um Überlegtes zu entgegnen. Denn diese Geste brachte zum Ausdruck, was ich bisher latent empfand: Seine unterdrückte Zuneigung. Fehlende Augenhöhe. Und einen Mangel an Respekt. Doch trotzdem hörte ich mich Dinge sagen wie Kannjamalvorkommen, Mirschonöfterpassiert und Isgarnichtsoschlimm. Aber das machte alles schlimmer. Natürlich nur für mich. Denn indem ich seine Entschuldigung annahm, entlastete ich ihn und belastete mich. Ich ärgerte mich doppelt. Über sein Verhalten und jetzt noch über mein Verhalten. Und als er dann noch zu mir meinte, ihm wäre halt danach gewesen, war mir auch nach extrem vielem. Was ich nicht sagte oder tat.

Und dann kam die nächste Woche. Es war Donnerstag kurz vor Feierabend und für mich mit freiem Freitag damit kurz vor Wochenende. Die Chefsekretärin begegnete mir auf dem Flur mit einem Lächeln, was wirklich nicht sehr oft passiert und mich sogleich fröhlich stimmte. Ja. Sie wollte ohnehin zu mir und gab mir einen Vorgang im Vorbeigehen in die Hand. Es war die Forschungsskizze des Projektes, das ich in der Leitungsrunde vorgestellt hatte. Die Forschungsskizze, die schon seit Monaten auf dem Schreibtisch meines Chefs liegt. Ungelesen, weil er dafür keine Zeit fand. Und endlich hatte er sie sich genommen. Endlich bekomme ich das Feedback, auf das ich schon so lange warte. Endlich kann es weitergehen.

Doch er hatte sie gar nicht gelesen. Er war nur bis zum ersten Absatz gekommen, hatte zwei Symbole einkreist und mit der Notiz versehen: „Bitte den Text einmal lesbar und ohne * ausdrucken.“ Und ich weiß nicht, wie lange ich dort stand und auf diese Zeile starrte. Aber mit Sicherheit hat mein Gesicht mehrfach die Farbe gewechselt. Auch Gewaltfantasien können an mir vorbeigezogen sein. Wahrscheinlich kamen sie mir vernünftig vor. Ich wollte in sein Büro gehen und ihn zur Rede stellen. Ich wollte ihm sagen, wie reaktionär, unprofessionell und kindisch sein Verhalten sei. Ihm, der sich als fortschrittlich empfindet. Aber ich hielt mich davon ab. Denn wäre ich gegangen, ich hätte heute keinen Job mehr. Weil ich hingeschmissen oder er mich rausgeworfen hätte. Und für einen Moment war mir das sogar egal. Nein. Mir wäre es das wert gewesen. Trotzdem riss ich mich zusammen und versuchte nichts zu tun. Außer zu einem Kollegen zu gehen und um Rat zu fragen. Er rief mich zur Besonnenheit und vor allem dazu auf, den Post-It wieder zu entfernen, auf den ich geschrieben hatte: „Lieber Chef. Auch Sie können das lesen. Es ist gar nicht so schwer. Ich glaube fest an Sie!“ Und im Begriff war, ihm dem Vorgang so postwendend zurückzugeben. Und ich bereue es bis heute, dieses nicht getan zu haben. Stattdessen habe ich die Gendersterne entfernt und den Text im generischen Femininum verfasst. Männer sind mitgemeint. Immerhin. Doch bei Weitem nicht ausreichend, um meine Wut zu kompensieren.

„Es heißt in letzter Zeit häufig, Frauen müssten endlich wütender werden, um wirklich etwas zu verändern. Das ist eine Fehlinterpretation, denn Frauen sind auch jetzt schon verdammt wütend. Sie haben nur über Jahrhunderte gelernt, diese Wut unter Kontrolle zu halten. (…) Also hält man die Wut am simmern, lässt sie aber niemals überkochen. Und das kostet verdammt viel Kraft“ (Schröder 2019).

Und daher werde ich jetzt aufhören, mich zu schämen und entschuldigen. Für meine Wut. Dass ich keinen Penis habe. Dafür, eine Frau zu sein. Das Patriachart hat sonst gewonnen.

