Selbstversuch

Es ist soweit. Ich habe heute den ersten Tropfen Serotonin-Wiederaufnahmehemmer genommen. Genauer gesagt Escitalopram.

Jeden dritten Tag soll ich die Dosis um einen Tropfen erhöhen. Bis ich bei sieben bin. Der langfristige Zielwert liegt allerdings bei zehn.

Und natürlich habe ich den Fehler gemacht, vorher die Nebenwirkungen zu lesen. Das kann ich niemanden empfehlen.

Mit einer über zehnprozentigen Wahrscheinlichkeit bekomme ich Übelkeit und Kopfschmerzen.

Mit bis zu zehnprozentiger Wahrscheinlichkeit Angst, Ruhelosigkeit, Schwindel, Zittrigkeit, Schläfrigkeit, Durchfall oder Verstopfung, mehr oder weniger Appetit, Gewichtszunahme (was für mich als Essgestörte ein absoluter Alptraum ist), Muskel- und Gelenkschmerzen, geminderte sexuelles Interesse und Orgasmusstörungen (was für mich ebenfalls ein Alptraum ist).

Und das sind noch die Harmlosen.

Aber, hey! Immerhin gibt es eine vierzig- bis sechzigprozentige Wahrscheinlichkeit, dass sich meine depressiven Verstimmungen spürbar verbessern. Die Stochastik ist damit auf meiner Seite.

Nur, sollten sie nicht wirken, ist mein letzter Joker auch verbraucht.

Schön gestört

Letzte Woche hatte ich den Termin bei einer Psychiaterin, auf den ich drei Monate warten musste. Und nachdem ich ihr eine halbe Stunde Fragen beantwortet und meine Geschichte in Kurzform erzählt habe, sagte sie zu mir: „Ja. Frau Nuthouse. Sie haben halt eine ganz schön schwere Störung.“ Und das war einer dieser seltenen Momente, in denen ich mich zugleich beleidigt, aber zutiefst verstanden und angenommen gefühlt habe. 

Denn ich dachte: Scheisse, ja. Dein Leben darf sich verdammt schwer anfühlen. Weil es manchmal echt schwer ist. Vielleicht schwerer als für andere. Und dafür machst Du es nicht schlecht!“ 

Man kann schließlich auch nicht von einem Marathonläufer erwarten, die gleiche Rekordzeit zu schaffen, wenn ihm ein Bein fehlt. Und irgendwie war es genau das, was die Ärztin getan hatte. Mich mitten im Wettlauf darauf hinzuweisen, dass mir eigentlich ein Bein fehlt. Naja, vielleicht auch nur ein Fuß. Oder zwei Zehen. Aber, egal. Alleine das hat mir geholfen, mit dem Hadern und Vergleichen kurzzeitig mal aufzuhören. 

So verließ ich die Praxis etwas ergriffen dank dieser Erkenntnis. Aber vielleicht auch wegen des Rezepts für Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, das sie mir ausgestellt hatte. Die stehen jetzt vor mir. Ich könnte sie nehmen. Ich soll sie sogar nehmen. Und einige wissen, wie lange ich darauf gewartet habe. Nur geht’s mir dafür viel zu gut.

Zeilenabstand

Das Telefon klingelte und mein Chef war dran. Das ist soweit nicht ungewöhnlich. Seitdem auch an unserem Institut fast alle von zu Hause aus arbeiten, ruft man eben an statt im Büro vorbeizuschauen. Zu Beginn der Pandemie hat er sogar angerufen, um zu fragen wie es geht. Einfach so. Als Begegnungsmethadon und Ersatz für Flurgespräche. Doch das war im ersten Lockdown. Für solche Einfühlsamkeiten fehlt mittlerweile wohl die Zeit. Wer nun anruft hat Anlass. Und ich erschrecke auch nicht mehr, wenn das Telefon klingelt, was es in diesem Moment tat. 

