Souvenirs

Woche 16. Tag 106.

Selbst der schönste Urlaub geht einmal vorüber. Und auch mein betreuter Urlaub ist nach 15 Wochen nun vorbei. Zeit, Bilanz zu ziehen. Nur fällt mir das ein wenig schwer. Doch wie wir Therapierten wissen: Struktur hilft immer! Sei es um aufzustehen und durch den Tag zu kommen, Doktorarbeiten zu schreiben oder Fischstäbchen zu braten. Struktur hilft in jeder Lebenslage. Warum nicht mir bei meinem Text. Und welche Struktur eignet sich besser als der Leitfaden des Abschlusstherapiegespräches:

Frage 1: Welche Therapieziele haben Sie verfolgt? Haben Sie diese Ziele erreicht? Konnten Sie etwas für sich mitnehmen?

Oh ja. Ich konnte einiges mitnehmen: Ein Paar Feenflügel, eine Kampfpilotinnenuniform und einen schwarzen Glitzerhut mit Leuchtdioden. Der kann sogar in drei Intervallen blinken. Therapeutisch war die Ausbeute leider nicht ganz so hoch. Das lag aber nicht an meiner Therapeutin. Sie war fachlich kompetent, engagiert und einfühlsam. Auch machte sie mir zu Anfang klar, dass ich vom standardisierten Therapieprogramm der Suchtklinik nicht viel Neues lernen werde bei meiner ganzen Vorerfahrung. Das war zum Glück auch nicht mein Ziel. Mein Ziel war es vielmehr, meinem Alltag zu entfliehen und in einem geschützten Umfeld mit therapeutischer Begleitung an mir und meinem Herausforderungen zu arbeiten. Und vor allem die Dinge endlich anzuwenden, die ich jahrelang gelernt habe. Die Rahmenbedingungen waren dafür wirklich gut. Dass es mir trotzdem nicht gelungen ist, daran bin ich selbst schuld.

Frage 2: Wie war Ihr Verhältnis zu den anderen Gruppenmitgliedern?

Öhm…gut! Sehr gut. Etwas zu gut, um genau zu sein. Denn in Woche acht habe ich mich in einen Mitpatienten verliebt. Das ist soweit nichts Neues. Bisher habe ich mich immer in der Psychiatrie verliebt. Aber diesmal war es gegenseitig. Und das war schlimm. Ganz schlimm. Noch schlimmer als unglücklich verliebt zu sein. Denn es hat mich nicht nur von mir und meinen Therapiezielen abgehalten, sondern destabilisiert. Zwei instabile Menschen in einer Beziehung sind eben einer zu viel. Was in diesem Fall bedeutete: Ging es ihm schlecht, ging’s mir auch schleicht. Und einem depressiven, latent suizidalen ADHSler geht es nun mal dauernd schlecht. Die zweite Hälfte meines Aufenthalts bestand somit aus den gleichzeitigen und verzweifelten Versuchen, mich um ihn zu kümmern, abzugrenzen, selbst zu schützen und dabei konstant zu verfluchen, dass mir so etwas passiert ist. Aber das hat symbolischen Charakter: Wenn alles gut läuft, verliebe ich mich und das macht alles kaputt.

3) Wie schätzen Sie Ihre Motivation zur Abstinenz ein?

Hoch. Sehr hoch. Schließlich ist es das Einzige, was ich aus den 15 Wochen als Erfolg verbuchen kann: Ich habe seit vier Monaten keinen Alkohol getrunken. Und darauf bin ich stolz. Zumal ich seit einer Woche depressiv zu Hause sitze und wohl so etwas Kitschiges wie Liebeskummer empfinde. Eigentlich die perfekte Versuchsanordnung, um sich mal richtig zu betrinken. Und ich hätte auch Lust, mich zu betrinken. Nur habe ich keine Lust auf Alkohol. Ein echtes Dilemma. Aber wenigstens ein Fortschritt.

