Glücksspiel

Ich hab‘ den ganzen Tag mit einem Fünfjährigen Spiele gespielt.
Und die ganze Zeit verloren.

Ich weiß nicht, ob ihr dieses Sprichwort kennt.
Aber ich weiß jetzt, es stimmt nicht.

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Impulskontrolle

Die AfD hat in den Umfragen gestern 15 Prozent bekommen.

Jetzt muss ich mich stark beherrschen, nicht jedem siebten Menschen auf der Straße gleich einfach eine reinzuhauen.

Fortschritt

Ich habe gerade viel Kontakt zu Ärzten. Keine Sorge. Es ist nichts Schlimmes. Ich brauche nur Überweisungen und Rezepte. Daher habe ich viel Kontakt zu Ärzten. Wobei, das stimmt nicht. Ich hätte gern Kontakt zu Ärzten. Das ist aber nicht so leicht. Schon gar nicht in Berlin. Weshalb auch nach zwei Jahren meine Ärzte alle noch in Hamburg sind. Bis auf einen Hausarzt. Den hatte ich bereits. Aber auch nur bis Dezember. Bis er mich zweimal hocherregt und aufgebracht seinen Praxisräumen verwies. Tja. Seitdem hab ich nicht mal einen Hausarzt. Aber dafür meinen Stolz. Und Berlin ist schließlich groß. Ich werd‘ schon einen anderen finden. Doch das ist wirklich nicht so leicht.

Denn ruft man in einer Praxis an, ist gleich die erste Frage, wie man denn versichert sei. Ob privat oder gesetzlich. Und gesetzlich ist dann misslich, weil Neupatienten nicht mehr passen oder manchmal vielleicht schon, aber dann erst in neun Wochen, wenn der nächste Termin frei ist. Doch das ist noch der gute Fall. Wenn tatsächlich jemand rangeht. Denn meistens geht keiner mehr ran. Nicht mehr. Das scheint ein neuer Trend zu sein. Man hängt in einer Warteschleife. Mit einem fröhlich-lustigen Jingle, der nach gut fünfzehn Minuten zwar immer noch sehr fröhlich klingt, doch dem eigenen Gefühl mit voranschreitender Zeit immer weniger entspricht. Der Abstand konstant größer wird zwischen Musik und Stimmungslage, was nicht nur den Hörgenuss sehr mindert, sondern zunehmend provoziert. Zum Glück wird dieses Lied zwischendurch mal unterbrochen, so dass kurz die Hoffnung kommt, es würde wirklich jemand rangehen. Doch, nein. Es ist bloß die sonore Stimme eines seriösen Arztes, der einem souverän erklärt, dass der Betrieb sehr rege sei, und einem nachdrücklich versichert, dass man nicht vergessen werde. In eben dieser Warteschleife. Wenn man jedoch nicht warten wolle, könne man eine E-Mail schreiben. Das wollte ich jetzt aber nicht. Ich wollte einen Menschen sprechen. Einen echten Menschen. Und Dinge klären. Einen Termin vereinbaren. Was man eben halt so will, wenn man in einer Praxis anruft. Drum wartete ich weiter in der Schleife, brav an das Versprechen glaubend, dass man mich nicht vergessen würde. Das wurde ich auch nicht. Ich wurde aus der Leitung geworfen. Irgendwann. Mit einem „Tuuuuuut“. Das war schade. Denn ich weiß nicht, wie lange ich gewartet hatte. Aber ich hatte in der Zeit einen Liedtext für den Jingle komponiert. Mit 72 Strophen. Die wollte ich dann auch vortragen, WENN DENN ENDLICH JEMAND RANGEHT. Tja. Pech. Dachte ich mir. Und rief ein zweites Mal an. Und freute mich schon auf die 140 Strophen, die ich dann rezitieren würde. Aber auch beim zweiten Mal flog ich aus der Leitung. Und gab auf. Und schrieb die E-Mail.