Erschreckend war nur die Stimmung meines Chefs. Er war wütend. Was nicht oft passierte. Und er war auch noch wütend auf mich. Was zum Glück viel seltener vorkam. Also, eigentlich nie. Was mir einfiele seine Autorität zu untergraben und ihn vor anderen bloßzustellen, war die Frage, auf die ich keine Antwort wusste, weil ich nicht wusste, worum es ihm ging. Es musste der Schriftverkehr sein, der gerade stattfand zwischen ihm und zwischen mir und den Kollegen in cc. Ich hatte einen Vorwurf von mir gewiesen, den Tatbestand in seine Verantwortung überführt und vielleicht, ganz vielleicht war ich in der Wortwahl etwas patzig. Aber ich hatte mich angegriffen gefühlt – vor allen anderen – und mich verteidigt – vor allen anderen, wie ich ihm erklärte. Außerdem fand ich die Ausgangsmail schon unfreundlich, die er mir daraufhin vorlas. 

Liebe Frau Nuthouse, 

hier ist eine Rechnung der Firma AB für das Projekt xy. Das Projekt xy ist abgeschlossen. 

Woraus soll ich das bezahlen?

Herzliche Grüße

Und zugegeben. Wenn man es in der Form und in der Betonung las, war ein direkter Vorwurf vielleicht nicht gleich erkennbar. Und in dieser von ihm gelesenen Realität war meine Reaktion…naja…vielleicht eher am Rande des erwartbaren Spektrums. In meiner Interpretationsweise allerdings vollkommen nachvollziehbar. Nur gelang es mir nicht, ihm das verständlich zu machen. Und schließlich gab ich auf. Ich entschuldigte mich für mein Verhalten und damit war der Vorfall beendet. Eigentlich. Tatsächlich hatte mich der Streit komplett aus der Bahn geworfen und so aufgewühlt, dass ich spazieren gehen musste. Für mich war der Tag gelaufen. Ich fing wieder an mich selbst, meine Wahrnehmung und meine kompensatorischen Skills zu hinterfragen, die aus einer impulsiven, gefühlsgetriebenen Borderlinerin mit überaus geringer Frustrationstoleranz eine weitestgehend besonnene Wissenschaftlerin und geschätzte Kollegin mit adäquaten Führungsqualitäten machte. Einfache Dinge wie:

Genau zu lesen, was in einer E-Mail steht. Anstatt es nur zu fühlen und emotional auf Dinge zu reagieren, die vielleicht dort nicht geschrieben sind. Oder überhaupt zu reagieren, wenn man gerade sehr viel fühlt. Das ist doch die Grundregel! Das oberste Gebot, will man als Borderlinerin im Alltag überleben. Wenn man sich aufregt, egal ob aus nachvollziehbaren oder vollkommen unberechtigten Gründen: NIEMALS ANTWORTEN! Also, natürlich nicht niemals, aber keinesfalls sofort. Und auch nicht zum Hörer greifen. Abwarten so lange es geht oder eben angemessen ist. Und idealerweise entspannt am nächsten Tag antworten. 

Ja. Das weiß eigentlich jeder. Und eigentlich weiß ich das auch. Ich hatte wirklich gedacht, ich wäre weiter. Dann fiel mir ein, mit welcher Wut mein Chef mich vorhin angerufen hatte und ich lächelte. Denn trotz allem bin ich weiter als er. 

Selbstvertrauen

Ich mag Menschen. Ich mag Menschen sogar sehr. Ich muss sie nur nicht dauernd um mich haben. Und erst recht nicht immer alle. Ich vertrete damit eindeutig die „Lieber allein als in schlechter Gesellschaft“-Fraktion.Und das sage ich nicht bloß so. Ich bin wirklich gern allein. Ich gehe gern allein spazieren. Ich gehe gern allein essen. Und in den Urlaub fahre ich auch gern mal allein. Nur einsam bin ich nicht so gerne. Ich weiß, dass geht sehr vielen so. Aber mit seiner Einsamkeit nicht allein zu sein macht irgendwie auch nicht weniger einsam. Man kann zudem auch ganz prima einsam unter Menschen sein. Aber die tiefste, intensivste und damit nagendste Einsamkeit, die überfällt mich meist allein. Ganz plötzlich. Aus dem Hinterhalt. Und die kann wirklich hässlich sein.  

