Quizshow

Es gibt den Spruch „Lächle und sei froh. Es könnte schlimmer kommen.“ Und als ich dank selektiver Serotonin-Wiederaufnahmehemmer diesen Sommer endlich wieder lächeln konnte, kam es, wie es kommen musste, und das war tatsächlich schlimmer. 

Es begann mit Kreislaufproblemen beim Joggen und steigerte sich zu Gleichgewichtsstörungen, Übelkeit und Kopfschmerzen. So, dass ich einmal den Notarzt rufen musste. Der aber nichts fand. Und so, dass ich kaum noch Arbeiten konnte. Was ich im Homeoffice versteckte. Vom Sport mal ganz zu schweigen. Der ging später gar nicht mehr. Und langsam wurde ich verzweifelt. Vor allem in Anbetracht der einwöchigen Bergwanderung, die ich lange schon gebucht hatte und, die zeitlich immer näherkam. Und was man mit Gleichgewichtsstörungen vermutlich wirklich nicht machen sollte, ist hohe Berge zu besteigen und an tiefen Abgründen zu stehen. So stand ich irgendwann in der Praxis meiner Hausärztin. Die checkte mich mehrfach gründlich durch, fand aber nichts, was uns beide sehr frustriere. Sie schickte mich zum HNO, der mich ebenfalls gründlich durchcheckte, aber ebenfalls nichts fand, was ihn deutlich weniger frustrierte, und mich zum Neurologen schickte. Der schickte mich ins MRT. Und an dem Punkt dieser Ärztereise war die Reise in die Berge nur noch eine Woche hin. Als ich mit den Bildern aus dem Innenraum meines Kopfes wieder vor dem Neurologen saß, war ich schon lange an dem Punkt, an dem ich nur noch eine Diagnose wollte. Irgendeinen Befund, der meinen Zustand erklärte und einen Ansatz, um ihn wieder zu verbessern. Das, was jetzt allerdings passierte, wollte ich so doch eher nicht. Nachdem ich auf Nachfrage mitteilte, dass ich zweimal mit AstraZeneca geimpft wurde, schaute er sehr lange, sehr stirnrunzelnd auf meine Bilder und schickte mich mit Verdacht auf Hirnvenenthrombose direkt ins nächste Krankenhaus. Man kennt sowas von Monopoly: „Begib Dich direkt dorthin. Gehe nicht über Los. Ziehe nicht DM 4000 ein.“ Und das machte ich dann brav und sagte traurig und enttäuscht zudem meine Reise ab.

Im Krankenhaus blieb es weiter interessant. Ich hatte mal einen bösen Brief an meine Krankenkasse geschrieben, den ich, um ihm Nachdruck zu verleihen, mit Dr. unterzeichnet hatte. Nach wenigen Tagen war unaufgefordert eine neue Krankenkassenkarte im Postkasten, auf der nun „Dr. Nuthouse“ stand. Niemand wollte eine Urkunde sehen oder einen anderen Nachweis meiner akademischen Errungenschaften. Daher mein Tipp: Wollt ihr einen Doktortitel tragen, schreibt an Eure Krankenkasse. Aber Vorsicht. Ihr werdet in Arztpraxen und Krankenhäusern zwar erstmal nett behandelt, aber immer für eine Kollegin gehalten. Und wenn ihr die Fachbegriffe nicht versteht und sagt, dass ihr keine Ärztin seid, sind immer alle sehr enttäuscht. Ich kann das verstehen. Ich halte Mediziner:innen natürlich auch erstmal für Sozialwissenschaftler:innen mit folegender Ernüchterung. Diesen Spruch sollte man aber für sich behalten, wie die Erfahrung mir gezeigt hat. Humor ist in der Bevölkerung ungleich verteilt und in medizinischen sowie psychiatrischen Einrichtungen oft unterdurchschnittlich ausgeprägt. Aber, ok. 

