Drinnen und Draußen

Man stellt sich das so schön vor. Tagelang keine Termine. Ausgedehnte freie Zeit ohne Bindung und Verpflichtungen, die man mit sich verbringen kann. Draußen scheint sogar die Sonne und zu einem durch’s Fenster rein. Man hört die gutgelaunten Vögel zu dem so vertrauten Rauschen an Geräuschen dieser Stadt. Man selbst sitzt wohlgemut am Schreibtisch, motiviert und hoffnungsvoll: Mal so richtig was zu schaffen und dadurch gar Zufriedenheit. Nichts, was ablenkt und zerstreuen kann. Nur man selbst mit sich allein.

Wenn da nicht der Kopf wäre. Der sich unvermittelt meldet und mir sagt, ich wäre einsam statt allein. Wie ein Astronaut im Weltall, bei dem die Funkverbindung abreißt, während die Erde sich entfernt. Die Sonne scheint jetzt nicht mehr freundlich. Vielmehr scheint sie mich auszulachen. Und auch der Gesang der Vögel wird zum Lied aus Spott und Hohn. Weil sie draußen fröhlich sind und ich hier drinnen, ich bin allein. Doch ich lass mich nicht verlachen. Ich will mein Leben nicht verpassen. Also muss ich raus. Raus in dieses Draußen.

Aber draußen sind die Menschen. Vielerorts gar dichtgedrängt. Und was sonst schon nicht so schön ist, wird durch das bekannte Virus psychisch zur Belastung. Im Supermarkt. Im Park. Überall sind Menschen. Familien machen Ausflüge. Paare werden ziemlich zärtlich auf öffentlicher Stadtmöblierung. Und Freundeskreise feiern Picknicks laut in den lokalen Grünanlagen. Und der zur Schau gestellte Frohsinn, mag er auch vernunftslos sein, spiegelt meine Einsamkeit als facettenreiches Zerrbild von verpassten Lebenschancen gnadenlos auf mich zurück. Also muss ich wieder rein. Zurück in meine Wohnung. Während die Sonne weiter scheint wie ein Versprechen, dass sich für mich an keinem Ort erfüllt. Nicht drinnen. Nicht draußen. Nirgendwo will ich gern sein. Weil mein Verstand immer dabei ist und der ist gerade nicht mein Freund.

Ja. Man stellt sich das so schön vor. An vielen Tagen stimmt es auch. Dann gibt es noch die anderen Tage. Und die sind dieses Borderline.

Wir hatten ja nichts

Ich mag Menschen. Ich mag Menschen sogar sehr. Ich kann sie nur nicht so gut um mich haben. Zumindest nicht immer und die ganze Zeit. Oder wie ich schon mal schrieb: Gesellschaft zu brauchen und nur bedingt ertragen zu können, ist eine der fieseren Paradoxien meiner Persönlichkeitsstruktur. Daher mag ich soziale Medien ebenfalls sehr. Man hat Menschen um sich rum, aber auf sichere Distanz. Man kann zusehen, wie sie diskutieren, flirten, streiten oder scherzen. Das ganze Spektrum menschlicher Verhaltensweisen bildet sich auf ihnen ab. Und man kann sich einbringen oder es lassen. Alles kann, nichts muss. Ein digitaler Swingerclub. Nur für Kommunikation. Doch das Beste daran ist: Man ist immer in Gesellschaft und trotzdem stets für sich allein. Und was sonst schon extrem praktisch war, wird gerade essentiell. Denn als Einpersonenhaushalt ist man nun dauerhaft allein. Was nach einer gewissen Zeit sogar für mich nicht allzu schön ist. Nur Kontakt zur Kernfamilie ist gerade noch erlaubt. Nur bin ich selbst die Kernfamilie. Und trotz diverser Streitigkeiten, die kommen auch in den Besten vor, wird das irgendwann mal fad. So verbringe noch mehr Zeit mit mir halbwegs fremden Menschen in eben diesem Internet. Bei Twitter, um genau zu sein. Das ist das Medium meiner Wahl. Doch das hat auch seine Tücken. Ich meine nicht die rechten Trolle, Shitstorms oder Mansplainer, die einem dort dauerhaft begegnen. Nicht die Besserwissser, Selbstdarsteller oder Hater. Nein. Ich meine etwas anderes. Lasst mich das kurz illustrieren:

@pixieapfelbaum, 19. März: Ich am Anfang der Iso „Oh man ich werde SO auf meinen Körper achten und die Zeit dafür nutzen richtig zu entgiften und Sport zu machen“ Ich nach 4 Tagen „Schon neun Uhr wie schmeckt wohl Gin im Kaffee?“

@FJ_Murau, 21. März: Quarantäne-Daydrinking: Bund- oder Ländersache? Oder einfach nur grobe Richtlinien vom RKI?

@bergdame 21. März: Warum steht eigentlich auf keiner dieser Notfall-Vorratslisten „viel Wodka“ an oberster Stelle? Da stimmt doch was nicht.“

 @wortgucker, 23. März: Aber was machen wir, wenn das Bier alle ist?

@FabienneHurst , 24. März: „Ab wie vielen Tagen self isolation macht ihr euch genau so viele Sorgen um eure Leber wie um eure Lunge?“

 @Steonato, 25. März: „Wenn man in „Homeoffice“ nur acht Buchstaben verändert, steht da „Gin-Tonic“.“

@frank_opitz, 27. März Spült ihr das Weinglas eigentlich zwischendurch mal oder zieht ihr durch?

Ja. Das Internet ist ein Spiegel der Gesellschaft. Und Alkohol gehört in unserer Gesellschaft normativ dazu. In dieser Situation erst recht, wie es scheint. Und, nein. Die Zitierten sind keine Drogis, Druffis oder irgendwelche prekären gesellschaftlichen Randgruppen. Das sind Journalistinnen, Wissenschaftler, Autorinnen und Kulturschaffende. Also, nicht gerade der schlechte Umgang, vor dem mich meine Eltern immer gewarnt haben. Aber Alkoholkonsum ist ohnehin bei Akademikerinnen und Akademikern überdurchschnittlich hoch und gehört in ihrem Selbstverständnis zum „guten Lebensstil“ dazu. Trotzdem. Solche Tweets zu lesen, das macht etwas mit mir. Und zwar auf verschiedenen Ebenen.

Ich mache mir Sorgen um die Leute. Wenn sie nur annähernd so viel trinken wie sie schreiben, haben sie bald ein Problem. Ein Problem, das ich gut kenne. Und wer Anhänglichkeit doof findet, wird Sucht auch nicht sehr zu schätzen wissen. Die wird man nämlich niemals los. Wirklich nicht. Das leitet mich zum nächsten über: Derlei Botschaften triggern mich gewaltig. Man muss sich das so vorstellen: Man ist zu Hause eingesperrt. Wochenlang. Ohne menschlichen Kontakt. Berufliche Beziehungen sind auf Mails, Telefonate und Videokonferenzen reduziert. Kurz: Würde ich die perfekte Situation für einen Rückfall konstruieren wollen, sie würde wohl exakt so aussehen. Keiner sieht es. Keiner kriegt es mit. Ich habe keine Verpflichtungen und muss niemanden Rechenschaft ablegen. Das ist verführerisch. Hinzu kommt noch die Einsamkeit. Gegen die hat Alkohol mir immer gut geholfen. Ja. Abstinenz fiel mir schon leichter. Was mir aber hilft, ist eben nicht allein zu sein. Schließlich gibt es nicht nur fremde Menschen im Internet, sondern Freundinnen und Freunde, viele Telefonate und lange Abende auf Skype. Und ich wünsche allen, dass sie ebenso viel Unterstützung haben. Denn auch mit diesen Schwierigkeiten bin ich sicher nicht allein.

