Betriebstherapie

Ja. Es scheint als wär‘ ein Damm gebrochen.

Zwei Kolleginnen sprachen mich auf meine bevorstehende Abwesenheit an, etwas verlegen, zumal sie beim Meeting nicht dabei waren. Natürlich wussten sie es trotzdem. Denn natürlich hatte es sich herumgesprochen. Was ich ebenso erwartet wie mir auch gewünscht hatte. Genau das sagte ich ihnen auch. Hielt meinen kurzen Vortrag über Scham, gebrochene Beine, gesellschaftliche Akzeptanz und ach, ihr kennt das alles schon.

Kollegin 1 erzählte dann, sie wäre Alkoholikerin. Und war vor 10 Jahren stationär.

Da hätte ich ihr beinahe gesagt: Hey, das bin ich auch! Tat es aber nicht.

Als nach kurzem Zögern Kollegin 2 uns dann gestand, sie habe eine Essstörung. Und war deswegen auch schon stationär.

Da hätte ich wieder fast gesagt: Hey, die hab‘ ich auch! Tat es aber erneut nicht.

Soll jeder doch sein Eigenes haben. Das fühlt sich deutlich schöner an. Und weil es ohnehin so schön war, nahmen wir uns alle voll der Rührung in den Arm.

Vielleicht sollte ich eine betriebsinterne Selbsthilfegruppe gründen, dachte ich danach. Genug Leute bekäme man gewiss zusammen. Was ich aber ebenfalls dachte, war: Wow. Du trägst ganz schön viel Bullshit mit Dir rum. Und hast Dein Leben irgendwie trotzdem ganz gut hingekriegt. Das darf man sich wohl auch mal sagen. Und nahm mich selbst mal in den Arm.

Life is still a Nuthouse

Dienstag klopfte es an meine Tür. Das war schon mal ungewöhnlich, denn eigentlich klopft niemand an meine Tür, weil die Tür meines Büros an sich nie verschlossen ist. Nun war Dienstag aber meine Tür verschlossen, weil Dienstag einer dieser Tage war. Einer dieser seltenen Tage. Einer dieser zum Glück immer selteneren Tage, an denen ich mich von meiner Störung tatsächlich sehr gestört fühle.

Vielleicht kennt ihr solche Tage. Wenn die Wahrnehmung verzerrt ist. Man nur Negatives sieht, Negatives fühlt und Negatives denken kann. Man zwar weiß, dass es nicht zutrifft. Dieses Wissen nur nichts nützt, weil man es nicht fühlen kann. Und was man nicht fühlt, das existiert nicht. Vielleicht kennt ihr solche Tage. An denen man trotzdem ins Büro fährt, die Tür aber verschlossen bleibt.

Nun klopfte jemand an die Tür. Was nicht wirklich günstig war, denn ich hatte viel zu tun. Mit mir. Weil ich hinter dieser Tür zunehmend apathisch wurde, vielleicht schon dissoziativ. Nun gibt es Dinge, die man tun kann. Wenn Gegenandenken nicht hilft und Arbeiten nicht ablenkt. Menschen anrufen zum Beispiel. Menschen, die man mag und die einen auch mögen. Mit denen man über Dinge spricht. Ganz normal über Normales bis man auch wieder normal ist. Oder weniger gestört. Nur geht nicht immer jemand ran. Was natürlich sehr verständlich, nur im speziellen Einzelfall dann eben auch recht misslich ist.

Doch man kann andere Dinge tun, wenn Telefonjoker nicht rangehen. Man selbst schon dreimal um den Block lief, achtsam dabei Blätter zählte oder grünfarbene Autos, den Wind wahrnahm und natürlich vollkommen wertfrei kurzbehoste Menschen in vermüllten Parkanlagen. Wenn es dann wundersamerweise trotzdem noch nicht besser ist, kann man auch andere Dinge tun. Und für diese ganz besonderen Momente habe ich Ammoniak dabei und auch in der Büroschublade. Zugegeben. Das ist weit weniger charmant als ein freundliches Gespräch und verbale Streicheleien von mir geliebten Menschen. Das ist mehr so der Fausthieb ins Gesicht von hünenhaften Türstehern mit gorillaartiger Präsenz. Aber dafür recht effektiv.