 

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Punkte und Stöcker

Mein Bruder wusste genau wie er mich provozieren konnte. Er wusste, was er sagen musste, wann er es sagen musste und in welchem Ton er es zu platzieren hatte. Und, schwups. Wurde ich von einem kleinen, liebreizenden Mädchen zu einem rotanlaufenden Rumpelstilzchen, das wutschnaubend Tiraden an Schimpfworten hervorstieß, mit Gegenständen randalierte oder direkt mit Fäusten auf ihn losging. Ja, das konnte mein Bruder wirklich gut. Er kannte meine Triggerpunkte. Vermutlich hatte er auch Spaß daran.

Nun bin ich etwas älter geworden. Ich trage keine Zöpfe mehr, meinen Bruder treffe ich eher selten. Zudem lässt er das jetzt sein. Doch triggern kann man mich noch immer. Auch wenn die Themen andere sind, bei denen der Blutdruck plötzlich steigt, mein Sichtfeld immer enger und die Atmung schneller wird. Und ich kenne meine Themen.

Daher war ich vorbereitet. Ich war wirklich vorbereitet als ich in die Besprechung ging, um mit meinen Kollegen der Sorte alt und weiß und männlich eins dieser Themen zu besprechen. Ich wusste, welche Sätze fallen würden. Welche Positionen vertreten werden. Und wie man zu meiner steht. Ich wusste das alles. Und trotzdem. Hielt ich es keine Stunde durch. Mich nicht provozieren zu lassen. Auf Angriffe nicht einzugehen. Bestimmt, aber entspannt zu bleiben. Sie hielten mir das Stöckchen hin und ich sprang schließlich wieder rüber. So dass sie kriegten, was sie wollten. Meine wahrnehmbare Wut. Die ganzen aufgestauten Emotionen. Die es ihnen leichter machen, mich und meine Argumente, die dabei immer sachlich blieben, eben nicht ganz ernst zu nehmen. Quittiert mit selbstgefälligem Grinsen.

Und obwohl mein Vorschlag letztlich noch beschlossen wurde, blieb ich unbeschreiblich wütend. Auf mich. Die Pawlowsche Wissenschaftlerin, die ihre Gefühle nicht im Griff hat. Immer noch das kleine Mädchen, dass so vorhersehbar gezielt zu provozieren ist. Aber gut. Ich habe niemanden beschimpft, nicht den Besprechungsraum verwüstet oder Kollegen niedergeschlagen. Ein bisschen lerne ich wohl doch dazu.

Relevanz

Ich plane dieses Jahr wieder das Kolloquium an unserem Forschungsinstitut. Dafür saß ich heute mit meinem Chef zusammen, um Programm und Themen zu besprechen:

Chef: „Der Vortrag zu „Gender“ kann ruhig raus. Das interessiert mich wirklich nicht.“

Ich (sachlich): „Ich weiß. Gerade deshalb will ich’s drin haben.“

Wir sehen uns an. Er schweigt. Ich schweige. Wir halten konstant Blickkontakt.

Chef: „Ich finde „Gender“ aber nicht wichtig.“  

Ich (verständnisvoll): „Das ist mir schon aufgefallen. Andere bei uns dafür schon. Und vielleicht ist es gerade gut, sich mal mit Themen zu beschäftigen, zu denen man keinen Zugang hat oder Widerstand verspürt.“

Chef: „Ich habe viel mehr zu „Gender“ gelesen, als Sie sich vermutlich vorstellen können!“

Ich (freundlich): „Das mag sein. Man merkt es leider kaum.

Und jetzt weiß ich nicht, was mich mehr überrascht hat. Dass ich die ganze Zeit ruhig geblieben bin oder, dass er die ganze Zeit ruhig geblieben ist. Oder, dass ich die Veranstaltung nun machen darf. Nach alledem, was vorgefallen war die ganzen letzten Wochen. Wovon ich Euch schon lang erzählen wollte. Doch immer was dazwischen kam.

Aber nach diesem Cliffhanger muss ich es jetzt schaffen. Und dann werdet ihr vielleicht ebenfalls erstaunt sein, wie ruhig ich trotz alledem geblieben bin.

Höhere Gewalt

Ich will schon seit Tagen einen Text schreiben. Einen mir wichtigen Text. Einen bedeutungsvollen Text. Zu einem Thema, das mich schon lange umtreibt; die letzten Wochen ganz besonders. Und nun war es soweit gereift, dass ich ihn runterschreiben wollte. Doch wenn ich mich an den Schreibtisch setzte, passierte immer irgendwas.