Als alleinstehender Ein-Personen-Haushalt mit eingebautem Homeoffice war man im letzten Jahr allerdings recht oft allein. Damit waren bereits aus statistischen Gründen natürlich beste Voraussetzung geben, sich auch viel öfter einsam zu fühlen. Als eine der unangenehmeren Emotionen in meinem Spektrum hatte ich aber genau darauf keine Lust mehr. Viel schlimmer als Pandemie und Einsamkeit würde Online-Dating schon nicht sein. Dachte ich mir. Und verdrängte sorgsam die Erfahrungen mit Parship vor vier Jahren. Komm, so schrecklich wird es nicht werden, sagte ich mir und sollte unrecht behalten.

Zugegeben. Die Rahmenbedingungen des Datings sind zurzeit nicht optimal. Man kann sich zum Spazierengehen treffen oder zum Spazierengehen treffen oder…ihr ahnt es… zum Spazierengehen treffen. Aber immerhin im Hellen oder im Dunkeln. Auf jeden Fall immer bei Kälte und insgesamt sehr schlechten Wetter. Daher wird auch die „zu Dir oder zu mir“-Frage in der Kennenlerndramaturgie ungewöhnlich früh gestellt. Wodurch man ungewöhnlich früh in die Situation kommt in fremden Wohnungen mit fast unbekannten Menschen auf Polstermöbeln zu sitzen und ihre Tapeten und Einrichtungsgegenstände anzustarren. Aber ich mache es kurz: Auf diese Weise habe ich tatsächlich einen netten Menschen kennengelernt, mit dem ich viel gemeinsam habe, stundenlang reden kann und der mich total super findet. Was ich wiederrum total super finde. Oder eher fand. Denn irgendwann hatte ich keine Lust mehr ihn zu treffen. Nur habe ich mir das nicht geglaubt. 

Denn besonders als Borderlinerinnen lernen wir in Therapien, unsere Gedanken und Gefühle stets zu hinterfragen: Ist meine Emotion gerechtfertigt? Ist sie der Situation angemessen? Sollte ich mich dem Gefühl entsprechend verhalten oder wäre das unangebracht? Sind meine Gedanken hilfreich? Oder sollte ich sie anders denken, um mir nicht selbst im Weg zu stehen? Ja. Selbstreflektion bis zur Subversion. Zudem wurde mir suggeriert, ich hätte Bindungsprobleme und würde immer weglaufen, wenn es verbindlich oder eng wird. Depressionen tragen ihr übriges bei. Würde ich bei diesen immer auf meine Gefühle hören, würde ich gar nicht aus dem Bett kommen.

Deshalb war ich skeptisch. Also mir gegenüber und meinen Gedanken und Gefühlen in Bezug auf diesen Menschen, vor allem als sie anfingen sich zu ändern. Ich begann mir zuzureden wie eine Mutter für den potenziellen Schwiegersohn des Herzens: „Gib ihm eine Chance! Ihr passt so gut zusammen! Ihr habt unglaublich viel gemeinsam! Er ist doch so ein netter Kerl!“ Bis hin zu schweren Selbstvorwürfen, ob ich wirklich so gestört bin, dass ich Nähe nicht ertrage, mich auf niemanden einlassen kann und vermutlich für immer alleine bleibe. Ja. Kognitive Dissonanz war gar nichts dagegen. 

