Vorbereitung

Es ist soweit. Morgen gehe ich zurück zur Arbeit. Und ich freue mich darauf. Nicht wirklich. Aber weglaufen zählt auf Dauer nicht. Oder sich in eine Psychiatrie einsperren zu lassen, um nicht wieder ins Büro zu müssen. Was mir mein charmanter Arzt andeutungsweise unterstellte und natürlich vollkommen falsch ist. Eine grobe Fehleinschätzung. Die ich empört von mir zurückwies. Diese gemeine Unterstellung! Ich meine. Klar. Wer würde nicht lieber in einer psychiatrischen Einrichtung leben, mit einer Vielzahl unterschiedlich und mental mehrfach beanspruchter Menschen auf engstem Raum, in kleinen Zimmer mit schmalen Betten, dünnen Decken, abendlicher Ausgangssperre und drei freien Mahlzeiten minderer Qualität am Tag anstatt täglich ins Büro zu gehen?! Ja. Ok. Ich. Aber das tut auch nichts zur Sache. Morgen geht es ja zurück. Zu anderen mental beanspruchten Menschen auf engem Raum, in kleinen Zimmern eingesperrt, die man dann Büros nennt. Also. So groß sind die Unterschiede gar nicht. Versuche ich mir jetzt zu sagen. Und bestimmt gibt es Kollegen, die sich freuen mich zu sehen. Und darauf bin ich vorbereitet.

Denn es werden viele fragen, ob es mir jetzt bessergeht. Ich nun gesund genesen sei. Wobei wirklich niemand weiß, warum ich denn tatsächlich weg war. „Ich muss ins Krankenhaus.“ ist nämlich ebenso vieldeutig wie nichtssagend und lässt Raum zum Spekulieren. Was mir natürlich durchaus recht ist. Man kann sich gerne etwas denken. Eierstöcke. Gebärmutter. Dünndarm. Dickdarm. Magenschleimhäute. Gallenblase. Nierensteine. Die Auswahl ist groß. Ich habe viele Körperteile! Sucht Euch was aus. Mir ganz egal. Hauptsache nicht den Kopf. So ist das leider. Weiterhin. Nur ein Vorgesetzter weiß, dass es meine Psyche ist. Überlastungserschöpfung, Depression und Burnout. Das habe ich gesagt. Nicht das andere böse B-Wort. Weil das Stigma noch zu groß ist. Viel zu groß. Und ich schäme mich dafür. Nein. Nicht Borderline zu haben, sondern nicht dazu zu stehen. Wenn es schon zur Sprache kommt. Denn wie soll das Image besser werden, wenn wir uns weiterhin verstecken und nur die ganz extremen Fälle das dominante Bild in der Öffentlichkeit darstellen.

Aber gut. Ich mache morgen nicht den Anfang. Denn meine Kollegen geht’s nichts an. Es anzusprechen traut sich keiner, was auch diskret und richtig ist. Und auf die Fragen nach Genesung werde ich einfach ehrlich sagen: Danke. Es geht mir gut. Richtig gut. Und hoffe sehr, das bleibt auch so.  

Ambivalenz mit Aussicht

Ich bin heute etwas traurig. Nachdenklich. Und zwiegespalten. Denn heute ist mein letzter Tag. Die Therapie ist nun vorbei.

Ja. Ich weiß. Das kommt jetzt etwas überraschend. Das war es für die Klinik auch. Für die Psychiater und die Ärzte. Ebenso für‘s Pflegeteam. Aber ich muss zurück zur Arbeit. Dort stehen Termine an, die sich nicht verschieben lassen und mir wirklich wichtig sind. Auch ist sonst gar niemand da, der sie übernehmen könnte. Aufgrund von Krankheit, Kündigungen, Kinderkriegen sind dort alle überlastet und ich kann das einfach nicht. Die anderen im Stich lassen und zudem noch mein Projekt. Ich will niemanden enttäuschen. Und irgendwie auch nicht mich selbst. Und meinen Ruf dort nicht gefährden. Was sich geschrieben komisch liest. Zugegeben. Aber trotz allem meine Angst ist. Ob unbegründet, weiß ich nicht.