Ziemlich beste Freunde

Woche 12. Tag 83.

 Aber ich lerne hier auch etwas dazu. Und ich meine nicht über mich, meine Affinität zu Partyhüten oder „gesunde Ernährung bei Pankreatitis I+II“. Ich meine, nützliche Dinge. Interessante Dinge. Dinge, die ich vorher nicht gewusst habe und von denen ich denke, dass ich sie hätte wissen sollen. Wie die enge Verwandtschaft von ADHS und Borderline. Das war mir tatsächlich neu.

Oder habt Ihr gewusst, dass fünf der neun Kriterien, die für eine Borderline-Diagnose ausreichen, auch auf ADHS-Patienten zutreffen? Dazu gehören instabile zwischenmenschliche Beziehungen, Identitätsstörungen, Impulsivität, affektive Instabilität sowie die erschwerte Kontrolle von Wut und Ärger. Daher fällt es Ärztinnen und Therapierenden häufig schwer, eine „klinische Differenzierung“ vorzunehmen. Oder einfacher gesagt: Es gelingt ihnen nicht immer, die Krankheiten auseinanderzuhalten. Doppel- und Fehldiagnosen sind daher keine Ausnahme. Zudem tritt Borderline oft als Komorbidität, also Folgeerkrankung von ADHS auf. 60 Prozent der Borderline-Patientinnen und Patienten haben demnach in ihrer Kindheit ADHS-Symptome gezeigt. Bis zu 38 % der untersuchten BPSler weisen zudem noch im Erwachsenalter klinisch relevante ADHS-Symptome auf. Demzufolge befinden sich unter Borderlinern wohl zahlreiche ADHS-Betroffene, deren Krankheit nie erkannt wurde. Und ein unerkanntes ADHS hat Konsequenzen. Deutliche Konsequenzen, die ich hier eindrucksvoll beobachten kann.

Denn ADHSler haben ebenfalls einen deutlichen Hang zum Suchtmittelmissbrauch. Wie bei Borderlinern wird der Konsum von Alkohol und Drogen zur Selbstmedikation verwendet, was überaus einleuchtend ist. Schließlich sind Ritalin und Medikenent, zwei der gängigen ADHS-Medikamente, auch nichts anderes als Amphetamin. Ein unbehandeltes ADHS in der Kindheit und Jugend erhöht somit das Risiko für eine spätere Suchterkrankung drastisch.

Und genau deshalb sind viele ADHSler hier. JedeR Fünfte meiner Mitpatientinnen und Mitpatienten soll laut Angaben der Klinik ADHS haben. Das wussten vorher nur die wenigsten. Denn nur einem Bruchteil von 6 Prozent war die Diagnose vor ihrem Aufenthalt bekannt. Das mag zum einen daran liegen, dass der psychiatrische Chefarzt dieser Klinik ein ausgewiesener Spezialist für Erwachsenen-ADHS ist – was wieder auf das Hammer-Nagel-Problem verweist – und zum anderen wird ADHS im Erwachsenenalter erst seit kurzer Zeit überhaupt als Krankheitsbild gesehen.

Bis weit in die 1990er Jahre galt ADHS nämlich als eine Kindheits- und Jugenderkrankung, die sich beim Erwachsenwerden schon irgendwie auswachsen würde. Dem ist aber nicht so. Bei zwei Dritteln bleibt zumindest ein Teil der Symptome dauerhaft bestehen, wobei Hyperaktivität und Impulsivität eher zurückgehen. Bei 15 bis 20 Prozent setzt sich allerdings die komplette ADHS-Symptomatik fort, die bisher bloß nicht erkannt wurde. Und neben dem Suchtmittelmissbrauch entstehen daraus eine Vielzahl von Problemen: Ausbildungsabbrüche, dauernde Arbeitsplatzwechsel, diskontinuierliche Beziehungen, Schulden, Straffälligkeit und schwere Selbstwertstörungen. Aufgrund ihrer unbehandelten Krankheit bleiben ADHSler nämlich weit hinter ihren intellektuellen Möglichkeiten zurück, weshalb sie sich als Versagerinnen und Versager fühlen. Dass Depressionen (40%) und Angststörungen (30%) neben der Sucht (30%) zu den häufigsten Komorbiditäten gehören, überrascht daher auch nicht.

