Biologie

Es gibt ja so spezielle Mythen:

Der Mann hat eine begrenzte Anzahl an Samenergüssen.
Die Frau nur eine bestimmte Zahl fruchtbarer Eizellen.

Stimmt. Das ist alles Unfug. Medizinisch widerlegt.
Was ich stattdessen aber glaube, ist:

Der Mensch hat nur eine begrenzte Anzahl kluger Sätze, die er so produzieren kann. Bei manchen sind es mehr. Bei manchen weniger. Bei anderen ist man sich nicht sicher, ob sie jemals welche hatten. Das scheint aber gar nicht schlimm. Für Politik reicht’s nämlich trotzdem.
Aber meine, meine sind nun aufgebraucht. Innerhalb der letzten Wochen. Aufgebraucht und mit der Arbeit rausgeschickt. Und jetzt sind sie alle weg. Weg. Für immer. So, dass ich nicht mehr schreiben kann. Nie wieder. Ende. Aus. Vorbei.

Aber vielleicht ist das ebenfalls ein Mythos. Und sie wachsen wieder nach.
Ganz langsam. Irgendwo. In meinem Kopf. Wo es doch noch fruchtbar ist.

Aussichten

Es sind die letzten Wochen vor der Abgabe. Und auch wenn nur noch wenig Zeit und dafür doch sehr viel zu tun ist, werde ich auf einmal ruhig. Ganz ruhig. Da Verzweiflung gar nichts bringt und nicht sich unter Druck zu setzen. Ich weiß, dass ich es schaffen kann. Irgendwie. Wie so vieles. Schon. Bisher. Und aus Erfahrung und Gewissheit entsteht sowas wie Zuversicht. Das ist gut am Älterwerden. Also bin ich ruhig. Ganz ruhig. Von innerer Freude fast erfüllt. Die Freude, dass das alles bald vorbei ist. Die Freude auf die Freiheit, die ich beinah schon spüren kann. Freiheit. Sie erstreckt sich vor mir wie ein unbegrenzter Raum, ein weites Feld irritierend vieler Möglichkeiten. Eine Versuchung. Wie der Körper des Geliebten, der ausgebreitet vor mir liegt. Und ich vor Verzückung nicht recht weiß, wo ich beginnen soll. Ihn zu berühren. Zaghaft. Mit den Fingerspitzen, den Lippen, Zunge und schließlich meinem ganzen Körper. Freiheit. Ganz bald schon bin ich bei Dir. Und wir werden eins.

Selbstüberprüfung

In meiner Arbeit erforsche ich die Bedeutung von Orten für den postmodernen Menschen.

Da mir gerade meine Wohnung in einem Moment klaustrophobisches Gefängnis und im nächsten schon geliebte Zuflucht und Ort des Rückzugs sein kann, fange ich an die Validität meiner Erkenntnisse zunehmend in Frage zu stellen.

Aber gut. Vielleicht sind meine Befragten auch nicht alle Borderliner.

Wenn der Bankmann zweimal klingelt

Ich gehe nie ans Telefon. Also wirklich nie. Also, nur bei Verabredungen. Mit Termin und Uhrzeit. Aber sonst, sonst gehe ich nicht ran. Niemals! Und bei mir unbekannten Nummern erst recht nicht. Natürlich! Naja. Doch. Manchmal. Denn ich bin zwar soziophob, doch mehr noch bin ich neugierig.

Und heute rief mich jemand an. Eine unbekannte Nummer, die zudem aus Hamburg stammt. Und selbstvertsändlich ließ ich klingeln. Doch war ich schon sehr interessiert, wer das denn wohl sein könne. Und als es dann noch einmal ging, hebe ich tatsächlich ab. Die Neugier hat gewonnen und zudem mein Bankberater, der sich fast frenetisch freut mich endlich mal zu sprechen. Was ich so nicht teilen kann. Vielmehr bin ich beunruhigt. Er fragt, wie es mir geht. Das beunruhigt mich noch weiter. Und als er sagt, er will mich sehen, werde ich sogar kurz panisch. Doch kommt Herr S. dann schnell zur Sache: Er möchte mit mir über Vermögensaufbau sprechen. Da muss ich plötzlich schallend lachen. Vermögens…was?! Ich frage ihn, ob er meinen Schuhschrank meint. Und ob er den gern sehen will. Jetzt muss er auch ziemlich lachen. Und das ist gut. Oder zumindest besser, finde ich. Wenn Dein Bankberater lacht. Er meinte aber nicht die Schuhe. Und auch nicht die Kleidersammlung. Sondern das Ansammeln von Geld, was mich jetzt wirklich stutzig macht. Zumal ich aus früheren Terminen weiß, dass er mein Konto bestens kennt. Und auch alle Vorgänge.