Ja. Ich wusste das schon vorher. Stimmt. Das musste ich dort eingestehen. Trotzdem habe ich’s gemacht. Weil ich die Auszeit dringend brauchte; auch wenn es nur vier Wochen waren.

Das Team fand das jetzt nicht so lustig, Das kann ich auch sehr gut verstehen. Ich finde das selber nicht so lustig. Weil ich lieber bleiben würde. Da die Ärzte sehr patent, das Angebot bekannt, doch hilfreich und vor allem unsere Gruppe überragend prima war. Jede für sich bemerkenswert. Sechs spezielle Charaktere mit bewegender Geschichte und besonderen Fähigkeiten, die mitsamt als Störung gelten. Wir haben uns perfekt ergänzt. Das macht den Abschied extrem schwer und mich übermäßig traurig. Auch bin ich in den vier Wochen nicht weiser geworden. Nicht klüger. Und nicht ausgeglichener. Ich borderliner auch nicht weniger. Nur konnte ich ein wenig auffrischen, wie ich damit umgehen kann. Bin etwas achtsamer geworden. Mit mir. Für mich. Und meiner Persönlichkeitsstruktur, die die Aufmerksamkeit braucht. Doch anstrengend ist es weiterhin. Trotzdem. Ich zu sein. An jedem Tag.

Aber der Ernst des Lebens ruft! Höre ich etwas in mir sagen und frage mich, welch‘ konservativer Spießer sich da in mir eingenistet hat und solche Sätze raushaut. Der Ernst des Lebens kann mich mal. Kreuzweise. Wie man so sagt. Das Wichtigste ist, dass es mir gut geht. Und wie soll es besser werden, wenn ich zurück zur Arbeit gehe? Hm? Das fragt sich auch etwas in mir. Und vermutlich nicht zu unrecht. Aber ich hab schon einen Plan! Einen aussichtsreichen. Hoffnungsvollen. Naja. Ok. Er hält mich vom Verzweifeln ab. Und mehr kann man in dieser Lage von einem Plan auch nicht erwarten.

Und sollte der nicht funktionierten, kann ich immer noch zurückgehen. Falls sie mich noch wiedernehmen. Nach dieser Nummer. Da waren sie selbst nicht vollends einig. Auch insgesamt. Sehen sie mich nicht stationär. Aber gut. Wenn ich dorthin nicht zurückdarf, bleibt mir ja noch Offenbach. Dann hab ich die Serie voll! Und starte eine Zweitkarriere. Als Kliniktester. Unabhängig. Unbestechlich. Unvernünftig. Instabil. TÜV-geprüft mit Doktortitel. Das wird toll! Ganz großartig sogar. Denn mit meiner Diagnose nehmen sie mich überall. Einmal. Und vermutlich auch nicht wieder.

Anders

Ich bin hier im gleichen Programm wie in der Hamburger Klinik. Das nennt sich DBT-S.

DBT steht für Dialektisch-Behaviorale Therapie. Sie wurde von der Amerikanerin Marsha M. Linehan entwickelt und gilt als das am besten untersuchte und erfolgreichste Therapieprogramm bei emotional-instabilen Persönlichkeiten. Der dialektische Ansatz dieser speziellen Verhaltenstherapie zielt darauf ab, das vorherrschende Schwarz-Weiß-Denken von Borderliner aufzulösen und schrittweise alternative Sichtweisen und Handlungsstrategien zu etablieren.

