Geheimwaffe

Ich habe in der mitgefühlsbasierten Therapie gerade etwas ganz Tolles gelernt. Ich meine, ich habe da schon viele tolle Sachen gelernt. Ganz rrnsthaft. Aber das ist jetzt auch noch ziemlich praktisch. Und im Alltag wirklich hilfreich. Nämlich: Mitgefühl. Ja, ich weiß. Das kommt jetzt etwas überraschend. Das soll auch nicht heißen, dass ich Mitgefühl vorher nicht kannte oder nie empfunden habe. Aber mein tiefstes Mitgefühl war eher für Menschen in bestimmten Situationen reserviert. Herausforderungsvolle. Schmerzhafte. Anstrengende. Oder generell für Menschen, die einem besonders nahestehen. Und dort setzt auch eine Übung an: Liebevolle Güte für ein geliebtes Wesen. Wir sollen uns einen Menschen vorstellen, den wir besonders gernhaben. Jemand, der uns glücklich macht. Und ihm folgende Dinge wünschen:

  • Ich will, dass es Dir gut geht.
  • Ich möchte, dass Du glücklich bist.
  • Mögest Du kein Leid erfahren.

Ok. Bei einem geliebten Wesen ist das natürlich ziemlich einfach. Aber im Grunde genommen sind sich auch alle Menschen gleich. Wir haben ein Gehirn, das wir uns nicht ausgesucht haben. Einen Geist, der oft chaotisch ist mit widerstreitenden Gedanken und Gefühlen. Und eine Biographie, die wir uns ebenfalls nicht ausgesucht haben. Uns aber nachhaltig geprägt hat. Menschsein ist daher nicht einfach ist. Und damit befinden wir uns alle in der gleichen Situation. Und haben Mitgefühl verdient.

  • Ja, auch die Kollegin im Büro, die offenkundig sehr frustriert und deshalb zu mir ätzend ist, hat Mitgefühl verdient.
  • Der alkoholisierte Typ, der sich einfach zu mir setzt, wenn ich meine Ruhe will. Und dabei nicht nur übel riecht, sondern Dinge wissen will, die ihn niemals etwas angehen, hat Mitgefühl verdient.
  • Und auch die Gruppe Jugendlicher hier in meinem Kiez, die – so charmant wie sie halt sind – mich im langsamen Vorbeigehen mit einer Salve von Sexismen überhäuft, hat Mitgefühl verdient.

Denn Menschsein ist nun mal nicht einfach. Und in den Situationen ist es das auch nicht für mich. Doch anstatt genervt zu sein, mich aufzuregen oder verbal zu eskalieren, versuchte ich es einmal anders. Ich sah sie an und sagte mir: Ich will, dass es Euch gut geht. Ich möchte, dass Ihr glücklich seid. Möget Ihr kein Leid erfahren. Und das funktioniert. Tatsächlich. Ich bin zumindest ruhig geblieben, habe niemanden beleidigt und Schlägereien gab es auch nicht. Das ist doch schon mal ein Erfolg.

Der nächste Schritt bei der Liebevollen Güte für ein geliebtes Wesen ist übrigens Liebevolle Güte für sich selbst. Ich trainiere aber erstmal weiter mit Arschlöchern. Das scheint mir trotzdem noch viel leichter.

14 Gedanken zu “Geheimwaffe

  1. Liebste Nina,

    Keine Ahnung wie du das machst, aber immer wieder schaffst du es das ich Dinge im eigenen Leben besser verstehe bzw. überhaupt Zugang zu diesen finde.

    Danke dafür.