Und seitdem, ja seitdem, denke ich oft an den Herrn S.

Ich denke an Herrn S, wenn ich mit der Karte wieder Schuhe kaufe oder viel zu teure Keider. Ich denke an Herrn S., wenn ich spät nachts die Rechnung im Lokal begleiche und dann noch die Taxifahrt. Ich denke an Herrn S, wenn ich beim Friseur das Plastik zücke und in dem Kosmetikladen. Wenn sich die zarten Töne rot langsam weit ins Dunkel färben. Ja, dann denke ich an den Herrn S., wie er an seinem Schreibtisch sitzend aus der Ferne, fassungringend, leidend auf mein Konto schaut und mir sprach- und hilflos zuruft, dass ich damit aufhören soll. Hören Sie doch endich auf!

Ja, Herr S. Mein ständiger Begleiter. Mein externalisiertes schlechtes Gewissen in Form eines mittelalten, anzugbezogenen Mannes mit Krawatte und zurückgehenden Haaransatz. Herr S. So fremd und doch vertraut. Er macht wirklich gute Arbeit. Denn meine Bank wirbt mit dem Slogan: Immer da. In ihrer Nähe. Sie ahnen nicht, wie sehr das zutrifft.

Ich musste Herrn S. dann noch versprechen, dass ich ihn sehr bald besuche, wenn ich denn in Hamburg bin. Und beim Ende des Gesprächs ziehe ich die Karte durch den Spalt an ebendieser Kasse, in deren Laden ich in dem Moment tatsächlich gerade shoppen war. Und sehe wieder sein Gesicht. Dem die Farbe sanft entweicht. Wie uns mit dieser Handlung nun endgültig der Gesprächsstoff.

Über Bande

Immer wenn ich Menschen zurufen will:

„Hey, sagt mir mal, dass ihr
– mich liebt,
– mich schön findet,
– an mich glaubt,
– mich unterstützt,
– und zudem sicher seid, dass ich den ganzen Scheiß hier irgendwie auch schaffen werde“

rede ich eigentlich mit mir.

Ich sollt‘ mal lernen besser zuzuhören.
Und an meiner Glaubwürdigkeit arbeiten.
Das sollte ich wahrscheinlich auch.

Taxi

Es ist Sonntag. Ich hab’ frei. Das finde ich toll. Es ist Sonntag. Ich hab’ frei. Und die Sonne scheint! Das finde ich so richtig toll. Und heute Abend fliege ich nach Liverpool. Das ist noch viel toller. Und was noch so richtig toll ist, ist, dass der Bus zum Flughafen direkt vor meiner Tür fährt.

Ich stehe also an der Bushaltestelle mit Rucksack und gepacktem Koffer in der Sonne heftigst grinsend, weil alles grad so unglaublich unvorstellbar und unwahrscheinlich toll ist.

Da kommt ein Taxi vorgefahren.

Ein Mann steigt aus. Ein kleiner, fröhlicher Mann und fragt, ob er mich mitnehmen kann.

Ich so: Ich warte auf den Bus.

Er so: Ich fahre zum Flughafen. Ich muss da ohnehin schon hin. Und kann Dich doch auch mitnehmen.

Ich so: Umsonst?

Er so: Ja.

Ich so: Echt? (Checke Mann. Checke Risiken. Checke Nutzen. Ach, egal. Alles toll.) Sage: Fein. Und steige ein.

Da kommt ein zweites Taxi angefahren.