Und das S? Ja, das S steht für Sucht. Denn emotional-instabile Menschen wie ich haben Probleme, mit ihren Gefühlen umzugehen und sind davon oft überfordert. Also, ich bin zumindest ziemlich oft überfordert. Und um diese emotionale Überforderung zu bewältigen, nehmen emotional-instabile Menschen wie ich häufig Drogen oder Alkohol. Das kann von gesundheitsschädlichem Missbrauch bis hin zur Abhängigkeit reichen. Und weil das so oft zusammen vorkommt, wurde das DBT-S-Programm entwickelt. Für Menschen wie mich. Borderliner mit Suchtmittelmissbrauch oder Abhängigkeitsproblematik. Das Programm gibt es allerdings nur an drei Orten in Deutschland. In Hamburg, in Offenbach und eben hier. Und auch wenn das Programm das Gleiche ist, gibt es deutliche Unterschiede in der lokalen Umsetzung.

In Hamburg verbringt man die zwölf Wochen stationär. Man isst zusammen. Gemeinsame Mahlzeiten sind Pflicht. Und es gibt sehr viele Regeln, an die man sich zu halten hat: Bettruhe, bei der man das Zimmer nicht verlassen und auch nicht raus zum Rauchen darf. Anwesenheits- und Ausgangszeiten, die strengstens einzuhalten sind. Sonntägliches Wiegen am Morgen und Alkoholkontrolle am Abend. Für alle. Zusammen. Jeden Sonntag. Wie der Tatort. Eins von vielen Rituale, die man fast liebgewinnen kann. Ja. So war das in Hamburg.

Und hier? Hier gibt es auch Regeln und Strukturen. Doch damit nimmt man es nicht ganz genau. Zumindest habe ich nicht viel davon gemerkt. Ich konnte kommen und gehen, wann ich will und wie ich es möchte. Niemand hat je nachgefragt. Nur die Therapie darf man nicht versäumen, von der sehr viel nicht einmal Pflicht ist. Auch Mahlzeiten sind freiwillig, was bei der Qualität des Essens sonst auch nicht zumutbar gewesen wäre. Eher Menschenrechtsverletzung. Das war in Hamburg deutlich besser. Nur weiß ich das erst jetzt zu schätzen. Doch der zentrale Unterschied: Man bleibt hier nicht stationär. Die Behandlung soll möglichst schnell in tagesklinischer Form erfolgen.

Das hat Vor- und das hat Nachteile.

Der Vorteil ist, dass man nicht in der „Käseglocke“ lebt. Nicht dem Alltag aus dem Weg geht, sondern parallel zum Therapieprogramm möglichst viel zu Hause ist. Sowie jedes Wochenende. Die Herausforderungen des individuellen Lebens in die Behandlung einbringt und damit nicht plötzlich konfrontiert ist, wenn man nach langer Zeit zurückkommt. Was zur Überforderung führt und dann meist zu Rückfällen. Rückfälle in alte Verhaltensweisen. Oder zu Alkohol und Drogen.

Doch der Nachteil daran ist: Man ist nicht in der Käseglocke. Kein geschützter Raum, keine Parallelwelt, in der man vom Alltag Abstand nimmt. Das Leben draußen einfach ausblendet. Man fast nichts tun kann und sich um wenig kümmern muss. Außer um sich selbst. Und den Erfolg der Therapie. Zwangsruhiggestellt. Zwangsfokussiert. Das fand ich eigentlich ganz gut. Und für mich auch ziemlich hilfreich. Weil ich nicht funktionieren muss. Es mir nur so erlauben kann.

