Zeilenabstand

Das Telefon klingelte und mein Chef war dran. Das ist soweit nicht ungewöhnlich. Seitdem auch an unserem Institut fast alle von zu Hause aus arbeiten, ruft man eben an statt im Büro vorbeizuschauen. Zu Beginn der Pandemie hat er sogar angerufen, um zu fragen wie es geht. Einfach so. Als Begegnungsmethadon und Ersatz für Flurgespräche. Doch das war im ersten Lockdown. Für solche Einfühlsamkeiten fehlt mittlerweile wohl die Zeit. Wer nun anruft hat Anlass. Und ich erschrecke auch nicht mehr, wenn das Telefon klingelt, was es in diesem Moment tat. 

Erschreckend war nur die Stimmung meines Chefs. Er war wütend. Was nicht oft passierte. Und er war auch noch wütend auf mich. Was zum Glück viel seltener vorkam. Also, eigentlich nie. Was mir einfiele seine Autorität zu untergraben und ihn vor anderen bloßzustellen, war die Frage, auf die ich keine Antwort wusste, weil ich nicht wusste, worum es ihm ging. Es musste der Schriftverkehr sein, der gerade stattfand zwischen ihm und zwischen mir und den Kollegen in cc. Ich hatte einen Vorwurf von mir gewiesen, den Tatbestand in seine Verantwortung überführt und vielleicht, ganz vielleicht war ich in der Wortwahl etwas patzig. Aber ich hatte mich angegriffen gefühlt – vor allen anderen – und mich verteidigt – vor allen anderen, wie ich ihm erklärte. Außerdem fand ich die Ausgangsmail schon unfreundlich, die er mir daraufhin vorlas. 

Liebe Frau Nuthouse, 

hier ist eine Rechnung der Firma AB für das Projekt xy. Das Projekt xy ist abgeschlossen. 

Woraus soll ich das bezahlen?

Herzliche Grüße

Und zugegeben. Wenn man es in der Form und in der Betonung las, war ein direkter Vorwurf vielleicht nicht gleich erkennbar. Und in dieser von ihm gelesenen Realität war meine Reaktion…naja…vielleicht eher am Rande des erwartbaren Spektrums. In meiner Interpretationsweise allerdings vollkommen nachvollziehbar. Nur gelang es mir nicht, ihm das verständlich zu machen. Und schließlich gab ich auf. Ich entschuldigte mich für mein Verhalten und damit war der Vorfall beendet. Eigentlich. Tatsächlich hatte mich der Streit komplett aus der Bahn geworfen und so aufgewühlt, dass ich spazieren gehen musste. Für mich war der Tag gelaufen. Ich fing wieder an mich selbst, meine Wahrnehmung und meine kompensatorischen Skills zu hinterfragen, die aus einer impulsiven, gefühlsgetriebenen Borderlinerin mit überaus geringer Frustrationstoleranz eine weitestgehend besonnene Wissenschaftlerin und geschätzte Kollegin mit adäquaten Führungsqualitäten machte. Einfache Dinge wie:

Genau zu lesen, was in einer E-Mail steht. Anstatt es nur zu fühlen und emotional auf Dinge zu reagieren, die vielleicht dort nicht geschrieben sind. Oder überhaupt zu reagieren, wenn man gerade sehr viel fühlt. Das ist doch die Grundregel! Das oberste Gebot, will man als Borderlinerin im Alltag überleben. Wenn man sich aufregt, egal ob aus nachvollziehbaren oder vollkommen unberechtigten Gründen: NIEMALS ANTWORTEN! Also, natürlich nicht niemals, aber keinesfalls sofort. Und auch nicht zum Hörer greifen. Abwarten so lange es geht oder eben angemessen ist. Und idealerweise entspannt am nächsten Tag antworten. 

Ja. Das weiß eigentlich jeder. Und eigentlich weiß ich das auch. Ich hatte wirklich gedacht, ich wäre weiter. Dann fiel mir ein, mit welcher Wut mein Chef mich vorhin angerufen hatte und ich lächelte. Denn trotz allem bin ich weiter als er. 

