Herr der Fliege

Die Männer, die sich zu mir setzten, waren mir nicht unsympathisch. Nur rochen sie nicht ganz so gut. Der zu meiner linken Seite war auch nicht akut betrunken, nur offensichtlich schon sehr lange und das überaus konstant. Monate. Vielleicht auch Jahre. Mit diesbezüglichen Zersetzungen kenne ich mich nicht so aus. Der mir gegenüber saß, war weit weniger betrunken und wirkte an sich recht entspannt. Wie er so wegzudämmern drohte, in seinem rosafarbenen Pullover mit der rosafarbenen Kapuze unter der sich die Pupillen kreisförmig nach oben drehten. Als wollten sie in seinen Kopf schauen. Ganz tief in ihn hinein. Während seine Lider wie zwei kleine Flügel flatternd langsam auf sie niedersanken. Die ganze Schwere dieses Körpers musste wohl auf ihnen lasten. Und das muss schon ziemlich viel sein bei einem derart großen Körper, in dem zahlreiche Substanzen parallel zu wirken schienen.

Ich sah mir sein Gesicht an. Das Gesicht von diesem Mann, das nach sehr viel Leben aussah, nur eben kein sehr angenehmes. Und wenn man so ein Leben hatte, will man die Augen vermutlich einmal schließen und den Blick von allem abwenden. Der Stadt. Der S-Bahn, in der wir zusammen fuhren, und erst recht auch von sich selbst. Der Mann lächelte. Ob das nun die Drogen waren oder ein freudiger Gedanke, das wusste ich natürlich nicht. Und das geht mich auch nichts an. In einem durchschnittlichen Wagen des Personennahverkehrs gibt es zudem genug zu sehen. Und wenn einen das mal überfordert, kann man auch nach draußen schauen. Wo zuverlässig diese Stadt ist. Ob man sie mag oder auch nicht.

Doch zwischen Häusern und den Menschen blieb ich doch woanders hängen. Auf dem Rand aus grauem Kunststoff, Polyvinylchlorid vermutlich, das die Bahnfenster umfasst, die sowohl Trennung als Verbindung zwischen drinnen und draußen sind. Auf deren zentimeterbreiten Kante jetzt eine Stubenfliege saß. Und dort konstant im Kreis lief, wenig ihrer Art entsprechend, in ihrem eigenen Wendekreis und bei Abweichung des Zirkels stets das Fensterglas touchierte. Ja. In dieser Stadt scheint alles irgendwie kaputt zu sein. Und während ich dem Kreislauf zusah, der in seiner Redundanz durchaus auf mich beruhigend wirkte, kam ich nicht umhin zu merken, damit nicht allein zu sein.

Wir drei schauten auf die Fliege. Und nach einer ganzen Weile hielt der Mann im rosa Pulli dem kleinen Tier den Finger hin, den es nach einer weiteren Weile und geduldiger Betrachtung irgendwann dann auch erklomm und so auf seinem Finger saß. Gerahmt von einem Fingernagel, der ungleich abgebrochen war mit einem tiefen schwarzen Rand, und aus Sicht von dieser Fliege wie Hügelketten wirken könnte. Ein Alpenpanorama aus Schmutz und gelblich-weißem Schnee, was die Fliege wohl nicht wusste, denn sie kannte keine Alpen und da sie nicht sehr lange lebte, vermutlich auch gar keinen Schnee.

Der Mann hob stolz, fast zärtlich den Finger zu ins in die Mitte, auf der er die Fliege balancierte oder die Fliege auch auf ihm, die wir weiterhin beschauten und uns dabei nahe waren. Doch. Gemeinsam Tiere zu betrachten und seien sie auch noch so klein oder wie diese hier kaputt, schafft irgendwie Verbundenheit. „Ich glaub, ihr Flügel ist gebrochen“ stellte ich die Diagnose und die Männer nickten wissend, ob um das Schicksal dieser Fliege oder auch der ganzen Welt. Und nach einer kurzen Andacht schnippte er sie kurzerhand aus dem gekippten Oberfenster. Das gibt ihn jetzt Karmapunkte, stellte er zufrieden fest, da er sie gerettet habe. Ob die Fliege so empfand, kann man natürlich nur vermuten. Doch durfte sie nochmal fliegen. Und vielleicht war das auch gut.