Drum war ich schon etwas enttäuscht als man mich gleich zu Anfang fragte, wie lange ich denn bleiben wolle. Stationär. Und wann ich denn jetzt wechseln würde. In die Tagesklinik. Und überhaupt. Ob das für mich so richtig sei mit einer stationären Behandlung. Ich wirke ja sehr strukturiert. Organisiert. Und zudem noch recht vernünftig. Wobei der Eindruck nicht mal falsch ist. Tagsüber kann ich absolut und überaus vernünftig sein. Mein Problem liegt eher abends. Wenn meine Gefühle kommen und die Vernunft mit dem Sonnenlicht verschwindet. Und ich so Ideen kriege. Der Sorte dysfunktional, leichtsinnig und ungesund. Daher brauche ich keine Tagesklinik, so sagte ich. Ich bräuchte eher eine Nachtklinik. So wie im offenen Vollzug: „Der Gefangene verlässt morgens die Haftanstalt und begibt sich zu seinem Arbeitsplatz. Nach Beendigung der Arbeit kehrt er unverzüglich in die Anstalt zurück und bleibt dort bis zum nächsten Morgen (…). In der Anstalt kann der Gefangene an den (…) Behandlungsmaßnahmen teilnehmen. (…) Der Gefangene hat sich strikt an die vorgegebenen Regeln zu halten. Alkoholkonsum oder eine verspätete Rückkehr können schnell dazu führen, dass ein Gefangener in den geschlossenen Vollzug verlegt wird.

Ja. Ok. Ok. So guckten die mich auch an. Und mir war schon selber klar, dass das keine Lösung ist. Und man sowas nicht wollen kann. Nicht wollen sollte. Längerfristig. Es sei denn man ist Masochist und zudem noch wenig freiheitsliebend. Was jetzt beides nicht sehr zutrifft. Daher appellierten sie an mich und an meine Selbstverantwortung. Die ich übernehmen soll, anstatt sie an sie abzugeben. Und das sah ich dann auch ein und zog am Freitag grummelnd aus. Nach Hause. In ein langes Wochenende und das auch noch über Silvester. Doch das lief erstaunlich gut. Mit mir und meiner Selbstverantwortung. Trotz Party, Tanz und Möglichkeiten der Sorte dysfunktional, leichtsinnig und ungesund. Die ich, vernünftig wie ich nunmehr bin, wahrnahm, aber ignorierte. So ging ihr Konzept schon auf. Trotzdem wäre ich lieber dort. In der kleinen Käseglockeit mit den anderen Verrückten. Weit entfernt von meinem Alltag und etwas näher bei mir selbst.

And again

Neuzugang: Sie sehen gar nicht aus, als ob Sie Probleme hätten. Warum sind Sie denn hier?

Ich: Ich bin Borderliner. Ich habe sehr viele Gefühle. Und das kann manchmal anstrengend sein.

Neuzugang: Ach, ich kenne Borderliner. Meine erste Schwiegertochter war Borderliner. Das war der hinterhältigste Mensch, dem ich je begegnet bin! Und Satanistin war sie auch.

Ich: Aha. Die Borderliner, die ich kenne, sind eigentlich ganz nett. Empathisch. Einfühlsam. Und so. Hatte Sie denn ’ne Diagnose?

Neuzugang: Sie hat sich nie behandeln lassen. Aber ich hab mich schlau gemacht!

Ich: Das heißt, Sie hatte keine Diagnose?

Neuzugang: Ich hab‘ darüber im Internet gelesen! Borderliner sind hinterhältig und gemein und zerstören alles.

Ich: Ähm, ja. Das ist aber kein Kriterium für Borderline. Und hinterhältige und gemeine Menschen finden sich an sich überall. Sie haben also die Diagnose gestellt?

Neuzugang: Ein so gemeiner Mensch muss doch psychisch krank sein!

Ja. Natürlich. Und natürlich Borderliner.

Ich: Wie viele Semester Psychologie haben Sie denn studiert?

Hmh. Klar. Keins.

Ich hab‘ noch weiter versucht aufzuklären. Aber es schließlich aufgegeben.

Es ist einfach zu ermüdend.

Geben und Nehmen

Ich konnte letzte Nacht nicht schlafen. Mich hat ein Alptraum aufgeweckt, wie so oft in letzter Zeit. Dann bin ich sehr aufgebracht. Nassgeschwitzt mit hohem Puls. Mich zu beruhigen fällt mir schwer. Und Rauchen ist zwar ungesund, doch hilft es mir beim Runterkommen, auch wenn ich Runtergehen muss, was Potenzial zur höheren Erregung hat. Doch das war schon Thema hier.