Und es hat mich einige schlaflose Nächte und Telefonate mit Freundinnen gekostet, um diesen Mindfuck zu beenden. Mir einzugestehen, dass ich einfach nicht bereit bin, mehr als eine Pizza oder Couch mit ihm zu teilen. Und dass das nicht gestört, sondern vollkommen ok ist und ich so empfinden darf. Am Ende war ich extrem erleichtert. Aber auch zutiefst schockiert, wie sehr ich an mir und meinen Empfindungen zweifeln konnte.  

Also, ja. Glaub‘ nicht alles, was Du denkst. Aber vertraue darauf, was Du fühlst. Man hat schließlich nichts anderes, worauf man sich verlassen kann. Außer noch seinen Freund:innen. 

Nervenkitzel

Mir wurde mal gesagt, ich sei ein High Sensation Seeker. Das sind Personen, die ständig auf der Suche nach starken Gefühlen, neuen Erfahrungen und intensiven Eindrücken sind. Dafür nehmen sie Risiken in Kauf und setzen sich Situationen aus, die physisch, psychisch oder sozial herausfordernd sind. 

Und, ja. Sowas machte ich manchmal. Aber ich bin kein High Sensation Seeker. Ich bin Borderliner. Und für Boderliner ist das an sich ganz normal. Das nennt sich „Hochrisikoverhalten“ und gehört zu den diagnostische Kriterien nach DSM 5. In jedem Test zu Persönlichkeitsstörungen wird dieser Punkt mit abgefragt. Und da ich eine vorbildliche Borderlinende bin, habe ich hier vieles vorzuzeigen: Ich bin auf Strommasten geklettert, auf Brückengeländern balanciert, Bungee gesprungen und habe alle erdenklichen Drogen genommen. Um nur einiges zu nennen. 

Aber heute habe ich noch einen daraufgesetzt. Heute habe ich mir den ultimativen Kick verpasst und fünf Pakete ohne Sendungsverfolgung bei der Post abgegeben. Ich Wahnsinnige! Daher schlage ich vor, diesen Aspekt unversehens als Kriterium in die Fragebögen aufzunehmen: „Fahren Sie schnell und rücksichtlos Auto? Gehen Sie auf Bahngleisen spazieren? Stellen Sie sich nahe an Absturzkanten von Hochhausdächern? Geben Sie Pakete ohne Sendungsverfolgung bei der Post ab?“ Die Genauigkeit von Diagnosen dürfte sich drastisch erhöhen. Denn sowas macht doch wirklich keiner, der nicht vollständig verrückt ist. 

Ablenkung

Ich habe vor fast sechs Monaten mit Rauchen aufgehört. Und was soll ich sagen? Es fehlt mir immer noch manchmal. Vor allem wenn ich angespannt bin. Aber auch als Belohnung zwischendurch. Immer und überall etwas zu haben, auf das ich mich freuen konnte. Und wie gern ich aufgestanden bin! Wie sehnsüchtig ich wartete, bis der Kaffee fertig ist. Um mit dem Becher auf der Fensterbank genussvoll meiner Sucht zu frönen, die wie ein kleiner Hund gierig an den Nerven zog. Hach, war das schön! Rauchen. Der einzig alltagskompatible Drogenkonsum, der gesellschaftlich halbwegs akzeptiert ist. Und eine der letzten Nischen, in denen sich mein Suchtcharakter ausleben konnte. Sein Lebensraum ist mittlerweile klein geworden. 

Als ich einem Freund gestand, wir gerne ich wieder rauchen würde, schrieb er mir sofort alarmiert: „Schnell! Lenke Dich ab!!“  Und, ja. Das war ein prima Tipp und wohlgemeinter Ratschlag. Das funktioniert als Intervention ganz gut für den Moment. Aber es wirkt halt nicht darüber hinaus und erst recht nicht wirkt’s konstant. Dachte ich als erstes. Als ich weiter drüber nachdachte fiel mir ein, dass ich vermutlich einen Großteil aller Dinge, die ich tat, nur tue, um mich abzulenken. Arbeiten. Affären. Sex. Saufen. Drogen. Doktorarbeit. Alles nur Ablenkung. Oder Ablenkung von der Ablenkung. Je nach dem, was man gerade weniger schlimm findet. Hauptsache ich komme nicht zum Nachdenken. Über mich selbst, verpasste Lebenschancen. Das eigene Versagen. Und die gähnende Sinnlosigkeit meiner Existenz.