17 Gedanken zu “Zeilenabstand

  1. Na ja.. ich finde eher die Reaktion deines Vorgesetzten unangebracht und nicht professionell..
    Das hat hier nichts mit Borderline zu tun!
    Evtl deine Gefühle NACH dem Telefonat- aber das ist deine PRIVATSACHE ❤️

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    1. Danke für Deine Reflexion, Zuzu! Nach etwas Abstand tendiere ich zu einer ähnlichen Wahrnehmung. Andererseits: Nur weil sein Verhalten nicht korrekt ist, heißt es nicht, dass ich nicht versuchen kann besser zu sein. 😉 Aber mir wurde in letzter Zeit öfter von Freundinnen und Therapeutinnen gespiegelt, dass ich etwas zu streng mit der Beurteilung meines Verhaltens bin. Und sich kein Mensch – ob Borderliner:in oder nicht – immer vollkommen ideal in zwischenmenschlichen Dingen verhält. Die größte Baustelle scheint weiter nachsichtig mit mir selbst zu sein.

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  2. Ich frag nur. Keine Ahnung. Ich würde mir Sorgen deswegen machen, wenn ich mir Sorgen um dich machen würde, also wenn wir Freunde wären oderso, und du mir das so erzählen würdest. 😉 Nee, ach, wird schon nicht so sein.

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  3. Ja das Spektrum an normalen Reaktionen ist eigentlich nicht so groß. Aber wir als die, die Großteils ein Leben im Schwanz der Verteilung führen, können über ein Mittelwert oder Median bei Reaktionen nur müde lächeln 🙂 Jetzt könnte man immerhin sagen, dass unser Repertoire deutlich größer ist, als das Anderer. Aber das machts leider nicht besser 😦
    Und ich kann das völlig gut nachvollziehen. Das passiert leider oft. Und wie du sagst, richtig ist, dass man eigentlich nicht antwortet in dem Moment. In 95% (+-) der Fälle tun wir das auch nicht mehr? Dann einfach liegen lassen. Nichts tun. Sich besinnen. Und dann einfach ganz sachlich antworten ohne ein Fünkchen Emotion. Tja, aber dann gibt’s die Fälle wo die Mail/die Aktion einfach ausreicht um uns deutlich über die „70“ zu bringen (ich sag einfachmal die „70“). Und dann is bekanntlich nicht mehr mit logischem Denken.
    Wenn das in dem Moment nicht geklappt würde ich sagen, deine Reaktion war eigentlich ok und angemessen. Das Problem war vielleicht eher, dass an dem Tag schon eine höhere Grundanspannung oder allgemeine Vulnerabilität vorlag? Ich mein die ist vermutlich bei jedem gegenwärtig etwas höher. Von daher möchte ich nur sagen, dass ich es eigentlich auch sehr menschlich finde, dass du hier vielleicht eher eskaliert bist. Du siehst ja, deinem Chef geht es genauso.
    Mir ging das letzte Woche genauso mit meiner Bürokollegin. Mit der verstehe ich mich beruflich als auch privat eigentlich sehr gut. Aber auch mal ganz schön heftig auf was reagiert. Wo sie vermutlich gar nicht verstanden hat, was denn jetzt los ist. Aber halt ein wunden Punkt getroffen in eh schon einer nervigen Zeit.
    Ich hoffe die Emotionen zu dem Vorfall haben sich inzwischen wieder einigermaßen gelegt? Ich wünsch Dir auf jeden Fall einen schönen Start in eine hoffentlich bessere Woche 🙂
    LG

