Quizshow

Es gibt den Spruch „Lächle und sei froh. Es könnte schlimmer kommen.“ Und als ich dank selektiver Serotonin-Wiederaufnahmehemmer diesen Sommer endlich wieder lächeln konnte, kam es, wie es kommen musste, und das war tatsächlich schlimmer. 

Es begann mit Kreislaufproblemen beim Joggen und steigerte sich zu Gleichgewichtsstörungen, Übelkeit und Kopfschmerzen. So, dass ich einmal den Notarzt rufen musste. Der aber nichts fand. Und so, dass ich kaum noch Arbeiten konnte. Was ich im Homeoffice versteckte. Vom Sport mal ganz zu schweigen. Der ging später gar nicht mehr. Und langsam wurde ich verzweifelt. Vor allem in Anbetracht der einwöchigen Bergwanderung, die ich lange schon gebucht hatte und, die zeitlich immer näherkam. Und was man mit Gleichgewichtsstörungen vermutlich wirklich nicht machen sollte, ist hohe Berge zu besteigen und an tiefen Abgründen zu stehen. So stand ich irgendwann in der Praxis meiner Hausärztin. Die checkte mich mehrfach gründlich durch, fand aber nichts, was uns beide sehr frustriere. Sie schickte mich zum HNO, der mich ebenfalls gründlich durchcheckte, aber ebenfalls nichts fand, was ihn deutlich weniger frustrierte, und mich zum Neurologen schickte. Der schickte mich ins MRT. Und an dem Punkt dieser Ärztereise war die Reise in die Berge nur noch eine Woche hin. Als ich mit den Bildern aus dem Innenraum meines Kopfes wieder vor dem Neurologen saß, war ich schon lange an dem Punkt, an dem ich nur noch eine Diagnose wollte. Irgendeinen Befund, der meinen Zustand erklärte und einen Ansatz, um ihn wieder zu verbessern. Das, was jetzt allerdings passierte, wollte ich so doch eher nicht. Nachdem ich auf Nachfrage mitteilte, dass ich zweimal mit AstraZeneca geimpft wurde, schaute er sehr lange, sehr stirnrunzelnd auf meine Bilder und schickte mich mit Verdacht auf Hirnvenenthrombose direkt ins nächste Krankenhaus. Man kennt sowas von Monopoly: „Begib Dich direkt dorthin. Gehe nicht über Los. Ziehe nicht DM 4000 ein.“ Und das machte ich dann brav und sagte traurig und enttäuscht zudem meine Reise ab.

Im Krankenhaus blieb es weiter interessant. Ich hatte mal einen bösen Brief an meine Krankenkasse geschrieben, den ich, um ihm Nachdruck zu verleihen, mit Dr. unterzeichnet hatte. Nach wenigen Tagen war unaufgefordert eine neue Krankenkassenkarte im Postkasten, auf der nun „Dr. Nuthouse“ stand. Niemand wollte eine Urkunde sehen oder einen anderen Nachweis meiner akademischen Errungenschaften. Daher mein Tipp: Wollt ihr einen Doktortitel tragen, schreibt an Eure Krankenkasse. Aber Vorsicht. Ihr werdet in Arztpraxen und Krankenhäusern zwar erstmal nett behandelt, aber immer für eine Kollegin gehalten. Und wenn ihr die Fachbegriffe nicht versteht und sagt, dass ihr keine Ärztin seid, sind immer alle sehr enttäuscht. Ich kann das verstehen. Ich halte Mediziner:innen natürlich auch erstmal für Sozialwissenschaftler:innen mit folegender Ernüchterung. Diesen Spruch sollte man aber für sich behalten, wie die Erfahrung mir gezeigt hat. Humor ist in der Bevölkerung ungleich verteilt und in medizinischen sowie psychiatrischen Einrichtungen oft unterdurchschnittlich ausgeprägt. Aber, ok. 

