Aktionismus

Am Tag danach. Dem Tag danach. Dem Tag nach meinem letzten Rückfall meldete sich ein Freund bei mir, wie es mir denn so gehen würde. Und ich sagte es ihm dann: „Ich hatte einen Rückfall. Einen sehr, sehr schlimmen Rückfall. Weil ich mich überfordert fühlte. Und jetzt schäme ich mich. Ich ärgere mich. Ich fühle mich grauenvoll und ich habe Angst. Aber vor allem muss ich diesen furchtbaren Tag jetzt erstmal überstehen.“ 

Abends meldete er sich wieder: „Hey, Du hast es fast geschafft! Wie ist es Dir ergangen?

Und ich erzählte es ihm dann: Ich hatte meiner Therapeutin geschrieben, was passiert ist. Ich hatte ihr eine zweimonatige Therapiepause vorgeschlagen, um wieder richtig clean zu werden. „Denn ich möchte meine wertvolle Therapiezeit nicht damit verschwenden, über Alkohol und Rückfälle zu sprechen. Ich möchte richtig an mir arbeiten. Aber so geht das leider nicht. Und es ärgert mich, wie weit ich mich von dem entfernt habe, was ich eigentlich sein möchte. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass ein besseres Leben als das hier für mich möglich ist.“ (Ja. Melodramatisch kann ich. Vor allem, wenn ich verkatert bin.) Auch hatte ich meine Suchttherapeutin kontaktiert und einen Termin für den nächsten Tag vereinbart. Ich hatte an einem NA-Meeting teilgenommen und einen Blogbeitrag geschrieben. Abends hatte ich schließlich die erste Sitzung meines Online-Seminars zum achtsamkeitsbasierten Selbstmitgefühl. Und. Ach, ja. Wäsche gewaschen hatte ich auch. 

Da musste er laut lachen: „Das bist so typisch Du, Nina. Und das ist Teil des Problems. Aber vielleicht auch Teil der Lösung.“

Und da hat er vermutlich recht.

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Bedauerliche Einzelfälle

Nein. Es geht in diesem Beitrag nicht um Nazis in der Bundeswehr oder rechte Chatgruppen bei der Polizei. Es geht auch nicht um Innenminister und Politiker:innen, die ein offenkundig strukturelles Problem vor sich und anderen klein reden. Nein. Es geht um mich. Die ein offenkundig strukturelles Problem vor sich und anderen klein redet. Und ich wünschte fast, es würde dabei um Nazis gehen. Das tut es aber nicht. Es geht um meinen Rückfall gestern. Und um den davor. Und davor. Bedauerliche Einzelfälle könnte man sagen. Klar. Denn zwischendurch läuft es ja gut, wie man hier auch lesen kann. Nur punktuell geht’s manchmal schief. Doch wenn die Punkte zusehends näher zueinanderrücken, hat man schließlich ein Problem. Ein strukturelles Problem. Vor dem man natürlich wie ein Innenminister die Augen verschließen kann, wodurch es allerdings nur schlimmer wird. Besser scheint es mir daher, der Wahrheit ins Gesicht zu blicken und diese hier auch aufzudecken: Ich habe wieder ein Problem. Ein Problem mit Alkohol. Und daran muss ich arbeiten.

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Anders freuen

Das Nicht-Trinken stellt einem im Alltag hin und wieder vor Herausforderungen. Zum Beispiel wenn man mit Freunden unterwegs ist, einem unverhofft was angeboten oder im Job plötzlich ein Glas in die Hand gedrückt wird. Und man kurz in dem Moment vergisst, dass man abstinent ist. Oder es gern vergessen würde, für den Moment, um kurz zu sein wie alle anderen. Aber das sind Dinge, mit denen man umzugehen lernt. Das klappt an sich ganz schnell und macht manchmal sogar Spaß. „Danke. Für mich nicht.“ Hat halt auch was Exklusives. Nur, dass Exklusivität eben exkludierend ist. 

