Selbstvertrauen

Ich mag Menschen. Ich mag Menschen sogar sehr. Ich muss sie nur nicht dauernd um mich haben. Und erst recht nicht immer alle. Ich vertrete damit eindeutig die „Lieber allein als in schlechter Gesellschaft“-Fraktion.Und das sage ich nicht bloß so. Ich bin wirklich gern allein. Ich gehe gern allein spazieren. Ich gehe gern allein essen. Und in den Urlaub fahre ich auch gern mal allein. Nur einsam bin ich nicht so gerne. Ich weiß, dass geht sehr vielen so. Aber mit seiner Einsamkeit nicht allein zu sein macht irgendwie auch nicht weniger einsam. Man kann zudem auch ganz prima einsam unter Menschen sein. Aber die tiefste, intensivste und damit nagendste Einsamkeit, die überfällt mich meist allein. Ganz plötzlich. Aus dem Hinterhalt. Und die kann wirklich hässlich sein.  

Als alleinstehender Ein-Personen-Haushalt mit eingebautem Homeoffice war man im letzten Jahr allerdings recht oft allein. Damit waren bereits aus statistischen Gründen natürlich beste Voraussetzung geben, sich auch viel öfter einsam zu fühlen. Als eine der unangenehmeren Emotionen in meinem Spektrum hatte ich aber genau darauf keine Lust mehr. Viel schlimmer als Pandemie und Einsamkeit würde Online-Dating schon nicht sein. Dachte ich mir. Und verdrängte sorgsam die Erfahrungen mit Parship vor vier Jahren. Komm, so schrecklich wird es nicht werden, sagte ich mir und sollte unrecht behalten.

Zugegeben. Die Rahmenbedingungen des Datings sind zurzeit nicht optimal. Man kann sich zum Spazierengehen treffen oder zum Spazierengehen treffen oder…ihr ahnt es… zum Spazierengehen treffen. Aber immerhin im Hellen oder im Dunkeln. Auf jeden Fall immer bei Kälte und insgesamt sehr schlechten Wetter. Daher wird auch die „zu Dir oder zu mir“-Frage in der Kennenlerndramaturgie ungewöhnlich früh gestellt. Wodurch man ungewöhnlich früh in die Situation kommt in fremden Wohnungen mit fast unbekannten Menschen auf Polstermöbeln zu sitzen und ihre Tapeten und Einrichtungsgegenstände anzustarren. Aber ich mache es kurz: Auf diese Weise habe ich tatsächlich einen netten Menschen kennengelernt, mit dem ich viel gemeinsam habe, stundenlang reden kann und der mich total super findet. Was ich wiederrum total super finde. Oder eher fand. Denn irgendwann hatte ich keine Lust mehr ihn zu treffen. Nur habe ich mir das nicht geglaubt. 

Denn besonders als Borderlinerinnen lernen wir in Therapien, unsere Gedanken und Gefühle stets zu hinterfragen: Ist meine Emotion gerechtfertigt? Ist sie der Situation angemessen? Sollte ich mich dem Gefühl entsprechend verhalten oder wäre das unangebracht? Sind meine Gedanken hilfreich? Oder sollte ich sie anders denken, um mir nicht selbst im Weg zu stehen? Ja. Selbstreflektion bis zur Subversion. Zudem wurde mir suggeriert, ich hätte Bindungsprobleme und würde immer weglaufen, wenn es verbindlich oder eng wird. Depressionen tragen ihr übriges bei. Würde ich bei diesen immer auf meine Gefühle hören, würde ich gar nicht aus dem Bett kommen.

Deshalb war ich skeptisch. Also mir gegenüber und meinen Gedanken und Gefühlen in Bezug auf diesen Menschen, vor allem als sie anfingen sich zu ändern. Ich begann mir zuzureden wie eine Mutter für den potenziellen Schwiegersohn des Herzens: „Gib ihm eine Chance! Ihr passt so gut zusammen! Ihr habt unglaublich viel gemeinsam! Er ist doch so ein netter Kerl!“ Bis hin zu schweren Selbstvorwürfen, ob ich wirklich so gestört bin, dass ich Nähe nicht ertrage, mich auf niemanden einlassen kann und vermutlich für immer alleine bleibe. Ja. Kognitive Dissonanz war gar nichts dagegen. 

Und es hat mich einige schlaflose Nächte und Telefonate mit Freundinnen gekostet, um diesen Mindfuck zu beenden. Mir einzugestehen, dass ich einfach nicht bereit bin, mehr als eine Pizza oder Couch mit ihm zu teilen. Und dass das nicht gestört, sondern vollkommen ok ist und ich so empfinden darf. Am Ende war ich extrem erleichtert. Aber auch zutiefst schockiert, wie sehr ich an mir und meinen Empfindungen zweifeln konnte.  

Also, ja. Glaub‘ nicht alles, was Du denkst. Aber vertraue darauf, was Du fühlst. Man hat schließlich nichts anderes, worauf man sich verlassen kann. Außer noch seinen Freund:innen. 

8 Gedanken zu “Selbstvertrauen

  1. Ach, das kenne ich nur zu gut! Auch die Rahmenbedingungen, wenn auch in Spanien: Homeoffice, allein lebend, dazu noch Ausgangssperre ab 22 Uhr…. Zeitweise sehr schwierig. Ich habs auch probiert mit dem Onlinedating, aber es war ein Desaster. Für mich und für die andere Seite wohl auch. 😦

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