Männer, die in Bahnen fahren (2)

Und dann saß mir in der S-Bahn dieser Mann gegenüber. Ein schöner Mann. Aber nicht zu schön, um ihn nicht mehr schön zu finden. Er schaute auf sein Telefon. Ich schaute auf mein Telefon. Zwischendurch sahen wir auf. Über die Mobilgeräte hinweg. Sahen uns an. Und zurück auf die Telefone. Immer wieder. Irgendwann lächelten wir sogar dabei. Und das auch immer wieder. Telefone. Lächeln. Telefone. Lächeln. Telefone. Irgendwann stoppte ich die Prozedur. Weil alles schon gesagt war, was sich mit Schauen und Lächeln sagen lässt. Zudem musste ich raus. Umsteigen. Er musste aber auch raus. So standen wir zusammen vor der Tür. Und konnten nochmal Lächeln. Im Stehen und ohne Telefone. Dann verließen wir die Bahn. Doch bevor ich weiterkonnte, sprach er mich tatsächlich an. Der schöne Mann. Ob wir uns wiedersehen wollen. Und ich weiß nicht, wo das Konfetti herkam. Die Luftschlangen und das Feuerwerk. Äußerlich blieb ich gelassen und sagte einfach: Ja. Das wäre schön. Und: Hallo. Ich bin Nina. Ich bin Aaron, sagte Aaron. Und das fand ich richtig gut.

Wir tauschten unsere Nummern aus und gingen jeweils zu unseren Gleisen. Und ich war nicht ganz am Ziel meiner eigentlichen Reise, da kam von ihm schon eine Nachricht. Sein Fernzug sei zwar ausgefallen, aber das wäre nicht so schlimm. Denn der Tag hat gut begonnen, weil wir uns getroffen haben. Und mein innerliches Grinsen nahm nun äußere Formen an. Ich schrieb ihm kurz danach zurück. Wie toll, dass er mich ansprach. Ich hätte das wohl nicht gepackt. Und freue mich auf ein Wiedersehen. Nur schrieb er später dann noch mal. Wie chaotisch seine Reise wäre. Doch das sei alles aushaltbar, weil er mich vor Augen habe. Und als darauf noch weiter kam, wie toll sein erster Eindruck war und er überaus gespannt sei, den Rest von mir bald zu entdecken, da war’s bei mir leider vorbei. Zu viele Komplimente. Nach nur drei Stationen Bahnfahrt. Zu wenig Interesse. An mir als Person. Vom Traummann zum Player in nur vier Textnachrichten. Das muss man auch erst einmal schaffen. Aber immerhin. In meiner Fantasie hatte ich den Richtigen gefunden. Für ganze zwei Stunden. Und das kann mir keiner nehmen. Auch keine noch so blöde Anmache in einer plumpen Textnachricht.

 

Männer, die in Bahnen fahren (1)

Letzte Woche war ein Mann in der U-Bahn. Das ist soweit nicht ungewöhnlich. Es leben 1.823.912 männliche Menschen in Berlin. Von denen fahren auch viele U-Bahn. Das ist eine Tatsache. Nur war dieser Mann sehr gut gekleidet, was in Berlin nicht häufig ist und schon gar nicht in der U-Bahn. Drei. Genau drei. Drei gut gekleidete Männer habe ich den 26 Monaten gesehen, seitdem ich hier bin. Aber vielleicht ist das total viel. Für Berlin. Das weiß ich jetzt nicht so genau. Aber der hier war nun Nummer drei. Und stand jetzt so da. Groß. Galant. Sympathisch. Stattlich. Mit einer Rose in der Hand. Was ich gar nicht wissen konnte, war sie doch komplett eingewickelt in Papier. Aber so wie er da stand, so wie er schaute und dieses Objekt behutsam in den Händen hielt, musste es einfach eine Rose sein.