Als ich mich Dienstag an den Schreibtisch setzte, hörte ich ein leisen Knacken. Erst vereinzelt und ganz zaghaft, dann mehrstimmig bis mit einem finalen Krachen mein Regal zusammenbrach. Und eine Lawine aus Büchern ergoss sich in mein Wohnzimmer. Regalmeterweise. Kafka über Kracht, Brecht auf Berg. Luhmann in Habermas. Ein literarisches Chaos, das es zu beseitigen galt. Denn Chaos kann ich nicht ertragen und erst recht nicht in den Büchern. Dafür brauchte ich allerdings Kartons aus meinem Keller. Doch als ich vor diesem stand, stand an der Tür nicht mehr mein Name. Es war ein neuer angebracht sowie ein nagelneues Schloss, welches den Zutritt mir verwehrte und mir so auch die Kartons. Ja. Der Vermieter hatte tatsächlich meinen Keller anderweitig vergeben, nachdem er mich gebeten hatte, ihn für Bauarbeiten aufzulassen und weitestgehend leerzuräumen. Der Arsch. Doch um das Ganze abzukürzen: Nein. Ich habe meinen Kellerraum noch immer nicht zurück. Doch dafür meine Pappkartons und nette Nachbarn kennengelernt, die sie mir freundlich wiedergaben. Zumindest den Teil, den sie noch nicht selbst benutzten, was ihnen durchaus peinlich war. Auch das neue Regal war nach zwei Stunden geliefert, frei Haus und in den 3. Stock. Ja. Manchmal liebe ich den Kapitalismus doch ein wenig. Nur aufbauen musste ich es selbst. Was für mich jetzt kein Problem war. Selbst wenn die Bauanleitung sagt, man solle das zu zweit tun. Aber die haben keine Ahnung. Das geht ganz wunderbar allein. Ok. Ich habe mir den Fuß gequetscht, einen Finger geprellt und einen kleinen Bluterguss. Aber ich sollte Recht behalten. Es geht natürlich auch allein. Jetzt musste ich es nur noch einräumen, was als zwanghafte Person mitunter nicht ganz einfach ist. Denn Bücher muss man auch sortieren. Und zwar nach Gattung, Herkunft, Stilepoche und – selbstredend – emotionaler Relevanz. Konkurrierende Systeme, die nur schwer vereinbar sind. Zudem sollten sich die Autoren auch persönlich gut verstehen, selbst wenn sie sich nie treffen konnten, das erfordert der Respekt. Und ich krieg’s auch nicht über’s Herz Houellebecq zu Beauvoir zu stellen. Naja. Und als ich endlich fertig war bzw. aufgab mit einer Vielzahl Kompromissen, war der Mitwoch auch fast rum.

Und als ich mich Mittwoch an den Schreibtisch setzte, rutschte mein Handy von der Platte und fiel voll auf sein Gesicht. Und weil’s dabei zersprungen ist, musste ich mit ihm zum Arzt.

Und als ich mich gestern an den Schreibtisch setzte, fing mein Rechner an zu spinnen. Mailprogamm geht nicht. Office geht nicht. Firefox schon. Nach jedem Neustart zwei Minuten. Und es brauchte mich drei Stunden und entsprechend viele Neustarts um endlich herauszufinden, dass es ein Trojaner ist. Den man als normaler Mensch selbst auch nicht entfernen kann. Es sei denn man hat 14 Semester Informatik studiert, vergleichbare Berufsqualifikationen und das mit fachlicher Spezialvertiefung. Weshalb ich am Ende dieses Tages im 2. Hinterhof einer heruntergekommen Gewerbeanlage saß auf einem dazu passenden Sofa bei sympathischen Nerds, die mir das gute Gefühl gaben, das jetzt alles in Ordnung käme, weil sie sich jetzt um alles kümmern. Das heißt den Rechner komplett platt und wieder komplett neu machen. Und das alles über Nacht. Ja. Das klingt bereits nach Happy End. Wäre da nur nicht dieser Preis, für den man bei LIDL oder ALDI schon einen neuen Laptop kriegt. Doch dieser Gedanke war nicht hilfreich, drum ließ ich ihn dann wieder sein.

