Luxus

Nachdem ich geboren wurde, hatte ich 100 Prozent Sehkraft. Auf beiden Augen. Und das hielt auch erstmal an. Früher sagte man, das hielte für immer an, wenn man ausgewachsen ist und bis das Alter schließlich kommt.

Nun. Mit 16 war ich ausgewachsen. Dann passierte erstmal nichts. Mit Körpergröße, Brustumfang und nicht mit meiner Augenstärke. Mit 19 begann ich zu studieren. Mit 20 brauchte ich die erste Brille. Und als ich die ständig brauchte, nicht nur zum Autofahren, Kino oder auch mal in der Vorlesung, kamen die Kontaktlinsen. Und die habe ich bis heute. Nur trage ich sie nicht mehr oft.

Ich trage sie nicht mehr sehr oft, weil ich mir den Luxus gönne, alles nicht so genau zu sehen. Gerade in Neukölln, wo ich lebe, will man auch nicht alles sehen. Und schon gar nicht immer scharf. Impressionismus passt hier besser. Ok. Manchmal ist es etwas misslich, wenn man Menschen nicht erkennt, nicht grüßt oder eben mal die Falschen. Die sich dann freuen oder dumm gucken. Trotzdem gönn ich mir den Luxus, die Realität mit Weichzeichner zu sehen.

Eine Sehschwäche zu haben, finde ich damit ziemlich praktisch. Naja, wenn vielleicht nicht wirklich praktisch, dann zumindest angenehm. Und davon berichten mir auch Menschen, die nicht sehr gut hören können. Ob von Geburt oder durch Alter, ist dabei vollkommen egal. Wenn in der Bahn oder Zuhause Menschen und Gespräche nerven, nimmt man die Hörgeräte raus. Oder reguliert sie runter. Und hat augenblicklich Ruhe. Ruhe….

Gegenüber voll funktionstüchtigen Menschen ist man damit klar im Vorteil, weil man Sinne singulär einfach runterdrehen kann. Und wenn ich mir etwas wünschen dürfte, eine kleine Sache nur, hätt‘ ich das gerne für Gefühle. Einfach mal runterdrehen. Das wäre tatsächlich Luxus! Und mein Leben spürbar leichter.

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Schwerter zu Pflugscharen

Letzte Woche kursierte eine Frage in den sozialen Medien, die an Frauen gerichtet war: Was würdet ihr tun, wenn Männer ab 21 Uhr eine Ausgangssperre hätten?

Wie man sich unschwer vorstellen kann, hat allein die Frage selbst kontroverse Diskussionen ausgelöst. Viele Frauen haben auch darauf geantwortet und die Ergebnisse waren für mich schon überraschend. Ich war überrascht, wie viele Frauen sich in ihrem Verhalten einschränken und wie bestimmte Ängste die Lebensführung dominieren. Nun kann man sich natürlich hinstellen und das alles für absurd halten. Für übertrieben. Für hysterisch. Das haben viele auch getan. Viele Männer. Viele Frauen. Ich sehe das anders. Seine Ängste sucht man sich schließlich nicht aus. Manche haben Angst vor Spinnen, andere haben Angst vor’m Fliegen, Angst vor zu kleinen Räumen, Angst vor zu großen Räumen. Angst vor zu vielen Menschen, Angst zu wenig Menschen zu haben. Und im Gegensatz zur Angst vor Spinnen oder verschieden großen Räumen ist die Angst vor Überfallen und Gewalt im öffentlichen Raum tatsächlich sehr real. Vorsichtsmaßnahmen sind daher weniger naiv, als vermutlich durchaus ratsam.

Und wer sich stets ganz frei von Angst durch den Raum bewegen kann als Frau im Hellen oder Dunklen, der hat vermutlich einfach Glück. So wie ich. Ich habe keine Angst da draußen. Ok. Ich würde jetzt auch nicht alleine joggen gehen nachts in einschlägigen Parkanlagen. Aber ansonsten bin ich angstfrei, was das außen anbelangt. Ich fürchte mich nur vor mir selbst. Und was mein Gehirn aus Dingen macht, die von außen an mich rankommen. Kritik zum Beispiel. Kleine Bemerkungen, die zu einer Waffe werden, ein Satz zu einem Dolch, der sich in meinen Selbstwert bohrt oder einer Sense gleich ihn einfach komplett niedermäht. Wenn er bloß gut genug zu meinen Glaubenssätzen passt. Dass ich nicht schön bin oder klug. Nicht liebenswert. Nur ein Versager. Mangelhaft und ungenügend. Und ich würde hier wohl lügen, wenn das nicht ebenfalls sehr einschränkt.