Und erst hier und mit der Diagnose wird den Leuten plötzlich klar, warum sie sich immer anders gefühlt haben, es im Leben schwerer hatten und einfach nicht so funktionieren konnten, wie sie es wollten oder es erwartet wurde. Ihr kennt das vermutlich. Dieses gemischte Gefühl aus Erleichterung und Überforderung bei der Diagnose. Gegenüber Borderline hat ADHS allerdings den großen Vorteil: Es lässt sich medikamentös sehr gut behandeln. Und das gibt den Menschen Hoffnung.

Und mit meinem neuen Wissen wurde mir nun auch klar, warum meine besten Freunde hier – mit einer Ausnahme – alle ADHS haben. Wir sind Geschwister im Geiste oder der geistigen Krankheiten und uns in vielen Dingen ähnlich. Gerade deshalb möchte ich an dieser Stelle wie bei Borderlinerinnen und Borderlinern auch von einer Beziehung zwischen beiden vehement abraten. Leider höre ich nie auf meine Ratschläge.

 

 

Quellen

ADHSpedia: Selbstwahrnehmung von ADHS-Betroffenen. https://www.adhspedia.de/wiki/Selbstwahrnehmung_von_ADHS-Betroffenen

Allroggen, Marc (2016): ADHS und Persönlichkeitsstörungen – Entwicklungswege und Differentialdiagnose. Vortrag beim 8. Kinder- und Jugendpsychiatrischen Nachmittag. https://www.uniklinik-ulm.de/fileadmin/default/Kliniken/Kinder-Jugendpsychiatrie/Praesentationen/MA_2016_06_08_KJPNachmittagADHS.pdf

Goddemeier, Christof (2011): Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS): ADHS wächst sich nicht aus. In: Deutsches Ärzteblatt, 5/2011. https://www.aerzteblatt.de/archiv/89284/Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitaetsstoerung-(ADHS)-ADHS-waechst-sich-nicht-aus

Gschwind, Andreas (2015): ADHS oder Borderline? Vortrag auf Mitgliedertagung der Schweizerischen Fachgesellschaft ADHS. https://www.sonnenhalde.ch/download/S3hT_NDF78E/ADHS%20oder%20Borderline,%20Gschwind%20Andreas,%20Tagung%2012.3.2015.pdf

Philipsen, Alexandra (2013): Komorbidität der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung und Borderline-Persönlichkeitsstörung – Implikationen für die Behandlung. In: Psychotherapie, 2013/18. https://cip-medien.com/wp-content/uploads/10.-Philipsen.pdf

Schön Klinik (2019): ADHS bei Erwachsenen. https://www.schoen-klinik.de/adhs-bei-erwachsenen

 

 

 

 

 

Nüchtern betrachtet

Woche 14. Tag 93.