So saß ich also im Büro. Bei zurecht verschlossener Tür und nahm einen tiefen Zug als es an ebendieser klopfte. Und ich hätte gern „Herein.“ gesagt. Oder eher „Draußen bleiben!“, weil ich noch am Schwanken war von dem olfaktorischen Schlag, der mir in der Sekunde fluchend Tränen in die Augen trieb. Doch es wartet niemand auf die Antwort. Der Postmann, der trat einfach ein und überreichte mir, meinen Zustand ignorierend oder schlichtweg übersehend, einfach einen Briefumschlag. Es war das Einschreiben von meiner Universität mit der Promotionsurkunde, auf die ich schon sehr lange wartete und, ohne die dieser Prozess noch immer nicht zu Ende war.

Und so saß ich dort. Hinter erneut verschlossener Tür. Links das Ammoniak. Rechts den Doktortitel. Und wenn eine einzige Szene mein Leben gut beschreibt, dann ist es vermutlich diese.

Summary

Ich werde oft gefragt, wie das eigentlich so ist mit Borderline. Und hab das mal zusammengefasst:

Freude. Freude! Freude! Euphorie!! Oh. Traurig. Freude! Wütend. Extrem wütend. Nein, traurig. Einsam. So einsam. Einsam. Einsam. Leere. Oh, diese Leere. Traurig. Aber Liebe. So viel Liebe! Liebe. Liebe. Liebe. Empathie!!! Freude. Freude!! Freude! Traurig.

Ja. Das beschreibt es schon ganz gut.
So einen durchschnittlichen Nachmittag.

Auf der anderen Seite

Gestern war Mittwoch. Mittwoch läuft im Fernsehen Maischberger. Ein Talkshowformat, wie es so viele gibt. Konzept, Thematik, Gäste. Nahezu identisch. Nur das namensgebende Gesicht ist anders. Aber auch das könnte man tauschen. Auffallen würde es wohl kaum.

Und gestern war nun Maischberger. Zum Thema Obdachlosigkeit. Anders als üblich saßen hier nicht nur vermeintliche Experten, sondern tatsächlich mal Betroffene. Ok. Ehemals Betroffene. Trotzdem. Man sprach mit ihnen und nicht über sie. Das kann man schon mal gutheißen.

Nicht ganz so gut waren die moderierenden Fragen, die ich nicht einzuordnen wusste. Zwischen strategisch naiv oder einfach nur unwissend. Wie auch der Auftritt Judith Rakers, die sich für Obdachlose engagiert. Was natürlich ebenfalls gut ist. Aber nicht ihr Selbstversuch. Als Obdachlose. Für ganze 30 Stunden. Ja. Genau. 30 Stunden. Dazu gutaussehend mit guter Ausstattung. Schlafsack. Isomatte. Warmer Wäsche. Und ein ganzes Kamerateam. Was natürlich gut gemeint, aber etwas dummdreist war. Und Günther Wallraff irgendwo an Fremdscham starb. Aber gut. Sie hat dabei schon viel gelernt. Über Gefahren, Stigmatisierung und Schikane. Und seitdem noch mehr Verständnis.

Und das kann ich nachvollziehen. Ich habe auch viel mehr Verständnis seitdem ich in der Klinik war. Denn dort lebte ich mit Sophie. Für knapp vier Wochen. Zusammen. In einem kleinen Zimmer. Sie lebte Jahre auf der Straße und aktuell in einem Wohnheim für obdachlose Frauen. Sophie ist noch ziemlich jung. Noch lange keine dreißig und zudem auch noch sehr klug. Und ich meine nicht ihr abgebrochenes Philosophiestudium oder das der Kunstgeschichte. Sondern ihre Erfahrungen gepaart mit einem Grad an Reflexion, die mich tief beeindruckt haben in unseren nächtlichen Gesprächen.

So habe ich viel von ihr gelernt. Über das Leben auf der Straße. Das Netzwerk aus Orten und Gelegenheiten. Wo und wann man schlafen darf. Was einem dabei passieren kann. Erst recht, wenn man jung und attraktiv ist. Sehr viel Furchtbares. Und manchmal auch etwas Schönes. Was das andere kaum ausgleicht. Ich lernte, wo man essen und wo man Wäsche waschen kann. Wie man sich durch die Stadt bewegt, wenn es draußen elend kalt ist. Weil man die Unterkunft früh morgens schon verlassen muss und dann auf der Straße steht. Man abends erst zurückdarf. Wenn man denn das Glück hat und noch einen Platz bekommt.