 

Privilegien

Es fiel mir schwer diesen Text zu schreiben. Denn es geht mir gut. Recht gut sogar. Und ich weiß, dass es vielen anders geht. Viele haben Existenzangst, weil die Aufträge ausbleiben, sie ihre Geschäfte schließen müssen oder um ihren Job bangen, falls der nicht schon gekündigt wurde. Und während die einen nicht arbeiten können, müssen die anderen umso mehr ran – oft ohne vor Ansteckungen geschützt zu sein oder angemessen bezahlt zu werden. Manche Menschen sind von ihren Familienangehörigen getrennt, selbst wenn diese schwer erkrankt sind. Oder sind mit der Familie eingesperrt, selbst wenn es dort Gewalt gibt. Auch Menschen mit psychischen Erkrankungen sind auf sich allein gestellt. Tagesstrukturen brechen weg, Unterstützungsstrukturen brechen weg, der physische Kontakt zu Menschen fehlt, was extrem belastend ist.

Tja. Und dann gibt es noch mich. Mir geht es gut. Und dass ich damit nicht allein bin, hat mich schon etwas erleichtert: „Ich kenne Menschen mit psychischen Problemen, für die ist die Corona-Krise ein Segen – sie erzählen mir von der Erleichterung, endlich mal zu Hause bleiben zu können, ohne Angst etwas zu verpassen. Von der Freude, sich im Homeoffice konzentrieren zu können. Nicht für alle ist die Isolation eine zusätzliche Belastung“ (Weßling 2020).

Ja. Genauso geht es mir. Nur, dass ich schon lange nicht mehr befürchte irgendetwas zu verpassen. Wochenlange Aufenthalte in psychiatrischen Einrichtungen hatten mich davon kuriert. Und überhaupt, es finden sonst jeden Tag unzählige Veranstaltungen statt: Konzerte, Partys, Lesungen, Theater, Vernissagen. Selbst, wenn man an einer teilnimmt, verpasst man immer noch den Rest. Auch vor Ausgangssperren habe ich nur wenig Angst. Denn nichts hat mich besser auf Isolation und Social Distancing vorbereitet als das Schreiben einer Doktorarbeit. Von daher sehe ich der Lage persönlich recht entspannt entgegen. Und ich weiß, wie privilegiert das ist. Ich habe zudem eine Wohnung, einen sicheren Job, gesichertes Einkommen und keine Kinder, die ich rund um die Uhr versorgen muss. Trotzdem oder vielleicht deshalb bekomme ich langsam Respekt vor wochenlanger Einsamkeit. Denn seitdem ich zu Borderline auch noch Depressionen habe, sind meine emotionalen Tiefflüge von ganz neuer Qualität. Was ich dann am wenigstens möchte, ist zwar Menschen zu treffen. Was mir dann am meisten hilft, ist allerdings Menschen zu treffen. Freundinnen und Freunde sind eben das beste Antidepressivum – ohne Nebenwirkungen und nicht einmal verschreibungspflichtig. Und sie fehlen mir bereits jetzt. Sowie meine Familie, die in Hamburg und damit plötzlich sehr weit weg ist. Ich weiß nicht, wann ich sie wiedersehe. Und das ist eine Belastung, die ich anfange zu spüren.

Was mir in dieser Lage hilft, ist das, was mir sonst immer hilft und diverse Therapien als sinnvoll auch bestätigt haben: Das Aufrechterhalten einer Tagesstruktur, Sport bzw. Bewegung an der frischen Luft, ein fester Schlafrhythmus, gesunde und regelmäßige Mahlzeiten und arbeiten, sofern einem das möglich ist.

Und für alle, denen es nicht gut geht und die in der aktuelle Situation praktische Unterstützung brauchen, haben die Psychotherapeutin Marie Bartholomäus und Dr. Leonhard Schilbach, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, auch einen verhaltenstherapeutischen Leitfaden mit Arbeitsblättern entwickelt, um in dieser Zeit annähernd so etwas wie stabil zu bleiben. Vielleicht findet die eine oder der andere den hilfreich.

Passt auf Euch auf und bleibt gesund!

Eure Nina