Ich saß nun zum wiederholten Male innerhalb sehr kurzer Zeit vor einem Arzt, dem ich beschreiben sollte, wie meine Symptome sind. Und ich hatte zunehmend Angst, dabei etwas falsch zu sagen. Als wäre es kein Arztgespräch, sondern eine verdammte Quizshow. Und bei jeder Antwort guckt der Arzt einen skeptisch an, zieht die Augenbraue hoch und sagt „Aha….“ oder „Sind Sie sich sicher?“, so dass man schnell laut rufen möchte: „Nein! Antwort B. Es ist Antwort B!! Drehender Schwindel und drückender Schmerz.“ Und hofft inständig, gewonnen zu haben. Eine Diagnose zum Beispiel. Stattdessen gewann ich ein CT mit Kontrastmittel und als Jackpot noch eine Lumbalpunktion. Aber ich sehe das positiv. In meinem Alter hat man selten die Gelegenheit, Dinge noch zum ersten Mal zu machen. Ok. Mir meine Hirnflüssigkeit in einem Röhrchen anzusehen, stand ebenso wenig auf meiner Bucket List, wie das Gefühl Kontrastmittel durch die Venen gepumpt zu bekommen. Aber ich will da nicht wählerisch sein. Beides war schon interessant, aber leider auch ergebnislos. 

Ja. Mittlerweile hätte ich fast lieber die Thrombose gehabt. Doch als ich das dem Arzt anvertraute, sah er mir fest in die Augen, während er langsam mit tiefer werdender Stimme zu mir sprach: „Nein. Glauben Sie mir. Das wollen sie nicht.“ Und ich weiß auch nicht. Aber das hat mich überzeugt. Weniger überzeugend fand ich die nun im Raum stehende Erklärung für meine Ausfallerscheinungen: Spannungskopfschmerz. Also, Stress. Toll. Ich war wieder selbst schuld. Und wollte beinahe die Thrombose nochmal sehen. Zumal ich meinen Urlaub, der gemeinhin gegen Stress hilft, offensichtlich wegen Stress abgesagt hatte. Und keinen Sport mehr machen konnte, der gegen Spannungskopfschmerz eigentlich empfohlen wird. Ja. Ich kam mir verascht vor. Am meisten wohl von meinem Körper und mir selbst. Wenigstens wusste ich nun, dass mit meinem Kopf zumindest physisch alles in Ordnung ist. Das ist immerhin etwas. Und anstatt Urlaub zu machen, ließ ich mich krankschreiben und ruhte mich mal gründlich aus. Und siehe da! Die Symptome verschwanden nach und nach, was immer es gewesen ist.

Mittlerweile arbeite ich wieder und auch meine Bergwanderung hole ich im September nach. Falls nicht wieder was dazwischenkommt. Zur Sicherheit versuche ich bis dahin wenig zu lächeln. Denn das scheint mir riskant zu sein.

Der Drache mit zwei Köpfen

Ihr Lieben. Verzeiht, dass ich lange nicht geschrieben habe. Vor allem nachdem ich den Selbstversuch gestartet hatte, dessen Ausgang offen war. Mein Dank gilt allen, die sich in der Zwischenzeit nach meinem Wohlergehen erkundigt oder an mich gedacht haben. Umso mehr freue ich mich nun zu verkünden: Das Experiment hat funktioniert! Ja. Wirklich. 

Ok. Natürlich sind Dinge niemals monokausal. Es ist mittlerweile Sommer. Es ist warm. Es ist hell. Die Sonne scheint fast unaufhörlich und mir hilft das echt total. Aber ich versuche auch liebevoll und nachsichtig mit mir zu sein. Was einem deutlich leichter fällt, wenn man sich nicht jeden Morgen überzeugen muss, nicht alles und sich selbst zu hassen. Wenn man die eigene Existenz nicht als Zumutung empfindet, als Bilanz mit negativem Summenspiel, der man – weil sie eben grundlos ist – nicht rational begegnen kann. 

Und erst jetzt, wo diese Kraftanstrengung wegfällt, sich täglich aus dem zähen Brei trostloser Gedankengänge soweit herauszuziehen, dass man schon durch den Tag kommt. Erst jetzt, ja jetzt, kann ich wieder an mir arbeiten. An meinem Selbstwert. An dem Borderline. Und wieder wirksam anwenden, was ich jahrelang gelernt habe. Achtsam zu sein. Mitfühlend mit sich selbst und anderen. Besser auf sich aufzupassen und Anspannungen zu regulieren. Und erst jetzt merke ich auch, wie viel Energie es mich gekostet hat, zusätzlich zur emotionalen Instabilität auch noch depressiv zu sein. 