Wir gingen gemeinsam durch die Stadt. Und ich nahm sie anders wahr. Sah den mir verschlossenen Raum, der nur mit Geld benutzbar ist. Die warmen Plätze im Café, die mich einen Kaffee kosten, den sie sich nicht leisten kann. Shoppingmalls mit Platzverweisen. Privatisierter freier Raum, über deren Zugangsrechte Unternehmen frei entscheiden. Durchgesetzt von Menschen mit ausgedachten Uniformen, deren Selbstwert davon abhängt mal nicht der Schwächere zu sein. Und zudem überall die Unmöglichkeit sich auszuruhen. Bänke und das Mobiliar der Stadt mittlerweile defensiv. So dass man dort nicht liegen oder etwa schlafen kann. Ich sehe die Konsumgeschäfte, die die Stadtteilzentren säumen und ausschließlich das Stadtbild prägen. Die Sophie nicht interessieren. Weil sie so lange schon kein Geld hat, dass Konsum vollkommen egal ist. Überhaupt keine Option. So nahm ich mich auch anders wahr, wenn ich mit Einkäufen zurückkam, von denen ich dachte sie zu brauchen. Doch Brauchen ist so relativ.

Doch was ich mehr noch von ihr lernte, war von tieferer Natur. Denn Sophie war vollkommen frei von normativen Leistungszwängen und Konformitätserwartungen. Und damit das Gegenstück zu mir. Absolut und nichts zu müssen und gar nichts zu akzeptieren, nur weil es eben Konvention ist oder alle das so tun, das hat sie konsequent gelebt. Und mit aller Konsequenz. Denn wer gesellschaftliche Regeln nicht auf Dauer akzeptiert, der wird auch nicht mehr mitgetragen. Angebote, Unterstützungen zielen alle darauf ab, dass Du wieder funktionierst. Teil dieser Gesellschaft wirst und Dich in sie integrierst. So wurde nach der Klinik nun erwartet, dass sie auf Alkohol verzichtet. Ein gesundes Leben führt. Geregelt. Einen festen Wohnraum findet und auf lange Sicht gesehen in den Arbeitsmarkt zurückkehrt. Und dafür den Willen zeigt. Den hatte Sophie aber nicht. Sie verlor daher ihr Zimmer. Und ist jetzt wieder auf der Straße. Obwohl sie dieses Leben hasste, weil es furchtbar qualvoll ist.

Wir leben in einer Leistungs- und Konkurrenzgesellschaft, die all diejenigen ausgrenzt, die nicht in dieses Schema passen.“ sagte der Armutsforscher Christoph Butterwegge ebenfalls bei Maischberger. „Die Politik bekämpft Obdachlose, nicht die Obdachlosigkeit.“ Und das war dann auch das Klügste des gesamten Talkshowabends.

Zu und los

 Sind Sie so ein dämlicher Verlierer, dass Sie nicht mal merken, wenn Sie gewonnen haben?“ [Jacob Fuller. From Dusk till Dawn.]

Ja. Gute Frage. Das frage ich mich auch die ganze Zeit. Und ganz besonders gestern als mich nämlich jemand fragte, wie es denn so bei mir läuft. Und ich geübt relativieren wollte: Ach. Hach. Naja. Muss ja. Geht so. Irgendwie. Ne? Ne! Eben nicht. Genauso nicht. Denn es läuft wirklich gut. Sehr gut. Bemerkenswert gut. Erstaunlich gut. Erschreckend gut. So gut, dass es kaum auszuhalten ist. Und das ist vermutlich auch der Punkt. Es IST kaum auszuhalten. Und es ist auch sehr erschreckend. Denn ich bin das nicht gewohnt. Und es macht mir daher Angst. Wirklich Angst. Doch Angst wovor? Angst vor dem Unbekannten? Angst vor der Zufriedenheit? Angst vor dem Verlust der Zufriedenheit? Angst vor der Leere, die dann kommt? Weil ich nicht mehr kämpfen muss? Ständig mit mir kämpfen muss und vor allem gegen mich. Die ganzen Glaubenssätze, an denen man so festhält. Die damit festen Halt geben. Was bleibt denn, wenn die weg sind? Von mir und meinem Weltbild. Meiner kleinen Komfortzone des konstruierten Unglücks. Was ist, wenn es mir gut geht? Einfach einmal gut geht? Was kommt dann? Und dann? Und dann? Und dann? Tja. Dem werd‘ ich mich jetzt stellen müssen. Es einfach geschehen lassen. Einfach mal lassen.
Mich lassen. Sein lassen.
Zulassen. Loslassen.
Einfach lassen.
Zu und los.
Los!