Aber es gibt auch gute Nachrichten. Denn anders als Gefahr im Park, die ganz real und existent ist, man aber nicht verändern kann, ist der Feind in meinem Kopf nur eine Konstruktion. Das Resultat jahrzehntelanger Prägung. Sicher. Die damit ebenfalls real ist und reale Wirkung hat. Die ich aber ändern kann. Ich muss nicht schlecht über mich denken. Nicht immer allem Glauben schenken, was mir als Erstes in den Sinn kommt und den Feind am Leben hält. Nicht Kritik auch noch verstärken und zu Vernichtungswaffen machen. Man kann anders von sich denken und Anderes zu denken lernen. Schwerter zu Pflugscharen! Und Kritik zu Kuscheltieren.

Triple

Es gibt Menschen, die sammeln gerne Dinge: Briefmarken. Kronkorken. Bierdeckel. Münzen oder Schallplatten. Comics. Elektrische Eisenbahnen. Puppen und Modellfiguren. Ich hingegen sammle nicht so gerne Dinge. Ich mag es lieber übersichtlich. Nur sammelt sich trotzdem vieles an. So im Laufe eines Lebens. Erfahrungen. Erinnerungen. Erkenntnis. Idealerweise. Affären. Freundschaften und Liebesbeziehungen. Oder ICD-10 Schlüssel. Wie in meinem Fall:

F60.31 Emotional instabile Persönlichkeitsstörung – Borderline-Typ
F10.1 Psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol: Schädlicher Gebrauch
Und mein Neuzugang seit gestern: F43.1 Posttraumatische Belastungsstörung.

Aber das ist jetzt nicht so schlimm. Also, das zu haben schon. Aber nicht die Diagnose selbst. Denn wie ich bereits bei Borderline beschrieb, ist das eher sehr entlastend. Für einen Borderliner war ich nämlich ganz normal. Und zudem nicht mehr allein. Und auch mit dieser Diagnose geht die Erleichterung einher, dass es schon in Ordnung ist, wie es mir zurzeit ergeht. Und ich so fühlen darf, wie ich mich fühle. Und die Gefühle annehmen kann, anstatt sie zu verdrängen oder mir einzureden, mich nicht so anstellen und einfach mal zusammenreißen. Ja. So eine Diagnose kann wirklich sehr befreiend sein. Und hilfreich. Trotzdem. Wie heißt es so schön: Aller guten Dinge sind drei. Und damit reicht es jetzt mal auch.

Durchhalten

Komm, den Tag überstehst Du schon!
Sage ich mir jeden Morgen und jeden Abend hatte ich recht.
Nur reihen sich mit jedem Tag die Tage
zu einem Leben aneinander,
das man eben nicht gelebt, sondern nur überstanden hat.
Und so sollte das nicht sein.

Herr der Fliege

Die Männer, die sich zu mir setzten, waren mir nicht unsympathisch. Nur rochen sie nicht ganz so gut. Der zu meiner linken Seite war auch nicht akut betrunken, nur offensichtlich schon sehr lange und das überaus konstant. Monate. Vielleicht auch Jahre. Mit diesbezüglichen Zersetzungen kenne ich mich nicht so aus. Der mir gegenüber saß, war weit weniger betrunken und wirkte an sich recht entspannt. Wie er so wegzudämmern drohte, in seinem rosafarbenen Pullover mit der rosafarbenen Kapuze unter der sich die Pupillen kreisförmig nach oben drehten. Als wollten sie in seinen Kopf schauen. Ganz tief in ihn hinein. Während seine Lider wie zwei kleine Flügel flatternd langsam auf sie niedersanken. Die ganze Schwere dieses Körpers musste wohl auf ihnen lasten. Und das muss schon ziemlich viel sein bei einem derart großen Körper, in dem zahlreiche Substanzen parallel zu wirken schienen.