Und hält auf einmal hinter uns. Ein Mann steigt aus. Der ist jetzt nicht ganz so fröhlich. Ja, beinah schon aggressiv und ohne dabei klein zu sein. Ich schaue mir vom Rücksitz an wie beide auf der Straße stehen und heftig diskutieren und verstehe alles nicht. Schon den Anfang hab ich nicht verstanden. Warum ich jetzt im Taxi sitze, das an einer Haltestelle steht, an der der Bus fährt, der mich zum Flughafen bringt, wo meine Kollegen warten und der Flug wohl eher nicht. Jetzt sitze ich hier und schaue von der Rückbank staunend auf zwei Männern auf der Straße, die ihrer Gestik nach von Körperlichkeiten nicht allzu weit entfernt sind. Und als andere Menschen nun hinzukommen, steig ich also endlich aus. Und nun versteh‘ ich auch, was los ist. Mein Taxifahrer hat keine Berliner Zulassung und darf mich gar nicht transportieren. Der andere Mann fühlt sich betrogen. So als Berliner Taxifahrer. Und, dass er mich umsonst mitnehmen wollte, glaubt er mir natürlich nicht. Was ich auch verstehen kann. Denn mir ging’s bis eben ähnlich. Doch als es weiter eskaliert, die Traube interessierter Menschen ständig anwächst und der Bus von weitem naht, sag ich: Hey, kein Ding. Ich wollte doch sowieso den Bus nehmen. Und geh zurück zur Haltestelle.

Die Taxen fahren los. Der Bus kommt. Ich fühle mich leicht. So unbeschreiblich leicht. Ich fass mir an die Schulter und stelle fest, der Rucksack fehlt. Der liegt auf dem Rücksitz dieses Taxis, welches grad auf der Straße hinten klein am Horizont verschwindet. Darin mein Ausweis, Geld und auch meine Busfahrkarte. Ich fluche laut im Sonnenschein. Die Schaulustigen sind verzückt. Aufgrund der Vielheit meiner Flüche und der spontanen Fortsetzung, die sich ihnen kaum erschließt. Aber egal. Jetzt muss es schnell gehen.

Herausforderung Eins

Ich muss den Busfahrer überzeugen mich mitzunehmen. Ohne Geld. Und ohne Fahrkarte. Ich erzähle ihm die Geschichte und er sieht mich so bescheuert an, wie diese wohl auch klingen mag. Und winkt mich schließlich einfach durch. Wo circa fünfzehn Menschen sitzen, die dieser ebenfalls gelauscht haben und mich jetzt alle ansehen. Mit Mitgefühl, Verwunderung und irritierten Formen des Desinteresses. Ich sitze da und starre vor mich hin. Ich versuche nachzudenken. Ein Mann kommt auf mich zu. Er schenkt mir fünf Euro und wünscht mir viel Glück. Ich kaufe mir eine Busfahrkarte. Ordnung muss sein. Und draußen zieht die Stadt vorbei. Unschuldig. Nichtsahnend. Unberührt. Wie kann sie nur.

Herausforderung Zwei

Ich muss irgendwie diesen Taxifahrer am Flughafen finden. Wie ist mir allerdings ein Rätsel. Noch sitze ich im Bus und tröpfchenweise sickern mir die Dinge ins Bewusstsein, die jetzt in diesem Taxi sind: Mein Haustürschlüssel. Mein Laptop mit der Doktorarbeit. Der USB-Stick mit der Sicherungskopie. Die neue externe Festplatte, die zwar zu Hause liegt. Aber das Back-Up, das ich nicht gemacht habe. Der Bus fährt. Ich habe Zeit. Ich bin mir sicher, dass ich alles wiedersehe. Nur die Kollegen, denen ich schrieb, äußern daran deutlich Zweifel. Aber irgendjemand muss jetzt wohl auch angemessen panisch sein.

Herausforderung Drei

Am Flughafen angekommen gehe ich zum Taxistand. Ich versuche verzweifelt zu erklären, was mir grad passiert ist. Und das ist gar nicht mal so leicht. Wenn einem so etwas passiert.

„Ich habe meinen Rucksack in einem Taxi vergessen.“

 „Ah, mit welchem Taxi sind Sie denn gekommen?“

 „Gar nicht. Ich bin mit dem Bus gekommen. Nur mein Rucksack mit dem Taxi.“

Nun ja. Die Reaktionen könnt‘ ihr Euch vorstellen….Und während sich die Taxifahrer hilfsbereit untereinander informieren, lief ich die Warteschlangen ab. Ich sah in mehr als fünfzig Taxen. Wurde fünfzig Mal gefragt, ob ich denn eins brauchen würde. Nein, nein, nein. Ich brauche kein Taxi. Ich brauche meinen Rucksack. Und zwar schnell! Und auch wirklich immer schneller. Denn das Gate schloss nunmehr bald.