Subjekt-Prädikat-Objekt

In der Grundschule haben wir gelernt, dass Sätze aus verschiedenen Gliedern bestehen. Das Prädikat beschreibt, was getan wird. Und Prädikate brauchen ein Subjekt. Das handelnde Subjekt, damit man überhaupt von einem Satz sprechen kann. Nur stellt das selten auch zufrieden. Sondern wirft dann Fragen auf. Ich gehe. Wohin? Ich brauche. Was? Ich stolpre. Warum? Daher braucht man ein Objekt, das mit der Handlung in Bezug steht.

Soweit. So grammatikalisch sinnvoll. Nur stelle ich bei mir oft fest: Gefühle folgen diesem Aufbau nicht. Sie haben zwar ein Prädikat. Und mich als handelndes Subjekt. Ich liebe. Ich lache. Ich hasse. Ich weine. Doch brauchen sie ein Objekt nicht. Sie kommen ohne Dativ aus. Ohne Genetiv oder Akkustativ, mit der die Handlung in Bezug steht. Und das wirft bei mir dann Fragen auf. Nach der emotionalen Grammatik. Meiner emotionalen Grammtik. Deren Regeln ich bis heute nicht verstanden habe.

Versprechen

Manche Dinge kann man nicht in Texte packen. Zumindest nicht in Fließtext. Daher gibt es heut Fragmente:

Als ich im Büro meine Arbeit formatierte, ganz entspannt in aller Ruhe, und schließlich zu dem Deckblatt kam, fing ich langsam an zu zittern als ich den Satz verpflichtend schrieb: „Zur Erlangung des akademischen Grades Doktor-Ingenieurin

Am Abend verließ ich das Büro.
Mit der Datei in meiner Tasche: Diss_Nuthouse_Final.pdf.

Und gestern Morgen wollte ich zum Drucken. Ganz früh. Um als erste da zu sein. Mittags verließ ich meine Wohnung. Mit der Datei: Diss_Nuthouse_Final3e.pdf.

Und, dass beim Druck noch etwas fehlte. Oder auch zu viel war. Wo es gar nicht hingehört. Erhöht zwar kurzfristig den Puls. Atmungsfrequenz. Körperoberflächenfeuchtigkeit. Ist dann aber auch egal.

Denn dann hielt ich die Arbeit in der Hand. Dick und schwer und schwarz gebunden. Und habe ziemlich laut gelacht. Und danach, da musste ich weinen. Mitten in dem Copyshop. Bis der Mitarbeiter kam und sagte: „Da hat jemand sein Leben wieder.“ Und da hatte er wohl recht.

Dann verließ ich das Geschäft und war vollkommen überfordert von den ganzen Emotionen und wusste nicht wohin mit mir und ging einfach mal einkaufen. Waschmittel. Küchenschwämme. Abflussfrei. Klebeband. Gummibänder. Wattestäbchen. Und natürlich auch Champagner. Der war für meinen Spätimann. Den hatte ich ihm einmal versprochen, wenn die Arbeit fertig ist. Und was ich sage, mach ich auch. So tranken wir zusammen Champagner in diesem Kiosk in Neukölln.

Also. Für mich klingt das nach Happy End.
Und das ist irgendwie voll gut.
Denn das kann ich somit auch.

Stadtteilspaziergang

Ich machte heut‘ einen Spaziergang. Zur Entspannung. Angenehme Aktivität und so. Ihr wisst schon. Das Wetter ist auch angenehm. Angenehm sonnig, dazu ein leichter Wind. Ich trage ein leichtes Sommerkleid. Schwarz mit weißen Punkten. Das finde ich sehr fröhlich. Fast wie Blumen, nur halt mit Punkten. Man soll es auch nicht übertreiben.

Und so spaziere ich dann los. Die Verkehrsachse entlang. Eine von den dreien, die Neukölln von Nord nach Süd zerteilt. Und an denen Neukölln noch so ist wie Neukölln. Und es überall sein soll. Wenn man Herrn Buschkowsky glaubt.