Nach den vergangenen Weihnachtstagen habe ich nun Silvester ebenfalls in dieser Einrichtung verbracht. Der zentrale Unterschied beider Feiertage ist, dass die meisten Menschen hier Weihnachten nach Hause fahren dürfen. Es sei denn, man wurde gerade erst aufgenommen oder man hat keine Familie oder Freunde, die man besuchen kann und will. Zurück bleibt dementsprechend ein kleines Grüppchen meist mehr und selten weniger deprimierter Menschen sowie zwei bemühte Angestellte, die versuchen weihnachtliche Stimmung aufkommen zu lassen. Dies erfolgte Heiligabend in Form eines nachmittäglichen Kaffeetrinkens bei Stollen und Gebäck, welches durch das gemeinsame Singen von Weihnachtsliedern aufgelockert werden sollte. Ein Patient spielte dazu Akkordeon, was tatsächlich ziemlich gut war. Denn so ging beinahe unter, dass fast niemand mitsang. Auch wurden Gedichte und Geschichten vorgelesen, was ebenfalls sehr gut war. Denn ich hatte mich freiwillig gemeldet. Und wer wünscht sich nicht an Heiligabend vor sechzig niedergeschlagenen Suchtkranken einmal etwas vorzulesen? Ich für meinen Teil hatte tatsächlich annähernd Spaß und die Geschichte sogar eine Botschaft, von der ich allerdings nicht weiß, ob sie angekommen war. Von derlei Höhepunkten abgesehen hatte die Veranstaltung großes Potenzial. Das Potenzial ohnehin schon deprimierte Menschen weiter herunterzuziehen. Hier half nur die richtige Einstellung, nämlich ironische Distanz, sowie ein Mietwagen, um die weiteren Weihnachtsfeiertage Freundinnen und Freunde auf Heimaturlaub zu besuchen. Und das war auch richtig schön.

Aber Silvester war ganz anders. Denn Silvester müssen alle hierblieben. Und wessen PartnerInnen, FreundInnen und Verwandte mit ihren internierten Angehörigen feiern möchten, müssen dann halt herkommen. Deshalb wird es meistens voll. Und deshalb gibt es eine Party mit exzellentem Buffet, Dancefloor und DJ, einer Cocktailbar – ohne Alkohol versteht sich – , Bleigießen, Geschicklichkeitsspielen mit Preisen sowie ein großes Feuerwerk. So weit, so gut. Dachte ich. Und es war auch etwas gut. Aber auch wieder sehr lehrreich. So wie fast alles irgendwie auch lehrreich ist. Und meine Erkenntnisse der Nacht sind:

  • Ich feiere lieber als einzig Nüchterne unter zahlreichen Betrunken als nüchtern unter Nüchternen.
  • Man sollte die Leute weise wählen, mit denen man feiert. Gerade wenn man nüchtern ist. Sofern man denn die Wahl hat.
  • Die beste Musik nützt gar nichts, wenn das Publikum verkehrt ist.
  • Und auch vollkommen nüchtern kann man am nächsten Tag einen veritablen Kater haben.

Ja. Letztes stimmt tatsächlich. Vielen ging es heute so. Und das Phänomen des „nüchternen Katers“ ist schon hinlänglich bekannt. Doch vollkommen unabhängig, ob ihr heute nüchtern verkatert, verkatert verkatert seid oder Euch frisch fühlt wie der Morgentau: Ich wünsche Euch ein in jeder Hinsicht befriedigendes und erfülltes neues Jahr. Oder wie meine verstorbene Urgroßtante immer sagte: Möge es uns nie schlechter gehen! Und besser als die Weihnachts- und Silvestertage dürfte leicht zu schaffen sein.

Vollprofi

Woche 12. Tag 84. 

Morgen ist Heiligabend. Und ich werde ihn hier auf dem Zauberberg verbringen. Doch das finde ich nicht schlimm. Denn Weihnachten ist eines der wenigen Ereignisse, bei der ich die Vorfreude stets mehr genieße als das Fest an sich. Das war zwar nicht immer so. Aber es wird ohnehin nie mehr so, wie es mal war. Von daher kann’s auch anders sein. Ob mit der Mutter in Berlin, mit Freunden in der Hafenkneipe oder in einer Psychiatrie auf einem Berg in Baden-Württemberg. Ich mag Abwechslung. Hauptsache man ist nicht allein und hat angenehme Menschen um sich. Und die hab‘ ich hier tatsächlich auch.