Beim nächsten Arzt war es das Gleiche. Nur ein anderes Fachgebiet. Auch dort kriegt man niemanden zu sprechen, sondern hört die Warteschleife mit dem freundlichen Verweis, dass halt gerade viel zu tun sei. Dabei will ich gar nicht viel. Ich will einfach ein Rezept! Doch. Halt. Die Praxis war gleich um die Ecke, so ging ich in der Mittagspause hin. Und, oh Wunder! Dort musste ich tatsächlich nur 20 Minuten in der Schlange stehen, um mit jemanden zu sprechen. Der mir dann die Auskunft gab, dass sie mir nicht helfen könnten ohne einen Arzttermin, was mich nicht wirklich überraschte: kein Rezept ohne Gespräch. Was mich trotzdem sprachlos machte war, dass ich keinen Termin bekam. Bei ihr. Vor Ort. Das sollte ich online machen. Über eine spezielle Plattform, von der ich bereits gehört und sogar schon genutzt hatte. Ok. Das kann man machen. Ist bestimmt auch super praktisch. Aber jetzt, wo ich so vor ihr stand mit meinem Kalender in der Hand, kam mir das doch recht absurd vor, dass ich zurück zum Schreibtisch und an meinen Computer soll, wo ich doch gerade herkam, um in dem Laden, in dem ich gerade stehe, dann einen Termin zu machen. Und, nein. Ich bin kein Digitalisierungsgegner. Kein Technikpessimist. Im Gegenteil. Ich mach` fast alles online. Ich bin immer online. Mein Handy ist mit meiner Hand verwachsen und Funklöcher sind mir eine Pein. Trotzdem war ich sprachlos. Weil ich an meine Omas dachte. Die zwar beide lange tot sind, doch wären sie am Leben und anstelle meiner hier, sie wären heillos überfordert. Wenn sie einen Computer hätten. Falls sie einen Computer hätten. Überhaupt. Und da fängt das Problem schon an. Denn Inklusion sieht anders aus.

Und diesen Gedanken in mir tragend, mich meiner Privilegien freuend: Weiß. Jung. Gebildet. Ok. Frau, ist natürlich auch ein Nachteil, ging ich zurück in mein Büro und auf die besagte Plattform und machte gleich einen Termin für die nächste Woche aus. Das klappte alles wunderbar. Und kurz darauf kam noch die Antwort von der Praxis von davor mit einem weiteren Termin, der mir tatsächlich sehr gut passte, was allerdings jetzt Zufall war. Das konnten die nämlich nicht wissen, weil wir nicht gesprochen hatten und meine 140 Strophen hatten sie auch noch nicht gehört. Das kann ich aber nachholen. Bei meinem Termin. In einer Woche.

Trotzdem zeigte sich wieder: Die Dienstleistungsgesellschaft heißt Dienstleistungsgesellschaft, weil die Dienstleistungen an die Gesellschaftsmitglieder selbst delegiert werden. Und in der gelebten Praxis sieht Fortschritt manchmal doch wie Rückschritt aus.

Summary

Ich werde oft gefragt, wie das eigentlich so ist mit Borderline. Und hab das mal zusammengefasst:

Freude. Freude! Freude! Euphorie!! Oh. Traurig. Freude! Wütend. Extrem wütend. Nein, traurig. Einsam. So einsam. Einsam. Einsam. Leere. Oh, diese Leere. Traurig. Aber Liebe. So viel Liebe! Liebe. Liebe. Liebe. Empathie!!! Freude. Freude!! Freude! Traurig.

Ja. Das beschreibt es schon ganz gut.
So einen durchschnittlichen Nachmittag.

Zufälle

Ok. Es stimmt tatsächlich. Man trifft sich immer zweimal im Leben.

Wobei mir bei bestimmten Leuten einmal bereits reichen würde. Oder das eine Mal schon eins zu viel ist und keinmal deutlich besser wäre.