Vor mir läuft eine Frau. Die Hose viel zu tief. Den Kopf zu sehr gebeugt und die Haare arg zu dünn, um nicht nicht prekär zu sein. Sie schlurft langsam vor mir her, so dass ich alsbald näherkomme. Da bleibt sie unvermittelt stehen und steckt die Hand in ihren Schritt. Von hinten. Und wühlt dort neugierig herum. Ein Gefühl, was ich so gar nicht teilen kann. Und was sie dann zum Vorschein bringt, das möchte ich Euch jetzt ersparen. Und hätte es mir auch sehr gern. Zudem meinem Mageninhalt, der mit einmal unruhig wird. Drum erstmal schnell die Straße wechseln. Man hätte mich fast überfahren. Und passiere dort zwei Jungs, die wohl ihr Wochenende planen:

„…ich will schon ausgehen heute.“

 „Jaaa. Aber nich so lange…“

 „Neee. Nicht lange. Ich muss morgen auch was machen…nur bis vier, fünf oder so. Und ohne viel Ballern….“

Wie ihr Abend dann noch war, werde ich wohl nie erfahren. Laufe weiter und links ab, in eine kleine Straße rein. Auf der ich eine Dame sehe, die mir mit kleinen, wackligen Schritten und Einkäufen entgegenkommt. Eine adrette, alte Dame mit Föhnfrisur und Faltenrock. Die Bluse trägt sie hochgeschlossen, die schweren Tüten eher tief, so dass man ihr gleich helfen will. Und ich setze auch schon an, als sie als erste zu mir spricht:

„Dir sollte man mal in die Fresse schlagen. Mit der Faust. So richtig in die Fresse.“

Ich schau sie an. Und kann nicht mehr. Nein. Plötzlich kann ich echt nicht mehr. Ich kann nicht mehr an mich halten. Ich pruste lachend los. Zusammen mit `ner Gruppe Jungs, die bei mir an der Ecke stehen und es auch nicht fassen können. Und mir fällt mein Mantra wieder ein. Ein Teil meines Mantras aus der Psychiatrie. Meine Mitgefühlsmeditation:

„Wir befinden uns alle in der gleichen Situation. Mit einem Gehirn und einer Geschichte, die wir uns nicht ausgesucht haben. Wir alle suchen das Glück und wollen Leid vermeiden. Unser aller Geist ist oft chaotisch und voll widerstreitender Gedanken. Ich weiß und akzeptiere das. Ich verurteile niemanden. Und habe Verständnis.“  

Ja. So ein Stadtspaziergang kann schon sehr besinnlich sein. Das mach‘ ich morgen gleich nochmal. Nur vielleicht einmal woanders.

Warenkette

Ich bin im Supermarkt. Ich stehe an der Kasse und lege die Waren auf das Band. Sorgsam aufgereiht. Zwischen die der anderen. Brav. Getrennt durch einen Warentrenner. Ich schaue auf die Waren. Ich schaue auf die Menschen. Die davor und die dahinter. Auch sehr sorgsam aufgereiht. Und stelle mir ihr Leben vor. Anhand des Mosaiks aus Waren, das ruckend zuckend kassenpiepsend hier an mir vorüberzieht. Dazwischen mein verschämter Haufen, der sagt: Single. Frau. Und essgestört.

Nach mir folgt dann Bioware. Eine ganze Parade Bioware zieht an mir vorbei. In erd- und beigefarbenen Tüten. Linsen. Kichererbsen. Hirse. Und natürlich Leinensamen. Dunkel. Körnig. Und gesund. Und dazwischen leuchtet rot eine Packung mit Kondomen. Extrafeucht. Warum auch immer. Vielleicht weil der Rest einfach schon so trocken ist. Wie mein Blick auf die Person, welche diese Waren wählte. Und der unbedingte Wunsch einer jetzt bildarmen Phantasie. So schau ich zurück auf ihre Waren: Hirseflocken und Kondome. Wie poetisch. Denke ich. Hirseflocken und Kondome. Man sollte Gedichte drüber schreiben.

Und während ich das noch so denke, schaut mich dieser Mann an. Der, der vor mir an der Kasse steht. Das Bündel Socken, Tiefkühlbeutel und die Dose Reißzwecken. Er schaut. Und schon die ganze Zeit. Mit einem Blick des Bittens und Bettelns um Erwiderung. Dem ich vehement entweiche und auch das die ganze Zeit. Um dann schließlich nachzugeben. Was?! Schau ich. Was willst du denn? Und er zeigt auf die Tiefkühlbeutel. „Tiefkühlbeutel“, sagt er dann. Ich sage: „Ja, das sehe ich“. Und schließlich dann die Reißzwecken. „Reißzwecken“, klärt er mich auf. „Reißzwecken“. Ich schaue auf den Mann und wäre plötzlich gern woanders. „Mit Tiefkühlbeuteln und Reißzwecken kann man Dinge an die Bäume hängen“ erläutert er mit einem Blick der Vieles sagt. Zu viel, um genau zu sein.