Zudem habe ich Post bekommen. Ein Paket von meiner Mutter, eines von meiner Schwägerin und meinem Bruder, eins von einer liebsten Freundin und – tatsächlich – eins kam auch aus dem Büro. Von meinen Arbeitskolleginnen und -kollegen. Und vor lauter Überraschung habe ich’s schon gleich aufgemacht. Darin war eine Weihnachtskarte mit persönlichen Widmungen von einer Vielzahl von Personen, was mich überaus berührte. Hauptteil des Geschenks war jedoch eine stehende, fast 15 Zentimeter große Weihnachtsmannweihnachtsdose in Rot mit weißem Rauschebart, die mich freundlich, aber trotzdem leicht verstörend anlächelte. Seine fette rote Weihnachtsmannweihnachtsmütze war gleichzeitig auch der Deckel und als ich diesen zaghaft lupfte, quoll aus dem Weihnachtsmanndosenmann nicht nur Schokolade, sondern ein ganzer Schwall bunter, zusammengefalteter Zettel hervor. Etwa 50 an der Zahl, denn ich habe nachgezählt. Sie waren in vier Farben mit vier vorgedruckten Titeln, die man dann beschriften konnte: „Ich wünsche Dir…“, „Erinnerst Du Dich noch an…?“, „Ich schätze an Dir besonders…“ und „Mein Buch oder Podcast-Tipp“. Ich las sie alle. Und ganz vielleicht habe ich dabei etwas geweint.  Auf jeden Fall hatte ich sehr viele Gefühle, als ich die Zettel auseinanderfaltete und sah, was meine KollegInnen mir wünschten und zudem noch an mir schätzen. Zum Beispiel „Deine Ehrlichkeit und Deinen Scharfsinn“, „Dass Du den Mut hast, die Dinge geradeheraus anzusprechen“, „Deinen feministischen Support“, „Dein offenes Ohr und treuen Beistand“, aber auch: „Deine Scharfzüngigkeit! (Auch wenn ich Dich mit etwas weniger genauso schätzen würde.)“, „Deine direkte und offene Art“, Deine schamlose Direktheit, wenn niemand sonst den Mund aufmacht.“ oder „Deine Art, um ein fachliches Ergebnis zu streiten.“

Und ich fing an nachzudenken. Waren das wirklich gute Dinge und waren die auch gut gemeint? Oder ist es verkappte Kritik? Außerdem haben viel mehr Leute die „Ich wünsche Dir…“ als die „Ich schätze an Dir…“-Karten ausgefüllt. Wissen die gar nichts an mir zu schätzen? Gibt es nichts an mir zu schätzen? Und überhaupt. Was ist mit denen, die gar nichts geschrieben haben? Mögen die mich alle nicht und sind heilfroh, dass ich weg bin? Wollen die nicht, dass ich zurückkomme? Vielleicht sollte ich auch nicht zurückkommen, wenn mich eh‘ dort keiner mag und…

Genau. In Abwertung bin ich ein echter Vollprofi. Zum Glück habe ich es selbst gemerkt. Und es wäre beinahe lustig, wenn ein Teil von mir einen Teil von dem nicht glauben würde. Ganz besonders die Kritik im formulierten Kompliment. So schön sie auch verpackt sein mag. Gerade jetzt zu Weihnachten.

Sammelalbum

Woche 11. Tag 73.

Am Montag hat meine Bezugstherapeutin gesagt, ich sei anstrengend.
Am Mittwoch gab mir die Kunsttherapeutin zu verstehen, ich sei sehr anstrengend.

Vielleicht sollte ich ein Sammelalbum anlegen.
Auch wenn ich sicher keinen Preis bekomme, wenn alle Therapierenden darin sind.

Zudem sollten die sich nicht so anstellen.
Sie sehen mich nur ein paar Stunden die Woche. Ab Mitte Januar sind sie mich los.
Ich habe mich rund um die Uhr. Und das hingegen lebenslänglich.
Und einen Preis gibt’s dafür auch nicht.

Transformation

Woche 8. Tag 50.