Ja. Komorbidität gehört zu Borderline dazu: Angststörungen, Zwangsstörungen, posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS), dissoziative Störungen und soziale Phobien. Bei mir sind es die ebenfalls üblichen Begleiterscheinungen mit Essstörungen, Suchterkrankungen und seit ein paar Jahren eben auch noch Depressionen. Das kann sich anfühlen, wie gegen ein Monster mit mehreren Köpfen zu kämpfen. Man weiß oft gar nicht, wo man anfangen soll. Und manchmal hat man den Eindruck, die Köpfe wachsen sogar nach. Ich habe jetzt versucht, die Störfaktoren abzuschalten, die mich am meisten daran hindern, ich selbst und für mich da zu sein. Jetzt kann ich mich auch dem Monster wieder zuwenden, anstatt mich im ewigen Kampf mit seinen Köpfen zu befinden. Denn vor den Depressionen hatte ich es schon domestiziert. Es ist mehr so ein knuffiger Gizmo anstelle eines Gremlins. Aber es wird immer meine Aufmerksamkeit brauchen und sobald ich es vernachlässige, mutiert es zum garstigen Drachen zurück. Und wie der Film schon impliziert, darf es zu alledem nicht nass werden. In meinem Fall mit Alkohol. Und wenn ich mich an diese simplen Regeln halte, geht es dem kleinen Monster und mir gemeinsam schon recht gut. 

Schön gestört

Letzte Woche hatte ich den Termin bei einer Psychiaterin, auf den ich drei Monate warten musste. Und nachdem ich ihr eine halbe Stunde Fragen beantwortet und meine Geschichte in Kurzform erzählt habe, sagte sie zu mir: „Ja. Frau Nuthouse. Sie haben halt eine ganz schön schwere Störung.“ Und das war einer dieser seltenen Momente, in denen ich mich zugleich beleidigt, aber zutiefst verstanden und angenommen gefühlt habe. 

Denn ich dachte: Scheisse, ja. Dein Leben darf sich verdammt schwer anfühlen. Weil es manchmal echt schwer ist. Vielleicht schwerer als für andere. Und dafür machst Du es nicht schlecht!“ 

Man kann schließlich auch nicht von einem Marathonläufer erwarten, die gleiche Rekordzeit zu schaffen, wenn ihm ein Bein fehlt. Und irgendwie war es genau das, was die Ärztin getan hatte. Mich mitten im Wettlauf darauf hinzuweisen, dass mir eigentlich ein Bein fehlt. Naja, vielleicht auch nur ein Fuß. Oder zwei Zehen. Aber, egal. Alleine das hat mir geholfen, mit dem Hadern und Vergleichen kurzzeitig mal aufzuhören. 

So verließ ich die Praxis etwas ergriffen dank dieser Erkenntnis. Aber vielleicht auch wegen des Rezepts für Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, das sie mir ausgestellt hatte. Die stehen jetzt vor mir. Ich könnte sie nehmen. Ich soll sie sogar nehmen. Und einige wissen, wie lange ich darauf gewartet habe. Nur geht’s mir dafür viel zu gut.

Zeilenabstand

Das Telefon klingelte und mein Chef war dran. Das ist soweit nicht ungewöhnlich. Seitdem auch an unserem Institut fast alle von zu Hause aus arbeiten, ruft man eben an statt im Büro vorbeizuschauen. Zu Beginn der Pandemie hat er sogar angerufen, um zu fragen wie es geht. Einfach so. Als Begegnungsmethadon und Ersatz für Flurgespräche. Doch das war im ersten Lockdown. Für solche Einfühlsamkeiten fehlt mittlerweile wohl die Zeit. Wer nun anruft hat Anlass. Und ich erschrecke auch nicht mehr, wenn das Telefon klingelt, was es in diesem Moment tat. 

