Sex mit dem Tiger

Ich weiß nicht, ob Euch das schon aufgefallen ist: Wir beschäftigen uns dauernd mit Problemen. Probleme, die in der Vergangenheit liegen oder Probleme, die uns in Zukunft wohlmöglich wiederfahren können. Wir analysieren, sorgen und bekümmern uns ständig. Und das tun wir alle. Besonders, wenn wir zur Ruhe kommen. Aber ebenfalls, wenn wir uns eigentlich auf wichtiges konzentrieren wollen. Das ergab auch eine Studie der Harvard Universität. Zu 47 Prozent der Zeit schweifen wir von dem ab, was wir gerade tun. Beim Sex sind es nur 10 Prozent. Was mir so einiges erklärt. Aber ich will jetzt hier nicht ablenken. Denn abgelenkt sind wir offenkundig schon genug. Und dabei fokussieren wir uns meist auf Gefahren und Probleme. Und Überraschung: Das ist eigentlich ganz gut. Zumindest evolutionär. Weil unser Gehirn nicht darauf ausgelegt ist, glücklich zu sein. Sondern darauf zu überleben. Und das war extrem hilfreich als wir halbnackt durch die Savanne liefen. Da war das sinnvoll darüber nachzudenken, was man bei Nahrungsknappheit tut oder wie man dem Tiger am besten schnell entkommt. Anstatt sich an Blumen oder einem Sonnenaufgang voll Verzückung zu erfreuen. Nur gibt es eben kaum noch Tiger und Essen haben wir meistens auch genug. Doch das System, das ist geblieben. Und unser Gehirn konzentriert sich weiter auf Gefahren und Probleme. Ständig. Das kann man als unangenehm empfinden. Viele tun das sogar auch. Weil Gefahren und Probleme eben sehr bedrohlich sind und uns das in Stress versetzt. Die kritischen Gedanken sind damit unser Tiger, vor dem wir dauernd fliehen und der uns ständig hinterherläuft. Doch daran kann man arbeiten. Und Achtsamkeit soll dabei helfen. So sagen es die Therapeuten in meiner MSC-Studie.

Achtsamkeit für die eigenen Gedanken. Achtsamkeit für das dabei empfundene Leid. Um dies nicht weiter zu verstärken, indem man sich dagegen wehrt. Sondern es wahrzunehmen und anzunehmen. Ohne zu bewerten. Es zu akzeptieren wie es ist. Zum Beispiel so: Ich habe viel zu lange an diesem Text gesessen! Ich war abgelenkt. Vermutlich gar 50 Prozent. Von diesem blöden Internet! Jetzt ist es spät. Tausend Dinge unerledigt. Verdammt! Ich bin so unfähig. „Achtsamkeit öffnet sich freundlich der momentanen Erfahrung“. Oh. Ich ärgere mich gerade. Hallo Ärger. Hallo Nina. Na, wieder gut am Start heute, was? Ja. Läuft bei mir. „Mitgefühl wendet sich freundlich dem Erfahrenen zu.“ Hallo, lieber Ärger, ich kann verstehen, dass Du da bist. Oh, danke. Ich bin auch sehr gerne bei Dir. Ist wirklich ärgerlich hier alles, was? Ja. Absolut. Wollen wir uns zusammen ärgern? So richtig aufregen? Richtig derbe aufregen? Prima. Na, dann los!

Ok. Irgendwas mache ich dabei noch falsch. Vielleicht muss ich noch mehr üben. Oder öfter meditieren. Oder die ganze Zeit Sex haben. Das ist vermutlich die einfachste Lösung.

15 Gedanken zu “Sex mit dem Tiger

  1. Die ganze Zeit Sex haben? Ich würde das ja als gesamtgesellschaftlichen Lösungsansatz vorschlagen wollen. Oder mindestens täglich verordnen. So ein bis zwei Stunden. Es wäre einen Versuch wert und vielleicht würden wir mittelfristig viele Streitereien aus der Welt schaffen.

    Gefällt 1 Person

    1. Wie die Bonobos? 😁 Aber im Ernst: Kuscheln hilft tatsächlich gegen Stress. Sowie Wärme, Berührung und eine bestimmte Stimmlage. So wie wir auch mit kleinen Kindern sprechen würden. Und das sollen wir lernen auf uns selbst anzuwenden, um uns zu beruhigen und zu entstressen. Harte Aufgabe. Aber nicht unmöglich.

      Gefällt 1 Person

  2. Bonobos ❤
    Für mich gesprochen ist vermutlich, dass ich keine Ahnung hab wie ein Tiger aussieht und hin und wieder (gar nicht so arg selten) ein Kaninchen oder Eichhörnchen für Tiger halte.
    Achtsamkeit ist aber echt auch schwer zu lernen finde ich. Vor allem achtsam sein bei jemandem, den man nur zu oft kategorisch ablehnt.
    Und ich finde ehrlich gesagt auch, dass man aufpassen muss nicht "überachtsam" zu sein. Denn damit lenke ich mich auch hin und wieder zu stark ab. Weil ich dann anfange wirklich alles zu analysieren in mir. Da kann ich mich auch genüsslich drin verlieren.

    In meinem nächsten Leben möchte ich ein Bonobo sein. Oder ein Vogel.

    Gefällt 1 Person

      1. Hmm. Ok Mitgefühl hab ich eigentlich extrem viel….aber ja, in der Tat exakt gar keins mit mir selbst. Ich weiß nicht, ich hänge da manchmal in ner Dauerschleife. Wie oft wenn es um Gefühle geht. Es ist halt nie genug. Alles was ich früher verpasst habe an Interesse an mir, Zuneigung, Gefühlen etc. muss dann aufgeholt werden. Also vermeindlich. Jedenfalls klappt das mit Achtsamkeit und Selbstreflexion etc. nur selten im richtigen Maße. Leider.

        Gefällt 1 Person

  3. Beim Sex schweifen wir zu 10% von dem ab, was wir gerade tun?
    Verdammt… wer nimmt an solchen Studien teil?
    Beim Sex bin ich ja nicht mal fähig überhaupt einen klaren Gedanken zu fassen. Wenn ich dabei dann noch abschweifen würde 😀

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s