Nein. Nein. Nein. Ich will nicht wissen, was dieser Mann an Bäume hängt. Seiner Erscheinung nach sind weder imperative Verhaltensaufforderungen noch Kleintierkadaver wirklich vollends auszuschließen. Und meine spontan einsetzenden Fluchtreflexe werden von der Erkenntnis jäh gebremst, dass ich hier gefangen bin. Gefangen an der Kasse. Gefangen zwischen Hirseflocken, Reißzwecken und Sportsocken. Nein. Ich möchte es nicht wissen. Ich will es wirklich nicht wissen. Und trotzdem, trotzdem höre ich mich fragen: „Und was hängen Sie so an Bäume?“ „Ha! Darüber sollten Sie mal nachdenken!“ Und dieser Fluch wirkt noch bis heute.

Taxi

Es ist Sonntag. Ich hab’ frei. Das finde ich toll. Es ist Sonntag. Ich hab’ frei. Und die Sonne scheint! Das finde ich so richtig toll. Und heute Abend fliege ich nach Liverpool. Das ist noch viel toller. Und was noch so richtig toll ist, ist, dass der Bus zum Flughafen direkt vor meiner Tür fährt.

Ich stehe also an der Bushaltestelle mit Rucksack und gepacktem Koffer in der Sonne heftigst grinsend, weil alles grad so unglaublich unvorstellbar und unwahrscheinlich toll ist.

Da kommt ein Taxi vorgefahren.

Ein Mann steigt aus. Ein kleiner, fröhlicher Mann und fragt, ob er mich mitnehmen kann.

Ich so: Ich warte auf den Bus.

Er so: Ich fahre zum Flughafen. Ich muss da ohnehin schon hin. Und kann Dich doch auch mitnehmen.

Ich so: Umsonst?

Er so: Ja.

Ich so: Echt? (Checke Mann. Checke Risiken. Checke Nutzen. Ach, egal. Alles toll.) Sage: Fein. Und steige ein.

Da kommt ein zweites Taxi angefahren.

Und hält auf einmal hinter uns. Ein Mann steigt aus. Der ist jetzt nicht ganz so fröhlich. Ja, beinah schon aggressiv und ohne dabei klein zu sein. Ich schaue mir vom Rücksitz an wie beide auf der Straße stehen und heftig diskutieren und verstehe alles nicht. Schon den Anfang hab ich nicht verstanden. Warum ich jetzt im Taxi sitze, das an einer Haltestelle steht, an der der Bus fährt, der mich zum Flughafen bringt, wo meine Kollegen warten und der Flug wohl eher nicht. Jetzt sitze ich hier und schaue von der Rückbank staunend auf zwei Männern auf der Straße, die ihrer Gestik nach von Körperlichkeiten nicht allzu weit entfernt sind. Und als andere Menschen nun hinzukommen, steig ich also endlich aus. Und nun versteh‘ ich auch, was los ist. Mein Taxifahrer hat keine Berliner Zulassung und darf mich gar nicht transportieren. Der andere Mann fühlt sich betrogen. So als Berliner Taxifahrer. Und, dass er mich umsonst mitnehmen wollte, glaubt er mir natürlich nicht. Was ich auch verstehen kann. Denn mir ging’s bis eben ähnlich. Doch als es weiter eskaliert, die Traube interessierter Menschen ständig anwächst und der Bus von weitem naht, sag ich: Hey, kein Ding. Ich wollte doch sowieso den Bus nehmen. Und geh zurück zur Haltestelle.

Die Taxen fahren los. Der Bus kommt. Ich fühle mich leicht. So unbeschreiblich leicht. Ich fass mir an die Schulter und stelle fest, der Rucksack fehlt. Der liegt auf dem Rücksitz dieses Taxis, welches grad auf der Straße hinten klein am Horizont verschwindet. Darin mein Ausweis, Geld und auch meine Busfahrkarte. Ich fluche laut im Sonnenschein. Die Schaulustigen sind verzückt. Aufgrund der Vielheit meiner Flüche und der spontanen Fortsetzung, die sich ihnen kaum erschließt. Aber egal. Jetzt muss es schnell gehen.