Somit kam ich zu dem Schluss, dass die eine Hälfte meins Lebens aus Ablenkung und die andere aus Prokrastination bestand. Aber man kann damit sehr produktiv sein. Der Trick ist eben immer etwas Schlimmeres zu finden als das, was man gerade tun muss. Und bei mir ist das in meinem Kopf. So kann man fast alles schaffen! Vielleicht sollte ich dazu Ratgeber schreiben, wie: „Mit Selbsthass zur Höchstleistung“, „Erfolgreich und unglücklich. So klappt es bestimmt.“ oder „Promotion durch Prokrastination. Weglaufen zählt doch.“ Das könnten Bestseller werden. Und ich habe wieder Ablenkung.

Aktionismus

Am Tag danach. Dem Tag danach. Dem Tag nach meinem letzten Rückfall meldete sich ein Freund bei mir, wie es mir denn so gehen würde. Und ich sagte es ihm dann: „Ich hatte einen Rückfall. Einen sehr, sehr schlimmen Rückfall. Weil ich mich überfordert fühlte. Und jetzt schäme ich mich. Ich ärgere mich. Ich fühle mich grauenvoll und ich habe Angst. Aber vor allem muss ich diesen furchtbaren Tag jetzt erstmal überstehen.“ 

Abends meldete er sich wieder: „Hey, Du hast es fast geschafft! Wie ist es Dir ergangen?

Und ich erzählte es ihm dann: Ich hatte meiner Therapeutin geschrieben, was passiert ist. Ich hatte ihr eine zweimonatige Therapiepause vorgeschlagen, um wieder richtig clean zu werden. „Denn ich möchte meine wertvolle Therapiezeit nicht damit verschwenden, über Alkohol und Rückfälle zu sprechen. Ich möchte richtig an mir arbeiten. Aber so geht das leider nicht. Und es ärgert mich, wie weit ich mich von dem entfernt habe, was ich eigentlich sein möchte. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass ein besseres Leben als das hier für mich möglich ist.“ (Ja. Melodramatisch kann ich. Vor allem, wenn ich verkatert bin.) Auch hatte ich meine Suchttherapeutin kontaktiert und einen Termin für den nächsten Tag vereinbart. Ich hatte an einem NA-Meeting teilgenommen und einen Blogbeitrag geschrieben. Abends hatte ich schließlich die erste Sitzung meines Online-Seminars zum achtsamkeitsbasierten Selbstmitgefühl. Und. Ach, ja. Wäsche gewaschen hatte ich auch. 

Da musste er laut lachen: „Das bist so typisch Du, Nina. Und das ist Teil des Problems. Aber vielleicht auch Teil der Lösung.“

Und da hat er vermutlich recht.

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Bedauerliche Einzelfälle

Nein. Es geht in diesem Beitrag nicht um Nazis in der Bundeswehr oder rechte Chatgruppen bei der Polizei. Es geht auch nicht um Innenminister und Politiker:innen, die ein offenkundig strukturelles Problem vor sich und anderen klein reden. Nein. Es geht um mich. Die ein offenkundig strukturelles Problem vor sich und anderen klein redet. Und ich wünschte fast, es würde dabei um Nazis gehen. Das tut es aber nicht. Es geht um meinen Rückfall gestern. Und um den davor. Und davor. Bedauerliche Einzelfälle könnte man sagen. Klar. Denn zwischendurch läuft es ja gut, wie man hier auch lesen kann. Nur punktuell geht’s manchmal schief. Doch wenn die Punkte zusehends näher zueinanderrücken, hat man schließlich ein Problem. Ein strukturelles Problem. Vor dem man natürlich wie ein Innenminister die Augen verschließen kann, wodurch es allerdings nur schlimmer wird. Besser scheint es mir daher, der Wahrheit ins Gesicht zu blicken und diese hier auch aufzudecken: Ich habe wieder ein Problem. Ein Problem mit Alkohol. Und daran muss ich arbeiten.