Und dann sehen wir uns von weitem! Er mit meinem Rucksack bei den Bussen. Ich ihn suchend bei den Taxen. Dazwischen eine weite Wiese. Grün. Wir laufen uns entgegen. Mit ausgestreckten Armen. Die Vögel zwitschern. Der Himmel färbt sich langsam rosa im aufgehenden Sonnenuntergang. Von irgendwoher ertönen Geigen und Schmetterlinge stoben auf als wir uns vor Freude lachend und weinend vor Erleichterung endlich in den Armen lagen. „Ich wollte Ihnen doch nur helfen…“ stammelt er. „Ich weiß doch…“ sage ich. „Ich weiß.“ Und muss die Szenerie auch schon verlassen, denn mein Flieger wartet nicht.

Und als ich in die Halle eile, springen alle plötzlich auf. Fähnchenschwenkend klatschend jubelnd. Es regnet Konfetti von der Decke. Luftballons sind überall. Das Sicherheitspersonal bildet statt Kontrolle ein Spalier und feuert mich frenetisch an, während ich durch sie hindurch auf der Zielgeraden weiter Richtung Gate marschiere. Ich springe als Letztes in den Flieger und als hinter mir die Türen schließen, geht eine Laola durch die Reihen und die Stewardessen rufen laut: Champagner! Für alle!!

Ja. Ok. Das Ende war jetzt etwas übertrieben. Aber sonst hat es sich genauso abgespielt. Der Anfang. Meiner Reise. Nach Liverpool. Und mein letzter freier Tag.

Sonntags gehen wir in den Zoo

Gestern saß ich im Sonnenschein im Park. Ich saß im Sonnenschein im Park und hörte die Vögel fröhlich zwitschern. Ich hörte sie so zwitschern und schaute runter auf die Arbeit, die ausgedruckt und ausgebreitet in Erwartung vor mir lag. Und mir war mit einmal klar, dass es so nicht weiter geht. Nicht weiter. Hier. Jetzt. So. Nicht einen Satz. Kein Wort und keinen Gedanken. Nichts von alledem. Werde ich mehr schreiben können. Auch wenn das alles ist, was ich gerade tun will. Und nicht weiß, was ich sonst tun soll. Denn ich will doch nur arbeiten. Einfach arbeiten. Und vor allem fertig sein. Ich will endlich fertig sein. Ich will. Ich will. Ich will. Und kann es nicht. Ich kann es einfach nicht. Nicht mehr. Ich kann nicht mehr.

Drum stand ich auf. Packte die Texte sorgsam ein. Schön einen auf den anderen. Und mit ungeahntem Schwung ging ich zur Notfallambulanz. Die Notfallambulanz der psychiatrischen Tagesklinik, die überraschend unweit um die Ecke war. Nur machte mir da keiner auf. Was an sich schon misslich ist. Stellt man sich vor, ich hätte wirklich ein Problem. Und würde hier so stehen. Man stelle sich vor, ich hätte wirklich ein Problem und würde hier so vor verschlossener Tür stehen. Und runter auf die Gleise schauen, die direkt am Haus vorbeiführen. Nicht auszudenken, ich hätte ein Problem. Denke ich so. Während die S-Bahn quietschend schnell heranfährt.

Nun hab ich zum Glück kein Problem und saß daher einfach da. In der Sonne. Ich weiß nicht wie lange. Denn wie weiter, wusst‘ ich auch nicht. Ich wusst‘ nicht mal, was weiter ist. Definiere weiter, Nina. Weiter. Nach vorn? Wohin? Und wozu überhaupt? Ich wusste es nicht. Aber ich kann Menschen fragen. Kluge Menschen. Freundliche Menschen. Menschen, die mich lieben. Und darum rief ich welche an. Und nach ein, zwei Stunden und Gesprächen war mir klar, dass es grad kein weiter gibt. Zumindest nicht für den Moment. Und ganz bestimmt nicht heute. Denn heute geh ich in den Zoo. Mein inneres Kind braucht dringend Auslauf.