Erschreckend war nur die Stimmung meines Chefs. Er war wütend. Was nicht oft passierte. Und er war auch noch wütend auf mich. Was zum Glück viel seltener vorkam. Also, eigentlich nie. Was mir einfiele seine Autorität zu untergraben und ihn vor anderen bloßzustellen, war die Frage, auf die ich keine Antwort wusste, weil ich nicht wusste, worum es ihm ging. Es musste der Schriftverkehr sein, der gerade stattfand zwischen ihm und zwischen mir und den Kollegen in cc. Ich hatte einen Vorwurf von mir gewiesen, den Tatbestand in seine Verantwortung überführt und vielleicht, ganz vielleicht war ich in der Wortwahl etwas patzig. Aber ich hatte mich angegriffen gefühlt – vor allen anderen – und mich verteidigt – vor allen anderen, wie ich ihm erklärte. Außerdem fand ich die Ausgangsmail schon unfreundlich, die er mir daraufhin vorlas. 

Liebe Frau Nuthouse, 

hier ist eine Rechnung der Firma AB für das Projekt xy. Das Projekt xy ist abgeschlossen. 

Woraus soll ich das bezahlen?

Herzliche Grüße

Und zugegeben. Wenn man es in der Form und in der Betonung las, war ein direkter Vorwurf vielleicht nicht gleich erkennbar. Und in dieser von ihm gelesenen Realität war meine Reaktion…naja…vielleicht eher am Rande des erwartbaren Spektrums. In meiner Interpretationsweise allerdings vollkommen nachvollziehbar. Nur gelang es mir nicht, ihm das verständlich zu machen. Und schließlich gab ich auf. Ich entschuldigte mich für mein Verhalten und damit war der Vorfall beendet. Eigentlich. Tatsächlich hatte mich der Streit komplett aus der Bahn geworfen und so aufgewühlt, dass ich spazieren gehen musste. Für mich war der Tag gelaufen. Ich fing wieder an mich selbst, meine Wahrnehmung und meine kompensatorischen Skills zu hinterfragen, die aus einer impulsiven, gefühlsgetriebenen Borderlinerin mit überaus geringer Frustrationstoleranz eine weitestgehend besonnene Wissenschaftlerin und geschätzte Kollegin mit adäquaten Führungsqualitäten machte. Einfache Dinge wie:

Genau zu lesen, was in einer E-Mail steht. Anstatt es nur zu fühlen und emotional auf Dinge zu reagieren, die vielleicht dort nicht geschrieben sind. Oder überhaupt zu reagieren, wenn man gerade sehr viel fühlt. Das ist doch die Grundregel! Das oberste Gebot, will man als Borderlinerin im Alltag überleben. Wenn man sich aufregt, egal ob aus nachvollziehbaren oder vollkommen unberechtigten Gründen: NIEMALS ANTWORTEN! Also, natürlich nicht niemals, aber keinesfalls sofort. Und auch nicht zum Hörer greifen. Abwarten so lange es geht oder eben angemessen ist. Und idealerweise entspannt am nächsten Tag antworten. 

Ja. Das weiß eigentlich jeder. Und eigentlich weiß ich das auch. Ich hatte wirklich gedacht, ich wäre weiter. Dann fiel mir ein, mit welcher Wut mein Chef mich vorhin angerufen hatte und ich lächelte. Denn trotz allem bin ich weiter als er. 

Selbstvertrauen

Ich mag Menschen. Ich mag Menschen sogar sehr. Ich muss sie nur nicht dauernd um mich haben. Und erst recht nicht immer alle. Ich vertrete damit eindeutig die „Lieber allein als in schlechter Gesellschaft“-Fraktion.Und das sage ich nicht bloß so. Ich bin wirklich gern allein. Ich gehe gern allein spazieren. Ich gehe gern allein essen. Und in den Urlaub fahre ich auch gern mal allein. Nur einsam bin ich nicht so gerne. Ich weiß, dass geht sehr vielen so. Aber mit seiner Einsamkeit nicht allein zu sein macht irgendwie auch nicht weniger einsam. Man kann zudem auch ganz prima einsam unter Menschen sein. Aber die tiefste, intensivste und damit nagendste Einsamkeit, die überfällt mich meist allein. Ganz plötzlich. Aus dem Hinterhalt. Und die kann wirklich hässlich sein.  