Ja. Therapie ist auf Veränderung ausgelegt.

Dass ich lustige Spieleabende mit Partyhüten organisiere, war damit aber nicht gemeint.

Ich hoffe, meine Freunde erkennen mich noch wieder, wenn ich zurück bin.
Ich werde mir selbst schon ganz fremd.

Schein und Sein

Woche 10. Tag 67.

Stark und stabil zu sein, ist schön. Stark und stabil zu wirken, hingegen nicht so sehr. Es ist sogar ziemlich unpraktisch. Denn alle kommen mit ihren Sorgen und Problemen und niemand fragt, wie es Dir geht. Und falls doch mal jemand fragt, dann nur um zurückgefragt zu werden, und mittlerweile weiß ich, in den meisten Fällen geht es schlecht. Und das zieht Energie. Viel Energie. Energie, die ich für mich bräuchte.

Ok. Natürlich bin ich selbst schuld. Zum einen bin ich Gruppensprecherin und damit per definitionem für eine gewisse Form von Anliegen meiner Mitpatientinnen und Mitpatienten zuständig. Und zum anderen bin ich natürlich wieder mit genau den Menschen befreundet, die die größten psychischen Herausforderungen haben. Ich weiß nicht, warum. Irgendwie scheinen wir uns anzuziehen. Und selbstverständlich ist es meine Aufgabe, mich vor Vereinnahmung zu schützen, meine Grenzen zu beachten und Rücksicht auf meine Gefühle zu nehmen. Sonst macht es auch keiner.

Daher habe ich schon überlegt, vor meiner Gruppe einen Nervenzusammenbruch zu simulieren, so dass alle merken, dass ich auch sensibel und verletzbar bin. Oder mich das ganze Wochenende in meinem Zimmer einzusperren, das Telefon auszuschalten und mich einfach nur um mich zu kümmern. Denn dafür bin ich schließlich hier.

Aber ich bin der festen wie grundlos positiven Überzeugung, dass man aus jedem Mist auch immer etwas lernen kann. Oder wie man in der Psychiatrie zu mir sagte: Nehmen Sie das als Übungssituation. Und das mache ich jetzt auch. Nur bisher noch nicht erfolgreich.

 

Reifegrad

Woche 9. Tag 61. 

Renate Schmidt, ehemalige Familienministerin der SPD, wurde jüngst in einem Interview der ZEIT zitiert:

„Mit zwanzig wollte ich den Männern gefallen. Mit dreißig wollte ich besser sein als sie. Mit vierzig waren sie mir egal.“

Gut. Am letzten arbeite ich noch.

Aber bis vierzig habe ich noch Zeit.
Und mein aktuelles Umfeld scheint der perfekte Übungsort.

 

Traumatherapie

Woche 9. Tag 58. 

Borderline entsteht häufig durch Traumata in der Kindheit und Jugend. Nun, ich habe keine Traumata. Das dachte ich zumindest immer. Daher stünde es mir auch nicht zu, Borderline zu haben. Meine Kindheit war nämlich eigentlich ganz schön. Das dachte ich zumindest immer bis ich Psychoanalyse machte. Danach war meine Kindheit nicht mehr ganz so schön; doch Traumata hatte ich noch immer keine – am Ende dafür Borderline. Das hielt bis zur letzten Therapie. Dort wollte man mit mir nicht mehr über Borderline reden. Man wollte auch nicht, dass ich mich so bezeichne. Ich sollte über meine Traumata sprechen. Das ist natürlich nachvollziehbar. Die Frau war Traumatherapeutin und jeder befasst sich lieber mit den Dingen, mit denen man sich auskennt. Oder wie das „Law of the instrument“ stark zusammengefasst sagt: Wenn Dein einziges Werkzeug ein Hammer ist, sieht jedes Problem wie ein Nagel aus.Daher habe ich jetzt nicht nur eine schlimme Kindheit, sondern auch noch Traumata. Wenigstens kommt es mir damit nicht mehr so anmaßend vor Borderline zu haben, denn das habe ich noch immer. Allerdings wäre es von den Therapeutinnen auch nett gewesen, Kindheit und Trauma zu bearbeiten, anstatt mich entweder als untherapierbar zu entlassen oder in stationäre Behandlung weiterzureichen. Aber gut. Jetzt bin ich hier. Und in Sachen Traumata mache ich wirklich große Fortschritte.