Aber als Borderlinende ist man das ja schon gewohnt. Dieses Gefühl zu haben, nicht dazuzugehören. Aber auch besonders auf sich aufzupassen, wenn es einem schlecht geht, man extrem angespannt ist oder was Furchtbares geschieht. Zumindest ist das bei mir so eng mit Konsum verbunden, dass ich automatisch wachsam werde und mich an die Leine nehme. Aber auf Schicksalsschläge, Liebeskummer und weitere, unbestimmte Frustrationserscheinungen mit Trunkenheit zu reagieren, scheint gesellschaftlich recht akzeptiert und durchaus weit verbreitet. Damit bin ich mal nicht allein. 

Aber wesentlich schlimmer als wenn etwas Schlimmes passiert, ist, wenn einem etwas Gutes wiederfährt. Oder wie mein Selbsthilfegruppenleiter immer sagte: „Wenn es dir gut geht, gehe zur Gruppe; wenn es dir schlecht geht, renne zur Gruppe.“ Er hat zudem auch gesagt: „Hast Du Kummer, hast Du meine Nummer.“ Und ist insgesamt ein cooer Typ. Aber das ist eine andere Geschichte. Hier geht es um Konsumanlässe. Und neben Schicksalsschlag und Krise ist nichts gefährlicher als ein freudiges Ereignis. Zugegeben. Das Jahr 2020 war da schon ziemlich praktisch, denn Anlass zur feierlichen Fröhlichkeit war nun nicht sehr viel vorhanden. Gerade heute zwischen Attentat in Wien und dem noch offenen Ausgang der US-Wahl scheint nur ein frustrationsbedingter Rückfall irgendwie wahrscheinlich. Manche meinen angemessen. Bis mein Chef mich vorhin anrief. Und mich kurzerhand beförderte. 

Und, ja. Dann sitzt man halt so da. Mit seinen erlernten Verhaltensmustern, die einem sagen, dass man jetzt wirklich eine Flasche Champagner öffnen müsste. Mindestens. Um mit jemanden anzustoßen. Und später wild zu feiern und vollkommen zu eskalieren. Und man weiß gar nicht, was man machen soll, wenn das nun nicht mehr möglich ist. 

Ich habe mir schließlich einen Salbeitee gekocht. Mit Honig. Mit extra viel Honig, um ehrlich zu sein. Damit saß ich an meinem Schreibtisch und habe mich mehr so nach innen in mich hineingefreut. Aber vielleicht rufe ich nachher noch Menschen an, um es ihnen zu erzählen. Dann freuen wir uns zusammen. Vielleicht höre ich auch später noch Musik und tanze dann dazu. Und ganz vielleicht ersetze ich den Salbeitee dabei durch ein gesüßtes, mit Kohlensäure versetztes Erfrischungsgetränk. Das wäre doch mal was. Und beinahe eine Party.  

Monster Inc.

Mir geht’s in letzter Zeit sehr anstrengend. Und ich wusste nicht, warum. Aber ich wusste, dass ich schwer erträglich bin. Für mein Umfeld vermutlich, aber ebenso für mich. Nur kann ich nicht weggehen. Ich kann mich nicht stehen lassen, wenn ich übellaunig bin, wie die anderen es könnten, es aber nicht tun, was ich nicht nachvollziehen kann. Denn wäre ich nicht ich, sondern sie oder vielleicht sogar Du, wäre ich schon lange fort. Ja. Meine Gesellschaft ist zurzeit nicht sehr erquicklich. 

Man könnte auch sagen, das Ninakostüm über der Borderlinerin ist gerade ziemlich dünn. Eher eine hauchzarte Membran, die bei der kleinsten Reizung aufreißt. Dabei dachte ich Ende letzten Jahres noch, ich hätte gar kein Borderline mehr. Versteht mich nicht falsch; wir alle haben lebenslänglich. Aber die Ausprägungen fühlten sich mittlerweile derart schwach an, dass ich davon ausging, fünf von neun Kriterien (nach DSM V) nicht mehr zu erfüllen. Borderline wächst sich im Alter aus, so sagt man doch. Was auf mich leider nicht zutrifft. Ich hatte weiter volle Punktzahl. Und seit ein paar Wochen fühlt es sich auch noch so an. 