Auf dem Flur traf ich dann Uwe. Uwe kann nicht essen. Uwe kann nicht schlafen. Weshalb Uwe immer wach ist. Uwe ist todkrank. Im ganzen Körper hat er Krebs und hatte sich schon aufgegeben. Stark mit Wodka therapiert, was ich nachvollziehen kann. Nur lässt sich so nicht operieren, um den Schmerz etwas zu lindern und ein bisschen Zeit zu schinden – bis es endgültig vorbei ist. Und daher ist der Uwe hier.

So traf ich Uwe auf dem Flur. Wie so oft in letzter Zeit. Und ich höre Uwe zu. Uwe erzählt aus seinem Leben. Als Kunstschmied. Als Klempner. Als Schulhausmeister. Auch als Frauenheld und Aufreißer, der er wahrscheinlich einmal war. Auch wenn das schon lange her ist, wenn ich ihn mir jetzt so ansehe. Und ich weiß, das weiß er auch. Uwe erzählt mir dann Geschichten. Die sind mal traurig und mal lustig. Über Schmerz und Schlägereien, von Alkohol und großer Liebe.

Und in der besagten Nacht erzählte Uwe mir vom Meer. Von seiner Zeit als Krabbenfischer. Dem kleinen Boot bei starken Seegang. Der Technik des Fangs. Der großen Körbe. Der Gefahr erwischt zu werden, wenn man in fremden Wassern fischt. Geschichten vom Meer, mit denen ich zurück ins Bett ging. Und die mich wieder schlafen ließen. Die ganze Nacht bis in den Morgen.

Ich höre Uwe gerne zu. Weil es mich ablenkt. Und man mehr nicht für ihn tun kann. Als ihm einfach zuzuhören.

Weihnachtsvariation

Ich habe Weihnachten schon an unterschiedlichen Orten verbracht. Die erste Zeit im Elternhaus. Auf‘m Dorf. Auf‘m Land. Mit großem Baum und langer Tafel und allen möglichen Verwandten, die zu der Zeit auch alle noch am Leben waren. Ich habe Weihnachten in meiner Wohnung gefeiert. Ich habe Weihnachten in den Wohnungen anderer gefeiert. Ich war Weihnachten in Indien. Und in der Wüste in Katar. Ich war Heiligabend in einer Suite im Empire Riverside Hotel. Mit Blick auf die Elbe. Und zwei Straßen weiter in der letzten abgefuckten Punkerkneipe der Hamburger Hafenstraße. Aber ebenfalls mit Elbblick. Und einmal war ich Heiligabend sogar in der Notaufnahme und das auch noch mit Polizeischutz. Ja. Ich habe Weihnachten schon an unterschiedlichen Orten verbracht. Und jetzt ist es halt die Psychiatrie.

Auch habe ich Weihnachten mit unterschiedlichen Menschen gefeiert. Mit meiner Familie. Mit den Familien anderer. Mit Freunden und Bekannten. Was man so Wahlfamilie nennt. Und diesmal sind es eben fünfzehn Menschen auf einer psychiatrischen Station. Eine bunte Zwangsgemeinschaft, die aus diversen Gründen hier ist: Heroin, Alkohol, Kokain, THC und Polytoxe. Wohnungslose, Depressive, Borderliner, Weihnachtsparanoiker. Ja, die gibt es sogar auch und kommen hierher präventiv.