Als alleinstehender Ein-Personen-Haushalt mit eingebautem Homeoffice war man im letzten Jahr allerdings recht oft allein. Damit waren bereits aus statistischen Gründen natürlich beste Voraussetzung geben, sich auch viel öfter einsam zu fühlen. Als eine der unangenehmeren Emotionen in meinem Spektrum hatte ich aber genau darauf keine Lust mehr. Viel schlimmer als Pandemie und Einsamkeit würde Online-Dating schon nicht sein. Dachte ich mir. Und verdrängte sorgsam die Erfahrungen mit Parship vor vier Jahren. Komm, so schrecklich wird es nicht werden, sagte ich mir und sollte unrecht behalten.

Zugegeben. Die Rahmenbedingungen des Datings sind zurzeit nicht optimal. Man kann sich zum Spazierengehen treffen oder zum Spazierengehen treffen oder…ihr ahnt es… zum Spazierengehen treffen. Aber immerhin im Hellen oder im Dunkeln. Auf jeden Fall immer bei Kälte und insgesamt sehr schlechten Wetter. Daher wird auch die „zu Dir oder zu mir“-Frage in der Kennenlerndramaturgie ungewöhnlich früh gestellt. Wodurch man ungewöhnlich früh in die Situation kommt in fremden Wohnungen mit fast unbekannten Menschen auf Polstermöbeln zu sitzen und ihre Tapeten und Einrichtungsgegenstände anzustarren. Aber ich mache es kurz: Auf diese Weise habe ich tatsächlich einen netten Menschen kennengelernt, mit dem ich viel gemeinsam habe, stundenlang reden kann und der mich total super findet. Was ich wiederrum total super finde. Oder eher fand. Denn irgendwann hatte ich keine Lust mehr ihn zu treffen. Nur habe ich mir das nicht geglaubt. 

Denn besonders als Borderlinerinnen lernen wir in Therapien, unsere Gedanken und Gefühle stets zu hinterfragen: Ist meine Emotion gerechtfertigt? Ist sie der Situation angemessen? Sollte ich mich dem Gefühl entsprechend verhalten oder wäre das unangebracht? Sind meine Gedanken hilfreich? Oder sollte ich sie anders denken, um mir nicht selbst im Weg zu stehen? Ja. Selbstreflektion bis zur Subversion. Zudem wurde mir suggeriert, ich hätte Bindungsprobleme und würde immer weglaufen, wenn es verbindlich oder eng wird. Depressionen tragen ihr übriges bei. Würde ich bei diesen immer auf meine Gefühle hören, würde ich gar nicht aus dem Bett kommen.

Deshalb war ich skeptisch. Also mir gegenüber und meinen Gedanken und Gefühlen in Bezug auf diesen Menschen, vor allem als sie anfingen sich zu ändern. Ich begann mir zuzureden wie eine Mutter für den potenziellen Schwiegersohn des Herzens: „Gib ihm eine Chance! Ihr passt so gut zusammen! Ihr habt unglaublich viel gemeinsam! Er ist doch so ein netter Kerl!“ Bis hin zu schweren Selbstvorwürfen, ob ich wirklich so gestört bin, dass ich Nähe nicht ertrage, mich auf niemanden einlassen kann und vermutlich für immer alleine bleibe. Ja. Kognitive Dissonanz war gar nichts dagegen. 

Und es hat mich einige schlaflose Nächte und Telefonate mit Freundinnen gekostet, um diesen Mindfuck zu beenden. Mir einzugestehen, dass ich einfach nicht bereit bin, mehr als eine Pizza oder Couch mit ihm zu teilen. Und dass das nicht gestört, sondern vollkommen ok ist und ich so empfinden darf. Am Ende war ich extrem erleichtert. Aber auch zutiefst schockiert, wie sehr ich an mir und meinen Empfindungen zweifeln konnte.  

Also, ja. Glaub‘ nicht alles, was Du denkst. Aber vertraue darauf, was Du fühlst. Man hat schließlich nichts anderes, worauf man sich verlassen kann. Außer noch seinen Freund:innen. 