    (Und denk dran, ein Buch egal in welche Richtung ist schon fast Pflicht)

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  2. Hey,

    hm ich hab Mitgefühl im Überfluss. Aber was ich spannend finde, „Aber mein tiefstes Mitgefühl war eher für Menschen in bestimmten Situationen reserviert. Herausforderungsvolle. Schmerzhafte. Anstrengende. “ Für die hab ich nämlich sehr viel Mitgefühl. Viel zu viel. Für andere dagegen weniger, wobei ich es immer noch einigermaßen normal einschätzen würde.
    Das Problem, ich habe NULL Mitgefühl für die Personen, die meiner Meinung nach verantwortlich sind, dass die oben genannte Gruppe so ist, wie sie ist. Herausforderungsvoll, schmerzhaft, anstrengend. Wie ist das bei Dir, klappt das?

    Ich hab vor nicht allzulanger Zeit mit nem raketenvollen Obdachlosen geredet. Ich mach das hin und wieder mal. Der war auch zuvor aggressiv zu einigen Leuten. Aber dann war er ganz ruhig. Wenn man ihm zuhört. Er wollte so gern von seinem Papa mal in den Arm genommen werden. Dann tat sich das halt mal. Und erstaunlich, wie verachtend einen die anderen „normalen Menschen“ angucken, wenn man das macht, einen alkoholisierten Obdachlosen in den Arm nehmen. Und für die Leute fällts mir dann schwer Mitgefühl zu entwickeln 😦

    Cheers

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    1. Das hast Du toll gemacht!! ❤️

      Für die Menschen, die einen nerven oder einem selbst bzw. anderen Leid zufügen, Migefühl zu empfinden, ist wirklich eine harte Übung. Aber allein zu versuchen diese Haltung einzunehmen, hat in den Momenten meine Wahrnehmung und Gefühle tatsächlich schon verändert. Das ist wirklich faszinierend. Was natürlich nicht bedeutet, dass man bestimmte Verhaltensweisen entschuldigt. Aber es hilft mir zumindest besonnener damit umzugehen. Und es mehr bei den Personen zu lassen als an mich heran.

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      1. Danke! ❤

        Ja das macht Sinn. Also dass es bei den Personen bleibt und nicht zu weit an einen heran getragen wird. Auch dass sich die Gefühle ändern. Finde es schwer da das gesunde vom ungesunden zu unterscheiden. Natürlich haben auch Nazis offensichtlich als Kinder sehr gelitten, da hab ich auch ein Hauch von Mitgefühl, trotzdem möchte ich mich so aktiv wie mir möglich ist gegen dies Gruppe stellen und positionieren. Gibt doch einige wo es mir echt schwer fallen würde.

        Aber da müsste ich vielleicht auch mal an mich denken. Das wäre vielleicht die erste Challenge 😉

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      2. „Und es mehr bei den Personen zu lassen als an mich heran“ — wenn ich es schaffe, einfach zu akzeptieren, dass jeder einen Grund hat, so zu sein wie er/sie nun mal ist, und ich möglichst nicht darüber urteilen sollte (außer es ist wirklich jemand, der anderen Leid zu fügt — aber dann sollte man ja eh aktiv einschreiten), helfe ich mir damit erst mal selber, denn ich bin dann gelassener, freundlicher, fröhlicher, entspannter, etc…. Und oft genug hilft man der anderen Person damit auch ganz viel. So geht’s mir jedenfalls — aber es ist wirklich viel Arbeit, bis dahin zu kommen.

        Cheers,
        Corinna

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  3. Sehr schön geschrieben… Ich versuche es immer wieder mit dem Mantra „Do not judge the life of others, for you have no idea what their journey is all about.“ Klappt meistens gut, hängt aber auch immer von meiner Tagesform ab, ;-).

    Und manchmal kommt man natürlich auch nur zu dem Ergebnis, dass es Menschen gibt, bei denen mir wirklich mehr als egal ist, wohin ihre Reise geht. Und denen kann man dann halt nur hinterher winken und eine gute Reise wünschen…

    Ja, aber es hilft. Auch zum eigenen Seelenfrieden zu kommen und sich nicht ständig über andere aufzuregen. Obwohl ich da wirklich so ein paar Aufreger hätte… Boah, nee, ey, :-).

    Cheers,
    Corinna

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