Und ihr werdet es kaum glauben. Das ist alles gar nicht schlimm. Im Gegenteil. Denn hinter Subjektiven und Substanzen stecken interessante Menschen, wenn man sich einmal auf sie einlässt, und die man sonst nur selten trifft. Und erst recht nicht Heiligabend. Doch das Beste daran ist, ich bin mit allen nicht verwandt. So will keiner was von mir. Keine Pflichten. Keine Zwänge. Und auch keine Rituale. Und das hab ich grad gebraucht. So bin ich hier halb kaserniert und in einer Zwangsgemeinschaft, doch fühlte ich mich nie so frei und dabei noch so entspannt an irgendwelchen Feiertagen. Weil ich nichts erwartet habe. Und niemand irgendwas von mir. Und das werd ich beibehalten. Nur dann halt ohne Psychiatrie.

Was und Nichts

Nach meinem Beitrag gestern habe ich Zuschriften erhalten. Diese lassen sich in zwei Kategorien unterteilen: Die einen meinen unglücklich verliebt zu sein, wäre an sich nicht so schlimm. Vielmehr sei es ein hochenergetischer Zustand voll intensiver Emotionen, Wünsche, Phantasien und Schmerz, die man auskosten und sogar genießen kann. Die andere Fraktion ist davon gar nicht weit entfernt. Sie meint unglücklich verliebt zu sein, wäre doch um Längen besser als nicht verliebt zu sein und somit gar nichts zu empfinden.

Ja. Das mag sicher so sein. Nur möchte ich etwas zu bedenken geben:

1. Ich bin Borderliner. Emotionsdisko und Gefühlskarussell sind bei mir schon eingebaut. Das stete Flackern und spontane Vorbeischauen von Hochgefühlen und Tiefbetrübtheit hab ich somit jeden Tag. Und das oft auch noch grundlos. Dazu muss ich nicht verliebt sein. Und schon gar nicht einseitig.

2. Borderliner fühlen angeblich neunmal stärker als andere Menschen. Das kann ich zwar nicht überprüfen. Denn ich kenne nur mich selbst und meine Emotionswelt. Doch folge ich einmal dieser These, ist das, was ihr als intensiv empfindet, für unsereins kaum aushaltbar. Und damit nicht erstrebenswert.

3. Ich bin nochmal in die Psychiatrie gegangen und das über die Feiertage, um Emotionen abzuschwächen und Amplituden auszugleichen. Einen Zustand zu erreichen, der dem, was als Ausgeglichenheit kursiert, zumindest ansatzweise nahekommt. Im Rahmen meiner Möglichkeiten. Mich in einen Modus zu versetzen, der nicht andauernd so viel Kraft kostet, das vieles auf der Strecke bleibt. Zusätzliche Emotionen sind dabei ein Störfaktor, den es zu vermeiden gilt.

Und nochmal zusammengefasst: Ja. Verliebtheit ist was Wunderbares. Da gebe ich Euch vollkommen recht. Nur nicht für mich. In dem Moment. In diesem Jetzt und diesem Hier. Und schon gar nicht in den Falschen und in diesem Fall mein Arzt.

Lernresistent

Seit ich denken kann ist es das Gleiche. In der Schule habe ich mich in meinen Lehrer verliebt. An der Uni in meinen Professor. Im letzten Job in meinen Chef. Und natürlich habe ich mich vor zwei Jahren auch in der Klinik verliebt. In meinen Bezugspfleger und das sogar ziemlich doll. Drum war ich erst einmal erleichtert. Denn alle Pfleger sind hier schwul. So weit, so gut. So dachte ich. Doch dann traf ich meinen Arzt. Und nach dreieinhalb Minuten. Zack. Da war es schon passiert. Verdammt!