Ich sah mir sein Gesicht an. Das Gesicht von diesem Mann, das nach sehr viel Leben aussah, nur eben kein sehr angenehmes. Und wenn man so ein Leben hatte, will man die Augen vermutlich einmal schließen und den Blick von allem abwenden. Der Stadt. Der S-Bahn, in der wir zusammen fuhren, und erst recht auch von sich selbst. Der Mann lächelte. Ob das nun die Drogen waren oder ein freudiger Gedanke, das wusste ich natürlich nicht. Und das geht mich auch nichts an. In einem durchschnittlichen Wagen des Personennahverkehrs gibt es zudem genug zu sehen. Und wenn einen das mal überfordert, kann man auch nach draußen schauen. Wo zuverlässig diese Stadt ist. Ob man sie mag oder auch nicht.

Doch zwischen Häusern und den Menschen blieb ich doch woanders hängen. Auf dem Rand aus grauem Kunststoff, Polyvinylchlorid vermutlich, das die Bahnfenster umfasst, die sowohl Trennung als Verbindung zwischen drinnen und draußen sind. Auf deren zentimeterbreiten Kante jetzt eine Stubenfliege saß. Und dort konstant im Kreis lief, wenig ihrer Art entsprechend, in ihrem eigenen Wendekreis und bei Abweichung des Zirkels stets das Fensterglas touchierte. Ja. In dieser Stadt scheint alles irgendwie kaputt zu sein. Und während ich dem Kreislauf zusah, der in seiner Redundanz durchaus auf mich beruhigend wirkte, kam ich nicht umhin zu merken, damit nicht allein zu sein.

Wir drei schauten auf die Fliege. Und nach einer ganzen Weile hielt der Mann im rosa Pulli dem kleinen Tier den Finger hin, den es nach einer weiteren Weile und geduldiger Betrachtung irgendwann dann auch erklomm und so auf seinem Finger saß. Gerahmt von einem Fingernagel, der ungleich abgebrochen war mit einem tiefen schwarzen Rand, und aus Sicht von dieser Fliege wie Hügelketten wirken könnte. Ein Alpenpanorama aus Schmutz und gelblich-weißem Schnee, was die Fliege wohl nicht wusste, denn sie kannte keine Alpen und da sie nicht sehr lange lebte, vermutlich auch gar keinen Schnee.

Der Mann hob stolz, fast zärtlich den Finger zu ins in die Mitte, auf der er die Fliege balancierte oder die Fliege auch auf ihm, die wir weiterhin beschauten und uns dabei nahe waren. Doch. Gemeinsam Tiere zu betrachten und seien sie auch noch so klein oder wie diese hier kaputt, schafft irgendwie Verbundenheit. „Ich glaub, ihr Flügel ist gebrochen“ stellte ich die Diagnose und die Männer nickten wissend, ob um das Schicksal dieser Fliege oder auch der ganzen Welt. Und nach einer kurzen Andacht schnippte er sie kurzerhand aus dem gekippten Oberfenster. Das gibt ihn jetzt Karmapunkte, stellte er zufrieden fest, da er sie gerettet habe. Ob die Fliege so empfand, kann man natürlich nur vermuten. Doch durfte sie nochmal fliegen. Und vielleicht war das auch gut.

Materie und Geist

Wie ich schrieb, hatte ich die letzten Wochen frei.
Und Freizeit ist natürlich toll. Weil man sehr viel freie Zeit hat.
Nur Freizeit ist auch nicht so toll, weil man in dieser freien Zeit
viel Zeit hat um nachzudenken.

Darum habe ich aufgeräumt.
Aufräumen ist auch ziemlich toll. Weil man Struktur und Ordnung schafft,
die einem Halt und das Gefühl geben, sein Leben ganz im Griff zu haben.
Nur Aufräumen ist auch nicht so toll.
Wenn man dabei auf Dinge stößt, deren Existenz man lang verdrängt hat.
Und die zu Gefühlen führen, deren Existenz man auch verdrängt hat.
Und ohne die es besser war.