Ja. Ich will seit Tagen einen Text schreiben. Einen bedeutungsvollen Text. Doch immer passierte irgendwas. Drum tippe ich bloß diesen Text in mein zum Glück geheiltes Handy, der weit weniger bedeutend, doch dafür optimistisch ist. Denn trotz aller Widrigkeiten der vergangenen letzten Tage bin ich dabei ruhig geblieben. Ich geriet nicht in Hochanspannung, hatte keinen Wutanfall, ließ mich und Gegenstände heil und habe mich nicht einmal betrunken. Und das gibt mir Hoffnung. Dass es langsam besser wird.

 

Waschen

Ich kenne meine Nachbarn nicht sehr gut. Das finde ich auch nicht weiter schlimm. Man kriegt schließlich schon genug mit – ungefragt und unfreiwillig -, wenn man Tür an Tür oder sogar Wand an Wand lebt. Wozu das auch noch anreichern. Mit Detailinformationen, die den Geräuschen einen Kontext und der Phantasie zusätzliches Futter geben. Dass muss ja nun nicht sein. Die sollen schön raus aus meinem Kopf und brav auf ihrer Seite von der Wand bleiben, die Nachbarn. Wo sie eben hingehören. Und deshalb kenne ich sie nicht so gut. Aber ich vermute, die einen müssen Künstler sein. Zumindest nach der Objektskulptur zu urteilen, die vor ihrer Wohnungstür entstanden ist. In unserem Treppenhaus. Zwei Etagen unter mir. An der ich jeden Tag vorbeikomme und die so tiefe Emotionen in mir auslöst, dass es einfach Kunst sein muss. Dieser Stapel an Objekten. Darunter:

Ein ausrangierter Weihnachtsbaum mit abgetrennten Ästen. Auseinandergebaute Elektrogeräte unbestimmbarer Funktion. Schuhe und Kleidungsstücke. Ob noch verwendet, weiß man nicht. Eine Paprikapflanze in vollbehangener Frucht vergammelt, was mich lange sprachlos machte. Spielzeug- und Puppenfragmente. Irgendwie anklagend. Und defekte Möbelstücke, deren Herkunft mir ein Rätsel ist. Denn eine Wohnung allein kann derart viele Kleinstmöbel unmöglich aus sich selbst heraus hervorbringen. Und das auch noch konstant. Aber vielleicht waren sie gleich für das Treppenhaus bestimmt. Als Symbolbild der Konsum- und Wegwerfgesellschaft, als Mahnmal metropolitaner mitmenschlicher Ignoranz. Oder schlicht als Haufen Sperrmüll. Man weiß es nicht. Ich wusste es nicht. Und werde es auch nicht mehr erfahren.

Denn eines Tages war er weg. Der Stapel. Die Installation aus Möbeln, Pflanzen, Altpapier und nicht näher zu Bestimmenden. Das war mit einmal alles weg. Und an der freien Wand dahinter, die ich nun auch erstmalig sah – was nicht spektakulär war, ist halt einfach eine Wand – hing ein Blatt der Hausverwaltung. Das dem Treppenhausbereich oder mehr seinen Bewohnern mit terminierter Räumung drohte, die nun bereits vollzogen war. Seitdem steht nichts mehr vor der Tür. Nur hin und wieder und sehr kurz. Wie gerade gestern.

Dort stand ein leerer Pappkarton. Ein sehr großer Pappkarton, der die Umverpackung des Waschmittels einer recht bekannten Marke war. Und der war wirklich ziemlich groß. Riesengroß. Und auf der Verpackung stand: Reicht für 120 Wäschen. Wow! Dachte ich. 120 Wäschen. Das muss man sich mal vorstellen. Also, angenommen ich würde einmal pro Woche waschen, dann käme ich zwei Jahre und vier Monate mit dieser einen Packung aus. Zwei Jahre und vier Monate! Immerzu dasselbe Waschmittel aus der immer gleichen Packung. Und beim Kauf bereits zu wissen, welches Waschmittel ich das nächste Jahr und das gesamte Jahr danach verwenden werde. Ich fühlte Panik in mir aufsteigen. Ja. Ich kriegte regelrechte Angst. Floh vor der Waschmittelverpackung die Treppen herunter durch die Tür und auf die Straße, wo ich Abgase einatmend nun wiederholt verstanden hatte, was wahrscheinlich mein Problem ist. Und Waschmittel ist es vermutlich nicht.