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Anders freuen

Das Nicht-Trinken stellt einem im Alltag hin und wieder vor Herausforderungen. Zum Beispiel wenn man mit Freunden unterwegs ist, einem unverhofft was angeboten oder im Job plötzlich ein Glas in die Hand gedrückt wird. Und man kurz in dem Moment vergisst, dass man abstinent ist. Oder es gern vergessen würde, für den Moment, um kurz zu sein wie alle anderen. Aber das sind Dinge, mit denen man umzugehen lernt. Das klappt an sich ganz schnell und macht manchmal sogar Spaß. „Danke. Für mich nicht.“ Hat halt auch was Exklusives. Nur, dass Exklusivität eben exkludierend ist. 

Aber als Borderlinende ist man das ja schon gewohnt. Dieses Gefühl zu haben, nicht dazuzugehören. Aber auch besonders auf sich aufzupassen, wenn es einem schlecht geht, man extrem angespannt ist oder was Furchtbares geschieht. Zumindest ist das bei mir so eng mit Konsum verbunden, dass ich automatisch wachsam werde und mich an die Leine nehme. Aber auf Schicksalsschläge, Liebeskummer und weitere, unbestimmte Frustrationserscheinungen mit Trunkenheit zu reagieren, scheint gesellschaftlich recht akzeptiert und durchaus weit verbreitet. Damit bin ich mal nicht allein. 

Aber wesentlich schlimmer als wenn etwas Schlimmes passiert, ist, wenn einem etwas Gutes wiederfährt. Oder wie mein Selbsthilfegruppenleiter immer sagte: „Wenn es dir gut geht, gehe zur Gruppe; wenn es dir schlecht geht, renne zur Gruppe.“ Er hat zudem auch gesagt: „Hast Du Kummer, hast Du meine Nummer.“ Und ist insgesamt ein cooer Typ. Aber das ist eine andere Geschichte. Hier geht es um Konsumanlässe. Und neben Schicksalsschlag und Krise ist nichts gefährlicher als ein freudiges Ereignis. Zugegeben. Das Jahr 2020 war da schon ziemlich praktisch, denn Anlass zur feierlichen Fröhlichkeit war nun nicht sehr viel vorhanden. Gerade heute zwischen Attentat in Wien und dem noch offenen Ausgang der US-Wahl scheint nur ein frustrationsbedingter Rückfall irgendwie wahrscheinlich. Manche meinen angemessen. Bis mein Chef mich vorhin anrief. Und mich kurzerhand beförderte. 

Und, ja. Dann sitzt man halt so da. Mit seinen erlernten Verhaltensmustern, die einem sagen, dass man jetzt wirklich eine Flasche Champagner öffnen müsste. Mindestens. Um mit jemanden anzustoßen. Und später wild zu feiern und vollkommen zu eskalieren. Und man weiß gar nicht, was man machen soll, wenn das nun nicht mehr möglich ist. 

Ich habe mir schließlich einen Salbeitee gekocht. Mit Honig. Mit extra viel Honig, um ehrlich zu sein. Damit saß ich an meinem Schreibtisch und habe mich mehr so nach innen in mich hineingefreut. Aber vielleicht rufe ich nachher noch Menschen an, um es ihnen zu erzählen. Dann freuen wir uns zusammen. Vielleicht höre ich auch später noch Musik und tanze dann dazu. Und ganz vielleicht ersetze ich den Salbeitee dabei durch ein gesüßtes, mit Kohlensäure versetztes Erfrischungsgetränk. Das wäre doch mal was. Und beinahe eine Party.