Nehmen wir den Sport. Ich habe Sport früher gehasst. Vor allem den Schulsport. Denn ich mache nicht gerne Sachen, in denen ich nicht gut bin. Zumal andere es auch nicht gerne sehen, wenn man Sachen macht, in denen man nicht gut ist. Denn dann wird man gehänselt und stets als Letzte ins Team gewählt. Darum habe ich Sport lange gehasst. Und bis heute mache ich ihn nicht gern in Gruppengrößen, die mehr Personen als mich umfassen.

Doch hier habe ich keine Wahl. Wir haben sechs Stunden Sport die Woche im Programm und natürlich findet der in Gruppen statt. Und was soll ich sagen, ich gehöre hier zum Spitzenfeld. Klar. Unter den Blinden ist die Einäugige bekanntlich König. Aber ich lerne auch ganz neue Sachen über mich. Zum Beispiel, wenn ich mich flach mit dem Bauch auf den Boden lege und die Arme seitlich im rechten Winkel vom Körper mit den Handflächen nach unten von mir strecke, schaffe ich es tatsächlich mit meinem linken Fuß an die rechte Hand zu kommen. Das ist toll, oder? Ja. Ich bin auch total begeistert. Nur nützt einem das im Alltag wenig. Aber, egal. Mein Schulsporttrauma ist geheilt. Und das gibt doch ein wenig Hoffnung, dass Therapien was ändern können.

Semantik und das gute Leben

Woche 5. Tag 34. 

Letzte Woche hatte unsere Gruppe eine Vertretungstherapeutin. Dazu muss man wohl wissen, dass alle Patientinnen und Patienten dieser Klinik in Gruppen eingeteilt sind. In Kurzzeit oder Langzeit, nach stoffgebundenen und nicht-stoffgebundenen Süchten sowie nach anderen Kriterien, die sich mir nicht ganz erschließen. Und den meisten Therapeuten auch nicht, denn ich habe nachgefragt. Dementsprechend ist meine Gruppe ein Sammelsurium an Menschen, die erkennbar nichts gemeinsam haben. Nicht Suchtmittel, nicht Alter, nicht Bildungsgrad, nicht Arbeitsmarktintegration, psychische Krankheiten oder Komorbiditäten. Der kleinste gemeinsame Nenner scheint zu sein, dass wir alle hier, irgendwie süchtig und zusammen in dieser Gruppe sind.

Und jede dieser Gruppen hat eben eine Bezugstherapeutin. Aufgabe der Therapeutin ist es, neben den ein- bis zweiwöchentlichen Einzelgespräche die täglichen Gruppentherapiesitzungen zu leiten. Ja. Ihr habt richtig gelesen. Tägliche Gruppentherapie. Und diese Sitzungen dauern bis zu einhundert Minuten. Und wenn Ihr denkt, dass klingt jetzt lange, kann ich nur sagen, ich wusste gar nicht, wie lange einhundert Minuten sein können.