Nervenkitzel

Mir wurde mal gesagt, ich sei ein High Sensation Seeker. Das sind Personen, die ständig auf der Suche nach starken Gefühlen, neuen Erfahrungen und intensiven Eindrücken sind. Dafür nehmen sie Risiken in Kauf und setzen sich Situationen aus, die physisch, psychisch oder sozial herausfordernd sind. 

Und, ja. Sowas machte ich manchmal. Aber ich bin kein High Sensation Seeker. Ich bin Borderliner. Und für Boderliner ist das an sich ganz normal. Das nennt sich „Hochrisikoverhalten“ und gehört zu den diagnostische Kriterien nach DSM 5. In jedem Test zu Persönlichkeitsstörungen wird dieser Punkt mit abgefragt. Und da ich eine vorbildliche Borderlinende bin, habe ich hier vieles vorzuzeigen: Ich bin auf Strommasten geklettert, auf Brückengeländern balanciert, Bungee gesprungen und habe alle erdenklichen Drogen genommen. Um nur einiges zu nennen. 

Aber heute habe ich noch einen daraufgesetzt. Heute habe ich mir den ultimativen Kick verpasst und fünf Pakete ohne Sendungsverfolgung bei der Post abgegeben. Ich Wahnsinnige! Daher schlage ich vor, diesen Aspekt unversehens als Kriterium in die Fragebögen aufzunehmen: „Fahren Sie schnell und rücksichtlos Auto? Gehen Sie auf Bahngleisen spazieren? Stellen Sie sich nahe an Absturzkanten von Hochhausdächern? Geben Sie Pakete ohne Sendungsverfolgung bei der Post ab?“ Die Genauigkeit von Diagnosen dürfte sich drastisch erhöhen. Denn sowas macht doch wirklich keiner, der nicht vollständig verrückt ist. 

Ablenkung

Ich habe vor fast sechs Monaten mit Rauchen aufgehört. Und was soll ich sagen? Es fehlt mir immer noch manchmal. Vor allem wenn ich angespannt bin. Aber auch als Belohnung zwischendurch. Immer und überall etwas zu haben, auf das ich mich freuen konnte. Und wie gern ich aufgestanden bin! Wie sehnsüchtig ich wartete, bis der Kaffee fertig ist. Um mit dem Becher auf der Fensterbank genussvoll meiner Sucht zu frönen, die wie ein kleiner Hund gierig an den Nerven zog. Hach, war das schön! Rauchen. Der einzig alltagskompatible Drogenkonsum, der gesellschaftlich halbwegs akzeptiert ist. Und eine der letzten Nischen, in denen sich mein Suchtcharakter ausleben konnte. Sein Lebensraum ist mittlerweile klein geworden. 

Als ich einem Freund gestand, wir gerne ich wieder rauchen würde, schrieb er mir sofort alarmiert: „Schnell! Lenke Dich ab!!“  Und, ja. Das war ein prima Tipp und wohlgemeinter Ratschlag. Das funktioniert als Intervention ganz gut für den Moment. Aber es wirkt halt nicht darüber hinaus und erst recht nicht wirkt’s konstant. Dachte ich als erstes. Als ich weiter drüber nachdachte fiel mir ein, dass ich vermutlich einen Großteil aller Dinge, die ich tat, nur tue, um mich abzulenken. Arbeiten. Affären. Sex. Saufen. Drogen. Doktorarbeit. Alles nur Ablenkung. Oder Ablenkung von der Ablenkung. Je nach dem, was man gerade weniger schlimm findet. Hauptsache ich komme nicht zum Nachdenken. Über mich selbst, verpasste Lebenschancen. Das eigene Versagen. Und die gähnende Sinnlosigkeit meiner Existenz.

Somit kam ich zu dem Schluss, dass die eine Hälfte meins Lebens aus Ablenkung und die andere aus Prokrastination bestand. Aber man kann damit sehr produktiv sein. Der Trick ist eben immer etwas Schlimmeres zu finden als das, was man gerade tun muss. Und bei mir ist das in meinem Kopf. So kann man fast alles schaffen! Vielleicht sollte ich dazu Ratgeber schreiben, wie: „Mit Selbsthass zur Höchstleistung“, „Erfolgreich und unglücklich. So klappt es bestimmt.“ oder „Promotion durch Prokrastination. Weglaufen zählt doch.“ Das könnten Bestseller werden. Und ich habe wieder Ablenkung.