Herausforderung Eins

Ich muss den Busfahrer überzeugen mich mitzunehmen. Ohne Geld. Und ohne Fahrkarte. Ich erzähle ihm die Geschichte und er sieht mich so bescheuert an, wie diese wohl auch klingen mag. Und winkt mich schließlich einfach durch. Wo circa fünfzehn Menschen sitzen, die dieser ebenfalls gelauscht haben und mich jetzt alle ansehen. Mit Mitgefühl, Verwunderung und irritierten Formen des Desinteresses. Ich sitze da und starre vor mich hin. Ich versuche nachzudenken. Ein Mann kommt auf mich zu. Er schenkt mir fünf Euro und wünscht mir viel Glück. Ich kaufe mir eine Busfahrkarte. Ordnung muss sein. Und draußen zieht die Stadt vorbei. Unschuldig. Nichtsahnend. Unberührt. Wie kann sie nur.

Herausforderung Zwei

Ich muss irgendwie diesen Taxifahrer am Flughafen finden. Wie ist mir allerdings ein Rätsel. Noch sitze ich im Bus und tröpfchenweise sickern mir die Dinge ins Bewusstsein, die jetzt in diesem Taxi sind: Mein Haustürschlüssel. Mein Laptop mit der Doktorarbeit. Der USB-Stick mit der Sicherungskopie. Die neue externe Festplatte, die zwar zu Hause liegt. Aber das Back-Up, das ich nicht gemacht habe. Der Bus fährt. Ich habe Zeit. Ich bin mir sicher, dass ich alles wiedersehe. Nur die Kollegen, denen ich schrieb, äußern daran deutlich Zweifel. Aber irgendjemand muss jetzt wohl auch angemessen panisch sein.

Herausforderung Drei

Am Flughafen angekommen gehe ich zum Taxistand. Ich versuche verzweifelt zu erklären, was mir grad passiert ist. Und das ist gar nicht mal so leicht. Wenn einem so etwas passiert.

„Ich habe meinen Rucksack in einem Taxi vergessen.“

 „Ah, mit welchem Taxi sind Sie denn gekommen?“

 „Gar nicht. Ich bin mit dem Bus gekommen. Nur mein Rucksack mit dem Taxi.“

Nun ja. Die Reaktionen könnt‘ ihr Euch vorstellen….Und während sich die Taxifahrer hilfsbereit untereinander informieren, lief ich die Warteschlangen ab. Ich sah in mehr als fünfzig Taxen. Wurde fünfzig Mal gefragt, ob ich denn eins brauchen würde. Nein, nein, nein. Ich brauche kein Taxi. Ich brauche meinen Rucksack. Und zwar schnell! Und auch wirklich immer schneller. Denn das Gate schloss nunmehr bald.

Und dann sehen wir uns von weitem! Er mit meinem Rucksack bei den Bussen. Ich ihn suchend bei den Taxen. Dazwischen eine weite Wiese. Grün. Wir laufen uns entgegen. Mit ausgestreckten Armen. Die Vögel zwitschern. Der Himmel färbt sich langsam rosa im aufgehenden Sonnenuntergang. Von irgendwoher ertönen Geigen und Schmetterlinge stoben auf als wir uns vor Freude lachend und weinend vor Erleichterung endlich in den Armen lagen. „Ich wollte Ihnen doch nur helfen…“ stammelt er. „Ich weiß doch…“ sage ich. „Ich weiß.“ Und muss die Szenerie auch schon verlassen, denn mein Flieger wartet nicht.

Und als ich in die Halle eile, springen alle plötzlich auf. Fähnchenschwenkend klatschend jubelnd. Es regnet Konfetti von der Decke. Luftballons sind überall. Das Sicherheitspersonal bildet statt Kontrolle ein Spalier und feuert mich frenetisch an, während ich durch sie hindurch auf der Zielgeraden weiter Richtung Gate marschiere. Ich springe als Letztes in den Flieger und als hinter mir die Türen schließen, geht eine Laola durch die Reihen und die Stewardessen rufen laut: Champagner! Für alle!!

Ja. Ok. Das Ende war jetzt etwas übertrieben. Aber sonst hat es sich genauso abgespielt. Der Anfang. Meiner Reise. Nach Liverpool. Und mein letzter freier Tag.