Ich saß nun zum wiederholten Male innerhalb sehr kurzer Zeit vor einem Arzt, dem ich beschreiben sollte, wie meine Symptome sind. Und ich hatte zunehmend Angst, dabei etwas falsch zu sagen. Als wäre es kein Arztgespräch, sondern eine verdammte Quizshow. Und bei jeder Antwort guckt der Arzt einen skeptisch an, zieht die Augenbraue hoch und sagt „Aha….“ oder „Sind Sie sich sicher?“, so dass man schnell laut rufen möchte: „Nein! Antwort B. Es ist Antwort B!! Drehender Schwindel und drückender Schmerz.“ Und hofft inständig, gewonnen zu haben. Eine Diagnose zum Beispiel. Stattdessen gewann ich ein CT mit Kontrastmittel und als Jackpot noch eine Lumbalpunktion. Aber ich sehe das positiv. In meinem Alter hat man selten die Gelegenheit, Dinge noch zum ersten Mal zu machen. Ok. Mir meine Hirnflüssigkeit in einem Röhrchen anzusehen, stand ebenso wenig auf meiner Bucket List, wie das Gefühl Kontrastmittel durch die Venen gepumpt zu bekommen. Aber ich will da nicht wählerisch sein. Beides war schon interessant, aber leider auch ergebnislos. 

Ja. Mittlerweile hätte ich fast lieber die Thrombose gehabt. Doch als ich das dem Arzt anvertraute, sah er mir fest in die Augen, während er langsam mit tiefer werdender Stimme zu mir sprach: „Nein. Glauben Sie mir. Das wollen sie nicht.“ Und ich weiß auch nicht. Aber das hat mich überzeugt. Weniger überzeugend fand ich die nun im Raum stehende Erklärung für meine Ausfallerscheinungen: Spannungskopfschmerz. Also, Stress. Toll. Ich war wieder selbst schuld. Und wollte beinahe die Thrombose nochmal sehen. Zumal ich meinen Urlaub, der gemeinhin gegen Stress hilft, offensichtlich wegen Stress abgesagt hatte. Und keinen Sport mehr machen konnte, der gegen Spannungskopfschmerz eigentlich empfohlen wird. Ja. Ich kam mir verascht vor. Am meisten wohl von meinem Körper und mir selbst. Wenigstens wusste ich nun, dass mit meinem Kopf zumindest physisch alles in Ordnung ist. Das ist immerhin etwas. Und anstatt Urlaub zu machen, ließ ich mich krankschreiben und ruhte mich mal gründlich aus. Und siehe da! Die Symptome verschwanden nach und nach, was immer es gewesen ist.

Mittlerweile arbeite ich wieder und auch meine Bergwanderung hole ich im September nach. Falls nicht wieder was dazwischenkommt. Zur Sicherheit versuche ich bis dahin wenig zu lächeln. Denn das scheint mir riskant zu sein.

9 Gedanken zu “Quizshow

  1. stress ist schuld der globalen gesellschaft und der geschädigten ökosysteme. minimalst deine eigene schuld. gute besserung! bin froh, dass du nix physisch behandlungsbedrürftiges hat! und schönen urlaub!

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  2. Und bei Stress tendiere ich dazu, mir noch selbst die Schuld zu geben. Denn nach all den Therapien sollte ich doch langsam gelernt haben, besser damit umzugehen. Wobei meine Therapeutin auch meint, dass Selbstvorwürfe kein konstruktiver Umgang sind. Ein harmloser physischer Befund wäre mir trotzdem lieber gewesen.

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  3. Das Leben ist nicht fair. Tut mir echt leid, dass du so etwas durchmachen musst. 😦
    Ich hoffe, es geht bald stetig aufwärst und pendelt sich auf einem guten Niveau ein.
    Ich frage mich manchmal wie sich das Leben bei Menschen anfühlt, die mühelos psychisch gesund bleiben können. (Ich gehöre nicht dazu.)
    Im Kleinen kenne ich das auch:
    Montag — ich muss mal wieder Sport machen, damit meine Depression nicht schlimmer wird. –> Ich zwinge mich zu einem Workout.
    Dienstag — ich bin geschafft, aber Bewegung ist wichtig. –> Ich überrede den inneren Schweinehund zu einem Spaziergang.
    Mittwoch — immer was für die Gesundheit tun müssen, ist anstrengend. –> Vor lauter Druck gehe ich nach der Arbeit gleich ins Bett.
    Den Rest der Woche fühle ich mich schuldig, dass ich nicht mehr für meine Gesundheit tue.
    Montag: repeat.
    (Funktioniert genauso mit Sozialkontakten, Hobbies, ehrenamtlichem Engagement, Fortbildungen…)

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