Nö.

Gestern war Sonntag, der 10. Februar. Und gestern habe ich eine Entscheidung gefällt. Die beste Entscheidung seit Langem, wie ich finde.

Denn ich war sehr früh aufgewacht. Um 5:30 Uhr ungefähr. Nach viel zu wenig Schlaf. Fünf Stunden vielleicht. Mehr waren es ganz sicher nicht. Dafür hatte ich am Tag zuvor deutlich mehr gearbeitet. Zwölf Stunden. Oder vierzehn. So genau weiß ich das jetzt auch nicht, denn ich hab‘ nicht mitgezählt. Aber ich wachte in dem Wissen auf, das ich es wieder tun werde. Wieder tun müsste. Heute. Morgen. Das nächste Wochenende. Den freien Freitag sowieso. Mit diesem Wissen wachte ich auf. Wahrscheinlich wegen dieses Wissens. Und daher eben viel zu früh, weil mich der Druck nicht schlafen ließ. Ich starrte meine Decke an. Die über mir, nicht auf mir. Was wiederrum egal war, denn sie schauten nicht zurück, noch kriegte ich Antwort auf die Fragen, die ich ihnen gar nicht stellte, weil ich weder welche hatte, noch kognitiv derart agil war, mir für Bett- und Zimmerdecke noch eben welche auszudenken. Und meine ganze Energie brauchte ich sowieso zum Aufstehen. Die Lethargie zu überwinden, so dass der Vorsatz der Bewegung irgendwie und irgendwann zur körperlichen Regung wird. Mit der ich zu meiner Überraschung schließlich aus dem Bett und auf dem Weg in meine Küche durch mein Arbeitszimmer kam. Wie Frau Holle fühlte ich mich. Nur waren die Oberflächen meiner Wohnung nicht mit einem Hauch von Schnee, sondern Papieren zart bedeckt. Was eigentlich ganz hübsch aussah, wie ich selbst gestehen musste. Entzieht man sich nur der Erkenntnis, dass das Ausmaß dieser Blätter die vor mir liegende Arbeit war. Die ich nun andächtig beschaute.

Bis ich in der Küche stand, mit dem Kaffee in der Hand, war es nunmehr 6:30 Uhr. Aus sicherer Entfernung blickte ich in mein Arbeitszimmer und den dort verwehten Schnee, dem ich mich gleich widmen müsste, wie der Druck mich wissen ließ. Dieser altbekannte Druck, der mich an den Schreibtisch binden und dort bis abends halten würde. Ich dachte an alles, was ich lieber täte. Und an all die Wochenenden, die ich dort bereits verbracht habe. Viele Wochenenden. Wochenenden, an denen ich kein Museum besuchte. Keine Ausflüge machte. Im Sommer nicht am See war oder mit Freunden mal im Park. Und dann sagte ich mir: Nö. Nö! Nö. Einfach, nö. Nö. Ich mache das nicht mehr. Ich muss das auch nicht tun. Nö. Einfach, nö. Ok. So einfach dann auch nicht. Ich werde einige Leute enttäuschen. Mein Co-Autorinnen, die schon Zeit investiert haben. Die Herausgeber der Zeitschrift, denen jetzt ein Beitrag fehlt. Und meine Chefs vermutlich auch. Ja. Das ist nicht schön. Ja. Das wird unangenehm. Ja, ganz sicher sogar. Ja, aber, nö. Nö. Nö. Nö.

Und während ich die Entscheidung fällte und unter zunehmenden Lachen dieses „Nö“ laut vor mich hinsprach, stiegen Gefühle in mir auf. Ganz unglaubliche Gefühle. Man könnte es Freiheit oder Glück nennen. Die ich dann beide dafür nutzte, mir einen tollen Tag zu machen. Einen großartigen Tag. Einen wundervollen Tag. Den besten Tag seit Langem. Einfach so. Weil ich es kann. Und endlich zugestehen darf.

Vielfalt

Es gibt viele Formen des Müdeseins:

Diskursmüde.
Feiermüde.
Arbeitsmüde.
Ausgehmüde.
Störungsmüde.
Therapiemüde.
Lebensmüde.
Müdemüde.

Und manchmal spüre ich sie alle.
Dessen bin ich auch sehr müde.