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    1. Haha, Ja. Unser Repertoire ist eindeutig größer als bei anderen. Und das ist auch kein Bug, sondern ein Feature. Wenn man denn stets die Wahl hätte, auf welche Weise man sich aus dem breiten Fächer an Möglichkeiten gerade gern verhalten würde. Leider wird aus dem breiten Spektrum oft ein enger Korridor wird. Je nach Grundstimmung, versteht sich. Und die war, wie Du richtig vermutet hattest, an dem Tag nicht besonders gut. Warum auch immer. Keine Ahnung. Manchmal reicht es schon schlecht geträumt oder geschlafen zu haben und – zack – ist man bei jeder Kleinigkeit auf 70 oder drüber. Auch heute ist wieder so ’nen Tag, an dem in mir so ein wütender, kleiner Troll rumläuft, der alles kurz und klein schlagen will. Existieren manchmal echt anstrengend. Aber, Sappy. Es ist so schön verstanden zu werden. Danke! Ich hoffe, Du konntest das mit Deiner Kollegin auch wieder einrenken? Alles Liebe für Dich! Nina

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      1. Oh je den Troll kenne ich. Vor allem den wütenden. Der ist hier auch schon öfters durch die Wohnung marodiert. Ein Skill der mir ja manchmal was bringt, wenn ich wütend bin ist dieses „Knoten in Handtuch und damit ne Wand einschlagen“ Ding. In der Reha mal ausprobiert 🙂 Da kann man schon ordentlich dampf ablassen und macht nix kaputt. Manchmal reichts, manchmal ists auch zu wenig.

        Ich kann dir versichern, ich verstehe das wirklich sehr gut. Wieder fast erschrecken gut 🙂 Mit meiner Kollegin passt das schon wieder glaub ich. Schwer zu sagen, sehe sie ja kaum dieser Tage wegen dem deppaten Home Office 😦

        LG

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      2. Das mit dem Handtuch klingt nach einer guten Sache! Ich habe tatsächlich diesen Boxsack in meinem Schlafzimmer hängen. Der ist fast so groß wie ich, auch ziemlich schwer und mit MMA-Handschuhen geht da tatsächlich einiges. Das kann ich besonders zu passender Musik auch überaus empfehlen. 😀

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      3. Das klingt tatsächlich ziemlich gut und noch effektiver als das Handtuch Dingens. Das Gute beim Handtuch, man kann sich selbst gar nicht verletzen, egal wie fest man losprügelt. Also so ein Boxsack…..hmm ob das meine Decke überhaupt aushält ;-D

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      4. Bei der Decke muss man wirklich aufpassen und den Balken finden. Habe zum Glück einen Freund, der Architekt ist und sich damit auskennt. Denn das Ding ist wirklich schwer und muss einiges aushalten. Aber Du hast recht. Man kann sich damit auch wehtun. Ohne Handschuhe geht es sofort auf die Knöchel und die Ellenbogen hatte ich auch schon voller blauen Flecken. Das spricht natürlich doch für Handtücher..

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      5. Jo das denk ich mir, und die Bude hier zeichnet sich eh nicht durch ihre solide Bausubstanz aus. 😉
        Ja ich könnte mir auch vorstellen, wenn man mit ordentlich Wut im Kessel dagegen haut ist auch das Handgelenk nicht ganz safe? Aber grundsätzlich glaub ich schon, dass so ein Gerät echt wirklich gut ist. Ich würde in ner Reha wo es das gibt auch sofort ungefragt therapeutisches Boxen belegen 🙂

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    1. Hey!

      Danke! Ja. Mir geht es gut. 🙂 Ich bin zurzeit nur nicht so recht in Schreibstimmung. Und habe entschlossen das ok zu finden.
      Es ist auch nicht so, dass nichts passiert. Aber ich habe gerade mehr Lust es unmittelbar zu leben als über das Schreiben einen Abstand dazu einzunehmen. Aber vielleicht mag ich mit Abstand zu den Ereignissen dann auch drüber schreiben. Schau’n wir mal.

      Ich hoffe, Dir (und Euch) geht auch gut! Trotz aller Widrigkeiten da draußen.

      Alles Liebe
      Nina

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      1. Das beruhigt und freut mich 😊
        Es ist völlig ok nichts zu schreiben! 😊
        Ich wünsch dir viele tolle Momente!

        Danke liebe Nina 😘

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