Ich bin wütend. Ständig wütend. Auf alles. Ohne Grund. Und gibt es einen Grund oder vielmehr einen Anlass, denn für neurotypische Menschen wäre dieser Anlass mit Sicherheit kein Grund, rege ich mich auf. Und werde ziemlich unfreundlich. Und umso näher mir ein Mensch steht, umso mehr kriegt er es ab. Das ist gleichwohl paradox wie logisch. Denn ist mir die Person lediglich entfernt bekannt, will ich mir nicht die Blöße geben und schaffe es – oft leider auch mehr schlecht als recht – mich irgendwie zusammenzureißen. Für meine Freundinnen und Freunde ist das natürlich doof, denn die haben nichts davon. Und mir tut alles furchtbar leid und ich bitte dementsprechend ständig um Verzeihung.

Aber man macht auch positive Erfahrungen. Erstaunlicherweise. Wenn man ungefiltert alles rauslässt und nichts mehr hinunterschluckt. Meine Kolleginnen versicherten mir zumindest, dass eine bestimmte Person solche sexistischen Witze wahrscheinlich niemals mehr erzählen wird – auch wenn mir die Heftigkeit meines verbalen Ausbruchs hinterher sehr peinlich war und ich mich geschämt habe. Wie ich es seit ein paar Wochen ständig tue, weil ich meine Gefühle nicht im Griff habe. Mich dauernd wie ein Monster verhalte und mich daher wie ein Monster fühle und anfange zu glauben, ein Monster zu sein. Und es wird konstant schlimmer wird und ich wusste nicht, warum. Bis zur letzten Woche. Da hatte ich plötzlich die Idee. 

Ich wollte in diesem Jahr endlich frei sein. Frei von Drogen. Frei von Alkohol. Und auch frei von Nikotin. Deshalb hatte ich vor zehn Wochen – zu allem anderen – auch noch mit Rauchen aufgehört. Das war die ersten Tage schwierig, doch schien es im Gröbsten bald vorbei. Das dachte ich wenigstens, denn ich dachte nicht ans Rauchen, nicht so, dass ich es tun wollte. Deshalb brauchte ich eine Weile, um einen Zusammenhang zu sehen zwischen dem neuen Ninamonster, was seit Wochen alle peinigt, und dem Nikotinentzug. 

Ok. Vielleicht gibt es den auch gar nicht, diesen Zusammenhang. Aber ich bin seitdem zutiefst erleichtert, eine Ursache für mein Verhalten zu haben. Eine externe Ursache, die bedeutet, dass ich nicht zunehmend freidrehe und dauerhaft zum Monster werde. Denn wenn es gerade derart schlimm ist, ist der Höhepunkt vielleicht erreicht, so dass es danach besser wird. Das ist zumindest meine Hoffnung.  Zumal die nächste Stufe bedeuten würde, dass ich fremde Menschen auf der Straße angreife. Und das will ich nun wirklich nicht. Nein.

Ich wollte in diesem Jahr frei sein. Frei von Drogen. Frei von Alkohol. Und frei von Nikotin. Aber ich merke, dass etwas nicht mehr zu nehmen, noch lange nicht heißt, frei davon zu sein. Das ist nur der erste Schritt. Wirklich frei zu sein bedeutet, nicht mehr ständig daran zu denken und dabei das Gefühl zu haben, etwas zu entbehren. Und bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Bei allem. Aber den ersten Schritt hab‘ ich gemacht. 

Wir hatten ja nichts

Ich mag Menschen. Ich mag Menschen sogar sehr. Ich kann sie nur nicht so gut um mich haben. Zumindest nicht immer und die ganze Zeit. Oder wie ich schon mal schrieb: Gesellschaft zu brauchen und nur bedingt ertragen zu können, ist eine der fieseren Paradoxien meiner Persönlichkeitsstruktur. Daher mag ich soziale Medien ebenfalls sehr. Man hat Menschen um sich rum, aber auf sichere Distanz. Man kann zusehen, wie sie diskutieren, flirten, streiten oder scherzen. Das ganze Spektrum menschlicher Verhaltensweisen bildet sich auf ihnen ab. Und man kann sich einbringen oder es lassen. Alles kann, nichts muss. Ein digitaler Swingerclub. Nur für Kommunikation. Doch das Beste daran ist: Man ist immer in Gesellschaft und trotzdem stets für sich allein. Und was sonst schon extrem praktisch war, wird gerade essentiell. Denn als Einpersonenhaushalt ist man nun dauerhaft allein. Was nach einer gewissen Zeit sogar für mich nicht allzu schön ist. Nur Kontakt zur Kernfamilie ist gerade noch erlaubt. Nur bin ich selbst die Kernfamilie. Und trotz diverser Streitigkeiten, die kommen auch in den Besten vor, wird das irgendwann mal fad. So verbringe noch mehr Zeit mit mir halbwegs fremden Menschen in eben diesem Internet. Bei Twitter, um genau zu sein. Das ist das Medium meiner Wahl. Doch das hat auch seine Tücken. Ich meine nicht die rechten Trolle, Shitstorms oder Mansplainer, die einem dort dauerhaft begegnen. Nicht die Besserwissser, Selbstdarsteller oder Hater. Nein. Ich meine etwas anderes. Lasst mich das kurz illustrieren:

@pixieapfelbaum, 19. März: Ich am Anfang der Iso „Oh man ich werde SO auf meinen Körper achten und die Zeit dafür nutzen richtig zu entgiften und Sport zu machen“ Ich nach 4 Tagen „Schon neun Uhr wie schmeckt wohl Gin im Kaffee?“

@FJ_Murau, 21. März: Quarantäne-Daydrinking: Bund- oder Ländersache? Oder einfach nur grobe Richtlinien vom RKI?

@bergdame 21. März: Warum steht eigentlich auf keiner dieser Notfall-Vorratslisten „viel Wodka“ an oberster Stelle? Da stimmt doch was nicht.“

 @wortgucker, 23. März: Aber was machen wir, wenn das Bier alle ist?

@FabienneHurst , 24. März: „Ab wie vielen Tagen self isolation macht ihr euch genau so viele Sorgen um eure Leber wie um eure Lunge?“

 @Steonato, 25. März: „Wenn man in „Homeoffice“ nur acht Buchstaben verändert, steht da „Gin-Tonic“.“

@frank_opitz, 27. März Spült ihr das Weinglas eigentlich zwischendurch mal oder zieht ihr durch?

Ja. Das Internet ist ein Spiegel der Gesellschaft. Und Alkohol gehört in unserer Gesellschaft normativ dazu. In dieser Situation erst recht, wie es scheint. Und, nein. Die Zitierten sind keine Drogis, Druffis oder irgendwelche prekären gesellschaftlichen Randgruppen. Das sind Journalistinnen, Wissenschaftler, Autorinnen und Kulturschaffende. Also, nicht gerade der schlechte Umgang, vor dem mich meine Eltern immer gewarnt haben. Aber Alkoholkonsum ist ohnehin bei Akademikerinnen und Akademikern überdurchschnittlich hoch und gehört in ihrem Selbstverständnis zum „guten Lebensstil“ dazu. Trotzdem. Solche Tweets zu lesen, das macht etwas mit mir. Und zwar auf verschiedenen Ebenen.

Ich mache mir Sorgen um die Leute. Wenn sie nur annähernd so viel trinken wie sie schreiben, haben sie bald ein Problem. Ein Problem, das ich gut kenne. Und wer Anhänglichkeit doof findet, wird Sucht auch nicht sehr zu schätzen wissen. Die wird man nämlich niemals los. Wirklich nicht. Das leitet mich zum nächsten über: Derlei Botschaften triggern mich gewaltig. Man muss sich das so vorstellen: Man ist zu Hause eingesperrt. Wochenlang. Ohne menschlichen Kontakt. Berufliche Beziehungen sind auf Mails, Telefonate und Videokonferenzen reduziert. Kurz: Würde ich die perfekte Situation für einen Rückfall konstruieren wollen, sie würde wohl exakt so aussehen. Keiner sieht es. Keiner kriegt es mit. Ich habe keine Verpflichtungen und muss niemanden Rechenschaft ablegen. Das ist verführerisch. Hinzu kommt noch die Einsamkeit. Gegen die hat Alkohol mir immer gut geholfen. Ja. Abstinenz fiel mir schon leichter. Was mir aber hilft, ist eben nicht allein zu sein. Schließlich gibt es nicht nur fremde Menschen im Internet, sondern Freundinnen und Freunde, viele Telefonate und lange Abende auf Skype. Und ich wünsche allen, dass sie ebenso viel Unterstützung haben. Denn auch mit diesen Schwierigkeiten bin ich sicher nicht allein.