Klimmzüge

Ich bin Kummer ja gewohnt. Ich habe seit meiner Jugend Borderline, diverse Essstörungen und das mit der Sucht kam auch noch sukzessive hinzu. Irgendwie muss man seine Anspannung schließlich regulieren oder sich die eigene Gesellschaft schön trinken, die man mit latenten Selbsthass eben nicht konstant zu schätzen weiß. Man könnte also sagen, dass meine Grunddisposition für ein glückliches und zufriedenes Leben eher voraussetzungsvoller war. 

Dankenswerterweise gibt es Therapieansätze wie DBT, MSC, ACT und MKT oder außerhalb der 3-Buchstaben-Akronyme die Schematherapie, die mir im Laufe meines Lebens sogar alle zuteilwurden. Und die können einem helfen, seine Muster zu verstehen und besser mit sich umzugehen. Einem zumindest die Blaupause einer Gebrauchsanweisung für sich selbst liefern, die von Geburt an nicht dabei war und die durch Versuch und Irrtum sowie meist mit Schmerz und Leid, bei sich sowie bei anderen, mühsam herzuleiten ist.  

Durch jahrelange Therapien konnte ich so tatsächlich lernen, gegen vieles anzusteuern, was mir mein Ich-sein schwerer macht: Nicht alles zu glauben, was ich denke. Stets zu hinterfragen, ob meine Gedanken hilfreich sind und meine Gefühle angemessen. Ich habe gelernt, negative Denkspiralen zu durchbrechen und Emotionen abzuschwächen. Einen fairen Blick auf mich und meine Leistungen einzunehmen. Darauf zu achten, wie ich mit mir spreche und eine mitfühlende Haltung zu mir selbst zu etablieren. Ja. Auch Zeit für Selbstfürsorge einzuplanen und angenehme Aktivitäten auszuüben. All das habe ich gelernt. Und manchmal half es mir sogar. So dass zu existieren in bestimmten Lebensphasen nicht mehr eine Zumutung, sondern beinahe ein angenehmer Zustand war. 

Bis der Schwierigkeitsgrad nochmal erhöht wurde. Und meine Grundstimmung auf Tiefgaragenniveau abgesenkt. Seither muss ich mich konstant bemühen, mich aus dem Loch ans Licht zu ziehen – mit dem, was ich zuvor gelernt habe. Doch egal, was ich auch tue: Ob ich in den Urlaub fahre, mich mit Freundinnen treffe, geliebte Menschen anrufe, Laufen gehe oder eingekuschelt einen Film sehe. Nichts wirkt über den Moment hinaus. Sobald ich aufhöre aktiv dagegen anzugehen, sackt die Befindlichkeit auf null beziehungsweise weit darunter. Und ich muss mich wieder hochziehen, wenn ich nicht liegen bleiben will. Das meine ich im Wortsinn. Und das kostet Kraft. Viel Kraft. Kraft, die ich grundsätzlich brauche, um an mir zu arbeiten, um konstant zu hinterfragen, ob meine Gedanken hilfreich sind, meine Gefühle angemessen. Um negative Denkspiralen zu durchbrechen, Emotionen abzuschwächen und auch um abstinent zu bleiben. 

Daher habe ich einen Termin bei meiner Psychiaterin vereinbart. Die Psychiaterin, die mir im März bereits gesagt hat, ich hätte keine funktionale Störung des Gehirns, sondern eine Lebenskrise. Weshalb ich keine Antidepressiva bekäme, aber es mit einer Therapie versuchen sollte. Haha. Doch so langsam würde ich gern mal von ihr wissen, wie lange so eine Lebenskrise anhält. Und, ob es charakteristisch für Lebenskrisen sei, dass man mit seinem Leben an sich recht zufrieden ist. Aber trotzdem ständig traurig. Ich lerne ja immer gern dazu.