Der Mann. Die Rose. In der U-Bahn. Auf dem Weg zu einem Date. Einer Verabredung. Ein französisches Lokal mit weißer Tischdecke. Ein Zweiertisch. Mittig, aber leicht am Rand. Die Frau hat dort schon Platz genommen. Sitzt da, aber wartet nicht. Im schwarzen Kleid mit dunklen Haaren. Halblang. So dass sie eine Strähne ständig aus dem Gesicht hinter das Ohr streicht. Während sie verträumt zur Tür sieht, wo er gleich erscheinen soll. Mit dieser Rose. Sie ihr überreichen wird, wenn sie sich vom Tisch erhebt. Augenblicke. Hingehauchte Wangenküsse. Bis man sich hinsetzt und bestellt. Und dann stellte ich mir vor, ich säße dort und wäre da. Mit diesem Mann. Der zu mir ins Lokal hereinkam. Mir diese Rose überreichte. Man zusammen beim Essen sitzt, sich über Teller zwischen Weingläsern und Kerzen ansieht; erzählt wie denn der Tag war. Oder das bisherige Leben.

Und während ich so fantasiere und mich frage, wie ich das wohl finden würde. Mit diesem Mann in dem Lokal. Fängt er plötzlich an zu gähnen. In der Bahn. Und das kann man auch verstehen. Wenn man einen langen Tag hatte, irgendwo früh aufgestanden ist, wichtige Termine waren, die man erfolgreich absolvierte. Besprechungen hielt. Probleme löste oder schaffte. Und dann noch eine Rose kaufte. Ja. Da darf man auch mal müde sein. Und dann muss man auch mal gähnen. Natürlich richtig herzhaft. Das darf man auch. Das muss mal raus. So dass der Kiefer beinah knackt, weil die Spannweite erreicht ist. Er fast auszuhaken droht. Und wenn man sich schon gehen lässt, hält man auch nicht die Hand davor. Fünfe müssen gerade sein. Zumindest einmal. Jeden Tag.

Ja. Das kann ich gut verstehen. Doch der Zauber war vorbei. Das Lokal mit einmal weg, indem ich nicht mehr sitzen wollte. Sondern nur nach Hause fahren. Wo niemand auf mich wartet. Keine Rosen. Keine Bärte. Keine Stimmen. Keine Gespräche. Und mehr braucht es manchmal nicht. Zum Glück. Als das Fehlen dieser Dinge, von denen man plötzlich weiß, dass man sie grad nicht haben will.

Helden des Alltags

In der Klinik haben wir gelernt uns „Helden des Alltags“ zu suchen. Besser gesagt, wir sollten es lernen. Denn das ist gar nicht mal so leicht. Helden des Alltags. Das sind Menschen, die wir kennen. Menschen, die keinerlei Störung haben. An deren Verhalten wir uns orientieren sollen. In schwierigen Situation bei emotionalen Schieflagen. Menschen, die keinerlei Störung haben. Da ist wirklich nicht so leicht.

Meine Heldin des Alltags traf ich gestern in der Bahn. Sie setze sich zu einer Frau und stieß sie dabei mit ihrem Koffer an. Aus Versehen selbstverständlich. Und bat sie sogleich um Verzeihung. Formvollendet höflich. Und wurde trotzdem angemacht. Von einem älteren Herren. Der ihr gegenüber und direkt neben mir saß. Man könne doch mal vorher aufpassen. Anstatt sich hernach zu entschuldigen. Entschuldigen sei ja so leicht. Aber mehr Rücksichtnahme und Umsichtigkeit. Das würde ihr guttun! Und der Gesellschaft sowieso.

Womit er nicht ganz unrecht hat. Doch wage ich trotzdem zu bezweifeln, die Welt wäre ein besserer Ort, würde man sich nicht entschuldigen. Und ganz ganz sicher wird sie auch nicht eben besser, wenn man höfliche Menschen anpöbelt und ihnen ihre Weltsicht aufzwängt. Ungefragt. Und aggressiv. Das wollte ich ihm gerne sagen. Ebenfalls ungefragt. Und nicht minder aggressiv. Und konnte kaum noch an mich halten. Als die Frau ihm freundlich lächelnd für diesen Hinweis einfach dankte. Und ihn weiter grummeln ließ. Und alles wieder friedlich war.

Und als ich dann die Bahn verließ, drehte ich mich nochmal um. Sah sie an und sagte ihr, das sie mich tief beeindruckt hat. Meine Heldin. Dieses Tages.