Aber diesmal beschloss ich mich zu wehren. Denn die Erfahrung hat bewiesen: Solche Art der Liebeleien führen geradewegs ins Unglück. An der Schule gab es Unglück. Im Job gab es Unglück. An der Uni gab es Unglück. Und bleibt’s bei einer Schwärmerei führt es ebenfalls ins Unglück. Jedoch ausschließlich in meins. Weil ich unglücklich verliebt bin. Und das macht bekanntlich wenig Spaß. Außerdem hab ich hier wirklich anderes zu tun als dauernd an einen Arzt zu denken. Komm, Nina. Nutze die Gelegenheit! Nimm es als Übungssituation. Denn Gedanken kann man steuern, wenn man sich nur richtig anstrengt. Und auch Verhalten lässt sich ändern, wenn man sich redlich stets bemüht. Daher:

Regel Nummer Eins: Versuch ihm aus dem Weg zu gehen. Anstatt noch den dritten Kaffee aus dem Gemeinschaftsraum zu holen, den Du ohnehin nicht trinkst, sie sich in Deinem Zimmer aufreihen, kalt und schwarz, nur um an ihm vorbeizulaufen. (Im Büro war es der Kopierer. Immer wieder. Bis ich alles schon kopiert hatte. Dokumente, leere Blätter. Irgendwann auch meine Hand.) Und treib Dich auch nicht auf dem Flur rum, damit ihr Euch mal kurz begegnet. Nein. Nina. Nein. Lass es einfach. Lass es sein.

Regel Nummer Zwei: Wenn Du ihm dann doch begegnest – was sich nicht vermeiden lässt – schau ihn nach Möglichkeit nicht an. Und schon gar nicht in die Augen. Schau einfach strikt an ihm vorbei und denke an was anderes. Leberwurst. Fußpilz. Atomkrieg. Donald Trump. Irgendwas. Maximal Abstoßendes. Du hast doch Phantasie, Nina. Nutze sie! Nur anders.

Denn Regel Nummer Drei: Hör auf an ihn zu denken. Schon gar nicht abends und beim Einschlafen. Was nicht wirklich einfach ist, wenn man am nächsten Tag Termin hat. Und man sich schön ausmalen kann, was man am liebsten sagen würde, wenn er dann so Fragen stellt. Nach meinem Schlaf. Aktivitäten. Und Privatleben. Nein. Nein. Nein. Lass es, Nina. Lass es sein.

Ja. Ich hab es echt versucht. Und meine Regeln brav befolgt. So liege ich auf meinem Zimmer nach dem letzten Arzttermin, die Gedanken kontrollierend, um die Geste zu vergessen, bei der wir uns nur kurz berührten, da ertönen plötzlich Lieder. Mehrstimmig und handgemacht. Und als ich den Flur betrete, steht da tatsächlich ein Orchester und bringt uns zu Weihnachten Musik. Und wer führt dieses Orchester und spielt dazu ein Instrument und das auch noch so richtig gut? Ja. Natürlich. Mein Arzt. Und alle Regeln, Vorsätze und Restriktionen sind damit vollkommen hinfällig. Nutzlos. Ja. Sie lachen mich sogar laut aus. Und weil jetzt eh‘ alles zu spät ist, habe ich ihn auch noch gegoogelt. Und dann war‘s komplett vorbei.

Denn Arzt ist nur sein Zweitberuf. Vorher war er Schauspieler. Mit einer Ausbildung in Wien, Engagements am Schauspielhaus, Hebbel-Theater, Deutschen Theater Berlin sowie den Salzburger Festspielen. Er erhielt den Nachwuchspreis und war auch noch Dozent der Humboldt-Universität. Sein Studium der Medizin hat er 2013 dann beendet und jetzt, ja, jetzt ist er mein Arzt. Und Widerstand ist zwecklos. Da hilft auch keine Leberwurst und mir selbst kein Fußpilz mehr.

