Der Drache mit zwei Köpfen

Ihr Lieben. Verzeiht, dass ich lange nicht geschrieben habe. Vor allem nachdem ich den Selbstversuch gestartet hatte, dessen Ausgang offen war. Mein Dank gilt allen, die sich in der Zwischenzeit nach meinem Wohlergehen erkundigt oder an mich gedacht haben. Umso mehr freue ich mich nun zu verkünden: Das Experiment hat funktioniert! Ja. Wirklich. 

Ok. Natürlich sind Dinge niemals monokausal. Es ist mittlerweile Sommer. Es ist warm. Es ist hell. Die Sonne scheint fast unaufhörlich und mir hilft das echt total. Aber ich versuche auch liebevoll und nachsichtig mit mir zu sein. Was einem deutlich leichter fällt, wenn man sich nicht jeden Morgen überzeugen muss, nicht alles und sich selbst zu hassen. Wenn man die eigene Existenz nicht als Zumutung empfindet, als Bilanz mit negativem Summenspiel, der man – weil sie eben grundlos ist – nicht rational begegnen kann. 

Und erst jetzt, wo diese Kraftanstrengung wegfällt, sich täglich aus dem zähen Brei trostloser Gedankengänge soweit herauszuziehen, dass man schon durch den Tag kommt. Erst jetzt, ja jetzt, kann ich wieder an mir arbeiten. An meinem Selbstwert. An dem Borderline. Und wieder wirksam anwenden, was ich jahrelang gelernt habe. Achtsam zu sein. Mitfühlend mit sich selbst und anderen. Besser auf sich aufzupassen und Anspannungen zu regulieren. Und erst jetzt merke ich auch, wie viel Energie es mich gekostet hat, zusätzlich zur emotionalen Instabilität auch noch depressiv zu sein. 

Ja. Komorbidität gehört zu Borderline dazu: Angststörungen, Zwangsstörungen, posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS), dissoziative Störungen und soziale Phobien. Bei mir sind es die ebenfalls üblichen Begleiterscheinungen mit Essstörungen, Suchterkrankungen und seit ein paar Jahren eben auch noch Depressionen. Das kann sich anfühlen, wie gegen ein Monster mit mehreren Köpfen zu kämpfen. Man weiß oft gar nicht, wo man anfangen soll. Und manchmal hat man den Eindruck, die Köpfe wachsen sogar nach. Ich habe jetzt versucht, die Störfaktoren abzuschalten, die mich am meisten daran hindern, ich selbst und für mich da zu sein. Jetzt kann ich mich auch dem Monster wieder zuwenden, anstatt mich im ewigen Kampf mit seinen Köpfen zu befinden. Denn vor den Depressionen hatte ich es schon domestiziert. Es ist mehr so ein knuffiger Gizmo anstelle eines Gremlins. Aber es wird immer meine Aufmerksamkeit brauchen und sobald ich es vernachlässige, mutiert es zum garstigen Drachen zurück. Und wie der Film schon impliziert, darf es zu alledem nicht nass werden. In meinem Fall mit Alkohol. Und wenn ich mich an diese simplen Regeln halte, geht es dem kleinen Monster und mir gemeinsam schon recht gut. 

Selbstversuch

Es ist soweit. Ich habe heute den ersten Tropfen Serotonin-Wiederaufnahmehemmer genommen. Genauer gesagt Escitalopram.

Jeden dritten Tag soll ich die Dosis um einen Tropfen erhöhen. Bis ich bei sieben bin. Der langfristige Zielwert liegt allerdings bei zehn.

Und natürlich habe ich den Fehler gemacht, vorher die Nebenwirkungen zu lesen. Das kann ich niemanden empfehlen.

Mit einer über zehnprozentigen Wahrscheinlichkeit bekomme ich Übelkeit und Kopfschmerzen.

Mit bis zu zehnprozentiger Wahrscheinlichkeit Angst, Ruhelosigkeit, Schwindel, Zittrigkeit, Schläfrigkeit, Durchfall oder Verstopfung, mehr oder weniger Appetit, Gewichtszunahme (was für mich als Essgestörte ein absoluter Alptraum ist), Muskel- und Gelenkschmerzen, geminderte sexuelles Interesse und Orgasmusstörungen (was für mich ebenfalls ein Alptraum ist).

Und das sind noch die Harmlosen.

Aber, hey! Immerhin gibt es eine vierzig- bis sechzigprozentige Wahrscheinlichkeit, dass sich meine depressiven Verstimmungen spürbar verbessern. Die Stochastik ist damit auf meiner Seite.

Nur, sollten sie nicht wirken, ist mein letzter Joker auch verbraucht.