Und andere, die trifft man zweimal. Unerwartet. Unverhofft. Und fände dreimal plötzlich schön. Ein drittes und ein letztes Mal. Weil dieses dann auf Dauer ist.

Nur so wie ich es gerne hätte, will’s der Zufall leider nicht.

Ärztedämmerung

Ich war heute in der Klinik und habe die Mädels dort besucht. Weil ich Sehnsucht nach ihnen hatte und ohnehin gerade auf der Ecke war. Und zudem hatte ich Zeit. Was jetzt hin und wieder vorkommt dank reduzierten Arbeitstagen, die ich für Schönes nutzen will. Daher war ich in der Klinik. Und habe die Mädels dort besucht.

Wir trafen uns in der Kantine. Die Kantine, in der hier alle essen gehen. Menschen aus der Tagesklinik. Das Pflegepersonal. Und natürlich auch die Ärzte. Richtig. Die Ärzte. Und ich würde wohl jetzt lügen, wenn mich das nicht leicht tangierte. Ich absolut gelassen blieb. Und auch wirklich kein Problem hatte, mich auf’s Gespräch zu konzentrieren. Oder die Mädels anzusehen, wenn ich nach ihrem Befinden fragte. Anstatt konstant zur Tür zu schauen. Und mein Puls sich nicht erhöhte, wenn jemand den Raum betrat. Und es kamen viele Leute. Sogar welche, die ich kannte. Aber eben nicht der eine, wegen dem ich unruhig war.

Nach dem Essen ging ich mit den Mädels noch zurück auf Station. Weil ich etwas wissen wollte, was wirklich keinen Aufschub duldet. Na gut. Das stimmt jetzt nicht so ganz. Aber wenn ich schon mal dort bin, warum nicht nach meinem Arztbrief fragen, auf den ich nun seit Wochen warte und ganz wirklich und in ehrlich vermutlich auch bald brauchen werde für die nächste Therapie. Nur konnte mir das Pflegeteam dazu keine Auskunft geben, das ich natürlich vorher fragte, und mich an meinen Arzt verwies. Um das persönlich zu besprechen. Er wäre grad in seinem Büro.

Ja, verdammt! Da hatte ich nun keine Wahl. Wenn das explizit gewünscht ist. Werde ich das artig tun. Und während ich den Flur entlanglief, den unendlich langen Flur, dem Unvermeidlichen entgegen, grinste ich doch leicht nervös oder freudig auch erregt, vielleicht frivol und diabolisch. Doch mehr nur so in mich hinein. Von außen blieb ich scheinbar stoisch. Mich bewegte nur die Sorge, ob meine Haare richtig sitzen und auch keine Nahrungsreste irgendwo am Zahnfleisch hängen. Und dann stand ich vor der Tür. Klopfte zaghaft. Dann bestimmt. Aber es öffnete mir keiner. Denn der Mann war nicht mehr da. Jetzt seinerseits in der Kantine. Wo ich selbst bis eben war.

Ja. Ich überlegte kurz zurückzugehen. Entschied mich aber dann dagegen. Man darf den Zufall zwar forcieren, aber ihn nicht ganz zerstören. Das verbieten das Gesetz, der Anstand und außerdem mein Schamgefühl. Überdies ihn nicht zu sehen, war mir schon Aufregung genug.

Politik und Liebe

Ralf Stegner sagte gestern in der Tagesschau, die Koalition sei eine „Lebensabschnittspartnerschaft, die dann hoffentlich auch bald vorbei ist.“

Malu Dreyer wünscht sich auf Info Radio heute Morgen eine „ordentliche Zweckbeziehung“.

Und dadurch ist mir klar geworden: Als potenzielle Lebenspartner kommen Sozialdemokraten für mich erst einmal nicht in Frage. Wie auch schon AfD, FDP, CSU und CDU.

So behindern die Verhandlungen nicht nur dieses Land, sondern auch mein Liebesleben.

Da soll noch einmal jemand sagen, Privates wäre nicht politisch.