Und letzte Woche hatten wir nun eine Vertretungstherapeutin. Ich kannte sie bereits aus einer Achtsamkeitsübung, die von den Therapierenden reihum geleitet wird. Und vielleicht lag es an dem knubbeligen Kassettenrekorder, mit dem sie den Raum betrat. Daran, dass sie sich seufzend in den Lehnstuhl fallen ließ, nachdem sie ihn eingesteckt hatte. Oder regungslos verweilte, während das Tonband ihre Arbeit machte und sie danach wortlos verschwand. Was auch immer es war. Es hatte Eindruck hinterlassen. Und der setzte sich fort, als sie in unseren Stuhlkreis fragte, ob es etwas zu besprechen gäbe. Und da dem nicht so war, umgehend einen Zettel als Hausaufgabe verteilte, und wiederrum sofort verschwand. Der Zettel trug den Titel „Satzanfänge für gutes Leben“. Darauf waren 30 Halbsätze, die man vervollständigen kann. Sätze wie:

1. Auf meinem Grabstein soll irgendwann einmal stehen:
2. Drei Dinge, die ich tun würde, wenn heute mein letzter Tag wäre:
3. Drei Dinge, die ich tun würde, wenn ich nur noch ein halbes Jahr zu leben hätte:
6. Ein Mensch, von dem ich mir gern „eine Scheibe abschneiden“ würde, ist…
7. Gut mit mir selbst umzugehen bedeutet vor allem:
9. Wenn ich mir ein Zeitalter aussuchen könnte, in dem ich gern gelebt hätte, dann wäre das…
12. Daran ein Mann/eine Frau zu sein gefällt mir:
13. Wenn ich dem anderen Geschlecht zugehörig wäre, würde mir daran gefallen, dass…
16. Für meine Zukunft wünsche ich mir vor allem, dass…
18. Es würde mich freuen, wenn andere irgendwann einmal über mich sagen würden, dass…
22. Wenn ich noch einmal 18 wäre, würde ich…
26. Wenn ich jemanden hätte, der mir alle lästigen Pflichten abnehmen würde, verbrächte ich mehr Zeit mit…
30. Der Menschen, der ich gerne wäre, würde öfter…

Und obwohl ich sicher war, dass es niemals jemand kontrollieren würde, machte ich diese Hausaufgaben. Manche Sätze fielen mir leicht. Zum Beispiel, was auf meinem Grabstein stehen sollte. Da konnte ich mich kaum entscheiden, bei den ganzen Möglichkeiten. Daher die Top 3: 1) Geschafft!! 2) Guckt doch nicht so. 3) Wenn möglich bitte wenden. In welchem Zeitalter ich gern gelebt hätte, war mir auch schon immer klar: Im Berlin der 20er Jahre. Nur ohne Nazis. Und die 30er danach. Über die Frage, was mir daran gefällt eine Frau zu sein, musste ich schon länger nachdenken: Mehr Orgasmen zu haben. Sowohl Röcke als auch Hosen im Büro tragen zu können. Sowie Nagellack und Make-up, ohne schräg angeguckt zu werden. Ja. Insgesamt mehr gesellschaftlich akzeptierte Formen des visuellen Ausdrucks zu haben. Doch da hört es auch schon auf. Andersherum war nicht genug Platz auf dem Zettel, um alle Vorteile aufzulisten, die damit einhergehen ein Mann zu sein: Mehr Geld für gleiche Arbeit zu bekommen. Eine Familie ohne Karriereknick zu gründen. Kein Gegenstand dummdreister Anmachen oder sexistischer Kommentare und Übergriffe zu sein. Nicht zu menstruieren. Keine Wechseljahre zu haben. Dass die Gesellschaft nicht über meinen Körper entscheidet. Und so weiter und so fort.

Bei vielen Sätzen wusste ich aber keine Antwort: Was ich mir für die Zukunft wünsche, wonach ich Sehnsucht habe, was ich in meinen kühnsten Träumen täte, wann ich das letzte Mal gerührt war oder machen würde, wenn ich nur noch ein halbes Jahr zu leben hätte. All das wusste ich nicht. Vielleicht weiß ich auch deshalb nicht, wie ein gutes Leben geht. Aber von wem ich mir „eine Scheibe abschneiden“ würde, das wusste ich sofort: der Vertretungstherapeutin. Denn in maximaler Arbeitsminimierung ist sie mein neues Vorbild.