Hochkultur

Es gibt hier eine Raucherecke. Das ist soweit nichts Besonderes. Die gibt es schließlich überall. Allerdings gibt es nur die eine Raucherecke – am Hintereingang der Psychiatrie und rückseitig der Ambulanz. Sie ist überdacht, geschützt, die Aschenbecher meist halbvoll. Halbvoll mit halbgerauchten Kippen, die man weiterrauchen kann. Zudem kommt man ins Gebäude, wo es warm und trocken ist. Und das zieht dann Menschen an. Bestimmte Menschen. Spezielle Menschen. Betrunkene Menschen. Obdachlose Menschen. Betrunkene, obdachlose Menschen. Und die Bewohner dieser Klinik. Die Übergänge sind da fließend. Und aufgrund der Klientel wird Rauchen so zum Abenteuer. Ein soziales Erlebnis mit großem Überraschungsgrad. Ein Übungsgang in Toleranz und Gleichmut und auch nicht immer ungefährlich. Ich sah bereits schon Rangeleien, Urinieren in den Flur, alle Formen von Psychosen – ungehindert ausgelebt, in die man auch mal involviert wird. Zudem kann man belästigt werden. Verbal, physisch und hin und wieder sexuell. All das kann man so erleben, wenn man abends rauchen geht.

Und Sicherheitskräfte gibt es nicht. Niemand der schaut, wer rein und raus geht. Ich habe nochmal nachgefragt. Ja. Das wär schon lange Thema. Nur die Leitung macht halt nichts. Ob ich mich bewaffnen dürfe. Sie Baseballkeulen austeilen könnten, bevor ich nochmal runtergehe. Haha. Ja. Lustig. Nein, das geht natürlich nicht. Und ich fand das auch nicht lustig, denn lustig war es nicht gemeint. Was aber wirklich komisch ist, ist was sie stattdessen tun. Denn statt Security zu nutzen, beschallen sie die Raucherecke jeden Abend mit Musik. Mit klassischer Musik. Subgenre Arien. Die gleichen Arien. Jeden Abend. Und das immer ziemlich laut.

Doch sowas kennt man schließlich schon. Aus Berlin, Hamburg oder Leipzig. Dort wird die gleiche Strategie verwendet, um unerwünschte Menschen von Hauptbahnhöfen zu entfernen. Dies basiert auf einer Annahme, dass klassische Musik beim „ordentlichen Bürger“ Wohlbefinden, bei „un- und fehlsozialisierten“ Menschen Flucht und Unbehagen auslöst. Ein Potsdamer Musikpädagoge geht sogar so weit zu vermuten, dass die Frequenz von Geigen bei Drogenabhängigen als Schmerz erlebt wird. Was natürlich Unfug ist. Und wissenschaftlich nicht bewiesen. Das einzige, das man hier weiß, ist, dass Musik nur ein Genuss ist, wenn sie freiwillig gehört wird und nicht dauerhaft aus Zwang. Was auch als Folter sehr beliebt ist z.B. in Guantanamo.

Das leitet jetzt nur halb gut über, denn so schlimm ist es bei uns nicht. Selbst wenn man sich beim Rauchen anschreit, um die Musik zu übertönen. Einige ausgelassen tanzen, wir alle gleichsam stärker freidrehen und der Irrsinn einen Takt hat. Ja. Es könnte schlimmer sein. Mit Schlagern oder Volksmusik. Klassik stört da eher wenig, nur löst es auch nicht das Problem, der äußerst stark entgrenzten Menschen und täglichen Belästigungen. Und da das Thema schon bekannt ist und die Station sich machtlos fühlt, soll ich es selbst der Leitung melden. Vielleicht passiert dann endlich was. Und das werde ich jetzt machen. Denn kann mir schon keiner helfen, so klappt es vielleicht umgekehrt.

Enttäuschung

Gestern war hier Weihnachtsfeier. Und erst wollte ich nicht hingehen, da ich Weihnachtsfeiern nicht sehr mag. Aber das war nicht irgendeine Weihnachtsfeier. Sondern das Weihnachtsfest der Psychiatrie. In der Krankenhauskantine. Das Weihnachtsfest der Psychiatrie! Das darf man sich nicht entgehen lassen. So dachte ich bei mir. Und ging dann hin. Und war dann da. Doch Überraschung: Es lief alles ganz normal.

Auf nichts kann man sich mehr verlassen.