Nur lässt sich das nicht umkehren. Klar.
Dinge, die man in den Händen hielt, die zu Gedanken werden,
aus denen Gefühle resultieren, kann man wieder zur Seite legen.
Doch kriegt man die Gefühle nicht in den Gegenstand zurück.
Egal was man tut. Ob man sich von diesen trennt.
Überlegenheit zeigt. Macht durch Ordnung demonstriert.
Mit Sortieren und Abheften. Nach Datum, Vorgang und Ereignis.
Durch Organisieren und Strukturieren. Nach Farbe, Größe und Funktion.
Materie ist willig. Nur bringt Kontrolle über Dinge,
die Ordnung der Gefühle nicht zurück.
Und Gedanken bleiben renitent.

So scheint das Fazit meines Urlaubs:
Lieber aufgeräumt im Chaos,
als durcheinander mit Struktur.

Dekompensation

Man kann zwischendurch mal sehr viel arbeiten. Eine Woche. Oder zwei. 70 oder 80 Stunden. Ja, das geht durchaus. Natürlich. Nur irgendwann wird es zu viel. Wenn es darüber weit hinaus geht. Dann wird es einfach mal zu viel. Und irgendwann auch ungesund. Und ich meine nicht das Cortisol, das der Körper ständig auswirft und zu bekannten Langzeitschäden führt wie Bluthochdruck, Arteriosklerose, Schlaganfall und Herzinfarkt. Nein. Ich mein‘ die anderen Dinge. Die mögen nicht jeden gleich betreffen. Denn jeder Mensch geht mit Belastungen schließlich etwas anders um. Manche machen ganz viel Yoga, meditieren, schlafen viel, ernähren sich vollkommen gesund und trinken dabei Kräutertee. So was soll es geben. Die meisten tun das aber nicht. Sie essen zu viel oder zu wenig. Schlafen schlecht oder fast gar nicht. Zudem sind dauerhafte Stresszustände – und das ist wissenschaftlich schon bewiesen – die Hauptauslöser für exzessives Rauchen, Drogenkonsum und den Missbrauch von Alkohol. Und damit sind wir dann bei mir. Bei meinen alten Sollbruchstellen. Die immer dann wieder kaputtgehen, wenn ich über lange Zeit massiv unter Druck gerate. Und so war es diesmal auch.

Und das ist wirklich ziemlich misslich. Nicht nur, weil ich süchtig bin oder zumindest stark gefährdet. Es ist auch dann tatsächlich misslich, wenn die aktuelle Therapie eine Drogenreha ist, die man nur bewilligt kriegt, wenn man schon lange abstinent lebt und die man nur behalten darf, wenn man das entsprechend bleibt. Darum sagte ich dort nichts und schwieg. Ich sagte nichts in der Gruppentherapie am Anfang einer jeden Woche. Und ich sagte nichts in den Einzelgesprächen an deren Ende jedes Mal. Und das fühlt sich furchtbar an. Ganz grässlich geradezu. Nicht ehrlich und aufrichtig zu sein. Zu meinen Therapeutinnen, zu der mir ans Herz gewachsenen Gruppe und natürlich auch zu mir. Doch ich sagte weiter nichts. Weil ich Angst hatte den Therapieplatz zu verlieren. Und weil ich wusste, dass ich mein Verhalten gerade auch nicht ändern kann solange der Stress noch nicht vorbei ist.

Doch Freitag war er nun vorüber. Ich habe jetzt zwei Wochen frei. Und Freitag war auch Therapie. Und dort habe ich‘s gleich gesagt. Sie wollte es mir zwar erst kaum glauben, weil ich so solide wirkte, aber schließlich angenommen und damit war es fast ok. Denn zu jeder Suchterkrankung, meinte sie, gehören Rückfälle dazu. Nur zu meiner Gruppe darf ich vorerst nicht zurück, nicht bis ich nachweislich stabil bin. Doch darin seh‘ ich kein Problem. Weil ohne diesen ganzen Stress, gibt es kaum Grund zu konsumieren, da es wenig zu ertragen und auch nichts auszuhalten gibt. Außer mir und ich zu sein. Und wenn ich recht darüber nachdenke, ist das vielleicht gar nicht so schlimm.